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Cricket in Deutschland: Entwicklungshilfe aus Afghanistan

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"Fantastische Spieler" Flüchtlinge sorgen für Cricket-Boom in Deutschland

Der englische Nationalsport Cricket boomt in Deutschland - auch dank Flüchtlingen aus Afghanistan. Hier erklärt der Chef des Deutschen Cricket-Bundes, warum Deutschland bald zu den besten Teams der Welt gehören könnte.
Zur Person
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Brian Mantle, 45, kam 1996 als Kommunikations- und Rhetoriktrainer nach Deutschland. Er leitete zunächst den Cricket-Verband in seinem Bundesland Nordrhein-Westfalen und übernahm vor sechs Jahren den Posten als Geschäftsführer des Deutschen Cricket-Bundes. Mantle spielt Cricket seit seiner frühesten Kindheit und ist stolz darauf, dass seine englischen Freunde nicht mehr lachen, wenn er über den deutschen Cricket-Sport spricht.

SPIEGEL ONLINE: Herr Mantle, im September wird darüber abgestimmt, ob Cricket olympisch wird. Sehen wir die deutsche Cricket-Nationalmannschaft bald bei Olympia?

Mantle: Sportlich ging es dem deutschen Cricket zumindest nie besser. Wir haben gerade die Qualifikation für die Weltliga geschafft, da spielen die besten 30 Cricket-Nationen gegeneinander. Durch den Sieg gegen Belgien bei den europäischen Meisterschaften sind wir jetzt quasi Europameister. Doch ob das für Olympia reicht? Eher nicht. Aber fragen Sie mich doch noch mal in sieben Jahren.

SPIEGEL ONLINE: Warum in sieben Jahren?

Mantle: Sieben Jahre muss man in Deutschland gelebt haben, um für die deutsche Cricket-Nationalmannschaft spielen zu dürfen. Und wir erleben gerade einen unglaublichen Cricket-Boom in Deutschland, vor allem dank der afghanischen Flüchtlinge. Es sind sehr viele fantastische Spieler unter den jungen Männern, die nach Deutschland flüchten mussten. Derzeit stehen schon zwei Jungs aus Afghanistan in unserem Kader, und ich glaube, dass die deutsche Nationalmannschaft in sieben Jahren zur Hälfte aus gebürtigen Afghanen besteht und richtig Qualität haben wird. In Hamburg lebt ein 24-jähriger Afghane, Izatullah Dawlatzai. Der ist seit zwei Jahren hier, in Deutschland hat von dem bestimmt noch nie jemand gehört. Aber in der Cricket-Welt ist er ein Superstar.

SPIEGEL ONLINE: Wie beliebt ist Cricket in Afghanistan?

Mantle: Es ist dort Nationalsport und eigentlich noch viel mehr als das. Die Taliban wollten Cricket verbieten, weil es in ihren Augen ein christlicher Sport ist. Aber das haben sie nicht geschafft, es ist einfach zu beliebt! An diesem Mittwoch nun hat Afghanistan die Chance, auch offiziell eine der wichtigsten Cricket-Nationen der Welt zu werden. In London stimmt das International Cricket Council (ICC), nach der Fifa und dem IOC übrigens der drittgrößte Verband der Welt, darüber ab, ob Afghanistan die höchste Mitgliedsstufe erreicht. Da sind aktuell die zehn größten Cricket-Nationen vertreten, es wäre eine riesige Ehre für dieses gebeutelte Land. Dabei gibt es den Sport dort erst seit etwa 30 Jahren. Afghanen, die im Krieg mit der Sowjetunion nach Pakistan und Indien flohen, brachten Cricket in ihr Heimatland.

SPIEGEL ONLINE: Und warum ist Cricket in Deutschland so unbedeutend?

Mantle: Das hat historische Gründe. Noch 1937 gab es allein in Berlin mehr als 50 Cricket-Vereine. Dann wurde Cricket von den Nazis verboten, weil es ihnen nicht "deutsch" genug war. Nach Kriegsende gab es den Sport hierzulande nicht mehr. Erst die englischen Soldaten und Studenten aus Pakistan brachten ihn zurück. Ohne die Nazis wäre Deutschland heute wahrscheinlich eine große Cricket-Nation.

SPIEGEL ONLINE: Und jetzt sorgen Flüchtlinge dafür, dass aus Deutschland doch noch eine wird?

Mantle: Ist das nicht wunderbar? Als ich vor sechs Jahren als Geschäftsführer beim Verband anfing, hatten wir 70 Mannschaften. Heute sind es 300. Allein in meinem Heimatverein in Essen spielen 120 Afghanen Cricket. Für sie ist dieser Sport ein Stück Heimat. Sie kommen in ein fremdes Land, Sprache, Essen, Kultur, alles ist neu. Aber Cricket ist überall auf der Welt gleich, dieser Sport ist 400 Jahre alt und bewahrt seine Tradition wie sonst keine andere Sportart.

SPIEGEL ONLINE: Integration durch Cricket.

Mantle: Ja, weil Cricket ein Mannschaftssport ist, in dem einer dem anderen helfen muss. Der Sport ist viel intensiver, als er aussieht, beim Schlagen und Werfen braucht es Kraft und Geschick. Damit bietet er die Möglichkeit, auch Frust und Stress durch Sport abzubauen. Und man lernt, angemessen auf Rückschläge zu reagieren. Im Cricket wird bereits eine Körperhaltung schwer bestraft, wenn sie Unmut gegenüber einer Schiedsrichterentscheidung ausdrückt. Wenn ein Fußballer einen Schiedsrichter anbrüllt, sieht er vielleicht die Gelbe Karte. Im Cricket würde der Sportler lange gesperrt, müsste Strafe zahlen und, noch viel schlimmer, er würde den Respekt seiner Mitspieler verlieren.

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Cricket in Deutschland: Entwicklungshilfe aus Afghanistan

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SPIEGEL ONLINE: Wie respektvoll gehen deutsche und afghanische Teamkollegen miteinander um?

Mantle: So, wie es sich jeder Integrationsbeauftragte vermutlich wünschen würde. Die Deutschen lernen aufgrund der vielen unterschiedlichen Biografien der Flüchtlinge sehr viel über fremde Kulturen, die Flüchtlinge lernen durch den Sport sehr schnell Deutsch und bringen durch ihre Liebe zum Cricket auch ein wenig ihrer Kultur in Deutschland unter.

SPIEGEL ONLINE: Kein anderer Cricket-Verband wächst derzeit so rasant wie der deutsche. Können Sie den Ansturm eigentlich noch bewältigen?

Mantle: Wir haben die Grenze erreicht. Unser Verband hat aktuell etwa 5500 Mitglieder, weil man aber erst ab 10.000 Mitgliedern in den Deutschen Olympischen Sportbund aufgenommen wird und Fördergelder erhält, sind unsere finanziellen Möglichkeiten sehr begrenzt. Unser Jahresetat beträgt 330.000 Euro, und viele unserer Spieler und Mitglieder haben sehr wenig Geld zur Verfügung, brauchen also unsere Hilfe. Außerdem haben wir zu wenig Plätze, und es mangelt an Ausrüstung. Gäbe es nicht die vielen ehrenamtlichen Helfer, die sehr hart arbeiten und häufig selbst Geld beisteuern, hätten wir ein großes Problem. Und jeden Tag bekommen wir neue Anfragen, eine Mannschaft zu gründen. Wenn das so weitergeht, müssen wir bald den ersten Cricket-Spielern mitteilen, dass wir ihnen nicht helfen können. Das wäre furchtbar schade.

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