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19. Juli 2017, 01:01 Uhr

Welt-Schwimmverband

Vizepräsident unter Korruptionsverdacht

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Hat einer der mächtigsten Sportfunktionäre der olympischen Welt Millionenzahlungen abgezweigt? Diesen Verdacht legt eine Tonbandaufnahme nah, die dem SPIEGEL vorliegt.

Der Schwimm-Weltverband Fina wird wenige Tage vor der Präsidentschaftswahl in Budapest von einem neuen Skandal erschüttert. Wieder einmal steht Husain Al-Musallam, Adlatus des mächtigen IOC-Scheichs Ahmad Al-Fahad Al-Sabah und Erster Vizepräsident der Fina, im Zentrum einer Affäre.

Der Multifunktionär Al-Musallam hat als Generaldirektor des Olympischen Rats Asiens (OCA) offenbar von einer Geschäftspartnerin Zahlungen verlangt, die auf Privatkonten fließen sollten. Dies legt ein 20-minütiger Audio-Mitschnitt des Treffens nahe, den der SPIEGEL und die Londoner "Times" exklusiv ausgewertet haben.

"Zehn Prozent geht an uns, acht Prozent an sie", sagt Al-Musallam in dem Gespräch und gibt einer chinesischen Vermittlerin genaue Ratschläge, wie die abgezweigten Summen verbucht werden könnten, die "Kommissionen" genannt werden. Sie sollte dafür eine Firma in Hongkong gründen. Eine weitere Pauschale sollte als sogenannte Bürogebühr abgezweigt werden. Al-Musallam bezifferte den Wert der Sponsorenverträge mit dem Verband OCA, der unter anderem das Mega-Event Asienspiele austrägt, auf mindestens "40 bis 50 Millionen Dollar". Alles darunter habe "keinen Wert".

Kenner der Fina erklären, die männliche Stimme sei die von Al-Musallam, der 57-Jährige selbst reagierte nicht auf schriftliche Anfragen. Al-Musallam spricht auf dem Band mehrfach von "uns", theoretisch könnte damit auch eine zwischengeschaltete Marketingagentur der OCA gemeint sein.

Asiens Olympiarat OCA zweifelte die Authentizität des Mitschnitts nicht an, behauptete aber, das Material werde für eine politische Kampagne benutzt, um die Wahl am Samstag zu beeinflussen. Der Begriff "Kommissionen" wird in der olympischen Welt traditionell benutzt, wenn Top-Funktionäre Geld abzweigen - ausführlich dokumentiert ist das unter anderem aus dem gigantischen ISL-Bestechungsprozess, den Fifa-Strafverfahren oder auch dem Volleyball-Weltverband FIVB.

Das Potenzial der in dem Gespräch skizzierten "Kommissions"-Zahlung ist gewaltig, denn Al-Musallam hat über Jahre viele Dutzend große Sponsoring-Verträge für OCA und verschiedenste Großveranstaltungen verhandelt. Sollten dabei tatsächlich zehn Prozent abgezweigt worden sein, würde sich das auf einen hohen Millionenbetrag summieren.

Das OCA erklärt dazu, bei Sponsorendeals wäre weder direkt noch indirekt Geld an OCA-Funktionäre geflossen. Die Handlungsanweisung in diesem Gespräch, das am Rande der asiatischen Beach-Games 2012 in China stattfand, legen andere Schlüsse nahe: Demnach sollten von den Sponsoringbeträgen nur maximal 82 Prozent auf OCA-Konten landen.

Präsident des Olympic Council of Asia (OCA) ist Scheich Ahmad Al-Fahad Al-Sabah, der wie Al-Musallam aus Kuwait stammt. Scheich Ahmad ist einer der einflussreichsten Sportfürsten des Planeten und hat in den vergangenen Jahrzehnten mehrere Wahlen von Olympiastädten, Asienspiele und Vorstandswahlen in Weltverbänden maßgeblich beeinflusst - allen voran die Kür des Deutschen Thomas Bach zum IOC-Präsidenten im September 2013. Es gibt seit vielen Jahren zahlreiche Hinweise und Belege auf unsaubere Machenschaften im Umfeld des Scheichs.

Die US-Justizbehörde weitet Ermittlungen auf andere Sportverbände aus

Ende April 2017 wurden Scheich Ahmad und sein Helfer Al-Musallam in einer Anklageschrift der US-Justiz im Rahmen des Fifa-Verfahrens als Mitverschwörer geführt. Sie sollen dem Fußballfunktionär Richard Lai insgesamt 850.000 Dollar Schmiergeld gezahlt haben, um Wahlen in der Fifa und im asiatischen Fußballverband AFC zu beeinflussen. Lai hat vollumfänglich gestanden und erwartet eine lange Haftstrafe. Die mutmaßlichen Schmiergeldzahlungen sind dokumentiert. Scheich Ahmad und Al-Musallam beteuern ihre Unschuld, haben sich inhaltlich indes nie dazu geäußert und auch die jüngsten umfangreichen Anfragen des SPIEGEL nicht beantwortet.

Aus dem US-amerikanischen Justizministerium, dem Department of Justice DOC, hieß es, man erteile schon deshalb keine Auskünfte darüber, ob Strafverfahren gegen Personen wie die beiden Kuwaiter laufen, um gegebenenfalls die Ermittlungen nicht zu gefährden. Die Nennung von Scheich Ahmad und Al-Musallam als Mitverschwörer in der jüngsten Anklageschrift sei nicht mit der Einleitung von Strafverfahren gleichzusetzen. Die Schweizer Bundesanwaltschaft teilte mit, über die Fifa-Verfahren hinaus seien derzeit keine weiteren Strafverfahren gegen Olympia-Funktionäre anhängig.

Nach Informationen des SPIEGEL werden die insgesamt knapp 60 Fifa-Strafverfahren und die zahlreichen anderen olympischen Strafverfahren in Frankreich, Brasilien und anderen Ländern zunehmend vernetzt. Der Audio-Mitschnitt aus dem Jahr 2012, der Husain Al-Musallam erneut schwer belastet, soll den Strafermittlern vorliegen.

Husain Al-Musallam gab bis Dienstagabend keine persönliche Erklärung ab. Wohl aber traf er sich mit dem amtierenden Fina-Präsidenten Julio Maglione aus Uruguay und Fina-Generaldirektor Cornel Marculescu am Dienstagnachmittag im Four Seasons Hotel in Budapest zu einer Krisensitzung. Die Stimmung sei äußerst angespannt gewesen, berichten Beobachter.

Maglione tritt am Samstag beim Fina-Kongress im Hotel Intercontinental zur Wiederwahl an und hat mit dem Italiener Paolo Barelli einen energischen Herausforderer. Barelli, ebenfalls ein langjähriger Fina-Funktionär und Präsident des europäischen Verbandes LEN, hat der Kuwait-Fraktion den Kampf angesagt und ist deshalb vergeblich auch vor den Welt-Sportgerichtshof Cas gezogen. Vor zwei Jahren hatte die Fina für die Wiederwahl des inzwischen 81-jährigen Maglione die Regeln geändert. Maglione kann die Präsidentschaft jederzeit an seinen Ersten Vizepräsidenten Al-Musallam übergeben, so ist es geplant. Und das, obwohl Kuwaits Schwimmverband derzeit suspendiert ist und sich der kuwaitische Verband energisch gegen die Kandidatur des belasteten Al-Musallam ausspricht.

In einer dreizeiligen Stellungnahme erklärte die Fina, man werde die Vorwürfe gegen den Vizepräsidenten Al-Musallam aufmerksam verfolgen, da dieser Fall allerdings das Olympic Council of Asia betreffe, sehe man keinen Handlungsbedarf: "Fina-Regeln wurden hier nicht verletzt."

Die Kommunikationsabteilung des IOC erklärte, man habe umgehend die IOC-Ethikkommission über die neuen Vorwürfe informiert. Vom OCA ist allerdings keine Aufklärung zu erwarten. Denn gemäß Reglement bestimmt nur eine Person die Zusammensetzung der sogenannten OCA-Ethikkommission: Scheich Ahmad, der OCA-Präsident, Boss und engster Mitstreiter von Husain Al-Musallam.

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