Flaute beim America's Cup "Das kann noch Tage so andauern"

Es will einfach nicht wehen: Auch am zweiten Tag der Herausfordererrennen zum America's Cup blieben die zwölf Boote an Land. Die Kritik am Austragungsort wächst. Besserung ist nicht in Sicht: Das Wasser ist zu warm, die Sonne zu schwach.

Von Andreas Kling, Valencia


An der Kieler Förde, wo übrigens gewohnt herrlicher Segelwind wehte, liefen die Telefondrähte heiß. Diplom-Meteorologe Meeno Schrader von der Firma "Wetterwelt" wurde immer wieder gefragt, warum denn dieser Tage ausgerechnet in Valencia totale Flaute herrsche. Schließlich laufe dort doch gerade der legendäre America's Cup, jene berühmteste Regatta der Welt, deren Austragung wegen der angeblich stets guten Bedingungen an die spanische Hafenstadt vergeben worden war.

Mitglied des Emirates Team Neuseeland: "Siehste, hab ich doch gleich gesagt!"
AP

Mitglied des Emirates Team Neuseeland: "Siehste, hab ich doch gleich gesagt!"

Schrader runzelte die Stirn, hatte die Antwort aber ohne erneuten Blick auf seine Computermodelle schon parat. Schließlich berät er auch das deutsche United Internet Team Germany bei der AC-Herausfordererserie, dem Louis Vuitton Cup, und ist rund um die Uhr up to date. "Die Wetterlage ist ungünstig", erklärt der Wettermann, "die thermische Seebrise kann sich durch negative Einflüsse nicht so aufbauen wie wir es uns wünschen." Dieser Seewind entsteht normalerweise, wenn die Sonne das Land tagsüber stärker erwärmt als das Wasser. Dadurch steigt die warme Luft über dem Festland auf und saugt quasi von unten die Seeluft an.

Soweit die Theorie. Zwar scheint die Sonne nach einem kalten und verregneten Frühlingsbeginn seit Montag auch in Valencia wieder. Doch sie ist im April noch zu schwach, ihre momentanen Widersacher zu verbrutzeln. Da wäre zum einem die diesige Feuchtigkeit, die erstmal verdunstet sein will, bevor die Thermik ausgelöst wird. Schrader: "Außerdem wirken die derzeitigen Luftdruckgegensätze in der Höhenluft dem Seewind entgegen.“ Das Zentrum des Hochdruckgebiets, das immerhin schon wetterbestimmend geworden ist, liegt nördlich von Valencia. Und von dort brist es aus Sicht der Segler in der Höhe in die falsche Richtung, wirkt der Seewindzirkulation entgegen, hinterläßt an der Wasseroberfläche Flaute.

Aber ist das nun ungewöhnlich. Oder wäre es voraus zu sehen gewesen? Allmählich bekommen die Kritiker Oberwasser, die Valencias Windsicherheit schon immer bezweifelten. Einer davon war und ist kein geringerer als der dreimalige America's Cup-Gewinner Russell Coutts, der Alinghi 2003 zum Sieg steuerte, sich danach aber mit dem Schweizer Syndikatsboss Ernesto Bertarelli überwarf und aus dem Team flog. Coutts war gegen Valencia als Austragungsort. Vorgestern soll der Neuseeländer nicht ohne Häme bei Wettfahrtleiter Peter Reggio auf dem Handy angerufen haben. Botschaft des Gesprächs: "Siehste, hab ich doch gleich gesagt!"

Soweit will Meeno Schrader nicht gehen, doch seine langfristige Prognose vor einem Monat hatte bereits vor schwächerem Wind gewarnt. "Durch den auch in Spanien extrem warmen Winter ist das Mittelmeer um ein Grad wärmer als gewohnt (15 Grad Celsius, d. Red.). Das reduziert das notwendige Temperaturgefälle zwischen Wasser und Land schon mal", so der Wetterexperte, der einst die britische Weltumseglerin Ellen MacArthur bei ihrer Rekordfahrt rund um den Globus beriet. Als Reggio nachmittags auf der Regattabahn noch hoffte, wusste Schrader in Kiel schon längst, "das kann heute nichts mehr geben."

Allmählich gerät das veranstaltende America's Cup-Management (ACM) unter Druck, denn nach dem zweiten Totalausfall müssen am zweiten und letzten Reservetag, dem kommenden Montag (23. April), die Rennen drei und vier gesegelt werden. Fallen noch mehr Wettfahrten aus, droht der Zeitplan komplett aus den Fugen zu geraten. Es wird bereits spekuliert, den Ruhetag am Dienstag zu opfern, oder gar Wettfahrten aus der ersten Runde in der zweiten Round Robin jeder gegen jeden (25. April bis 6. Mai) nachzuholen, wo bisher für jedes Team nur ein Matchrace pro Tag vorgesehen ist. Noch gibt es also Ausweichmöglichkeiten, doch die Nervosität steigt bei allen Beteiligten.

Die Fernsehsender bekommen Probleme

Schon jetzt steht den Fernsehstationen weltweit das Wasser bis zum Hals. Nie zuvor war soviel Liveberichterstattung vom Segeln geplant, wie zum 32. America's Cup. Auch ARD und ZDF reichen sich das Staffelholz täglich durch die Flaute. Zum Auftakt hatte das Zweite nach 50 Minuten "Konserven" abgebrochen, die Einschaltquote war außerdem niedrig. Am Dienstag sendete der ARD-Digitalkanal Eins Festival mangels aktueller Action teils alte Rennen. Wenig Hoffnung macht den Fernsehsendern der Ausblick von Meeno Schrader: "Wir haben eine sehr stabile Luftschichtung. Das kann noch ein paar Tage so andauern."



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