Flush Hour Der Pokerklinsi

Jürgen Klinsmann wollte jeden seiner Spieler besser machen und scheiterte grandios. Lasse König wollte seine Frau zum Poker bringen - und glaubte irgendwann, wie der Schwabenguru zu enden. Doch die Dinge sind manchmal nicht, wie sie scheinen.

Projektarbeiter Klinsmann: Beim falschen Club gearbeitet
AP

Projektarbeiter Klinsmann: Beim falschen Club gearbeitet


Ich bin ein Projektarbeiter und ich stehe dazu, obwohl man diesen Begriff seit Jürgen Klinsmann ja nur noch flüstern darf. Projektarbeiter sind so angesagt wie Rucola-Salat oder die SPD, dabei ist Klinsmann ein gutes Beispiel, wie ein gutes Projekt in nur einem Jahr kaputtgemacht werden kann. Man muss zum Beispiel nur beim falschen Club arbeiten. Ich glaube fest daran, dass es irgendwo in diesem Land noch Menschen gibt, die Jürgen Klinsmann für einen guten Trainer halten. Er polarisiert eben.

Als diese Kolumne startete, hatte ich den Eindruck, dass ich bald der Jürgen Klinsmann des Poker sein würde. Es ging los mit dem Sandra-Naujoks-Interview, nach dem mir ein paar Leser vorwarfen, ich als Mann würde mich ja ganz schön unterbuttern lassen. Das Interview war wie eine Nadel unter Luftballons, und eine Menge von ihnen platzten. Dabei hatte ich doch nur die These aufgestellt, Frauen seien potentiell die besseren Pokerspieler. Ich wollte überhaupt nicht pauschalisieren. Ich mache mein Bier auch mit dem Feuerzeug auf. Öffner sind nur was für Flaschen!

Kurze Zeit später eskalierte die Situation. Klinsmann wollte jeden Spieler besser machen, ich wollte meine Frau für Poker begeistern. Der Höhepunkt: Ein Herr aus dem Süden Deutschlands insinuierte, Frauen gehörten an den Herd. Der Rest beschränkte sich auf selbstverherrlichende Schriften. Tenor: Frauen pokern wie sie Einparken, Männer pokern wie sie Auto fahren. Sicher. Vorausschauend. Souverän.

Nun ja.

Vor einer Woche saß ich im Big Blind an einem Zehnertisch, es war die allererste Hand in einer Privatrunde. Sie bestand nur aus Männern. Aus zweiter Position ging ein Typ mit schwarzen, langen Haaren all-in, er schaute sentimental wie Winnetou, aber das konnte auch ein Trick sein. In der dritten Position saß ein kleines Männchen, bei dem ich mich nicht entscheiden konnte, ob er wie Harry Potter oder Gollum aussah. Er krächzte: "Muss ich callen." Der Small Blind, Typ Steinmeier, schob seine Chips auch noch in die Mitte. Drei All-ins vor dem Flop. Die Blinds bei 10-20. Und ich hatte die Jacks.

Sandra Naujoks hat mir damals gesagt, ein All-in unter Männern sei ja nichts anderes als eine Aufforderung, vor die Tür zu gehen. Das ist kein schlechter Vergleich. Mich erinnerte die Situation an eins dieser 24-Stunden-Duschen-kostet-50-Cent-extra-Billig-Fitnessstudios, in denen man sich vor lauter Testosterongestank die Nase zuhalten muss. Anabolika-Achim zeigt Trizeps und Latissismus, Epo-Ernst führt seine baumdicken Oberschenkel vor. Leute, das ist die erste Hand in diesem Turnier!

Lächerlich.

Ich musste dann kurz grinsen, denn Winnetou hatte wirklich dicke Oberarme. Schließlich callte ich, weil ich hoffte, dass alle drei Asse hatten. Es stimmte. Winnetou hatte sogar zwei. Verdammt. Er hatte zwar keine Outs mehr, aber er war Winnetou, und der brauchte keine. Auf dem Flop kam zum Glück schon der dritte Bube, womit sich AA, AK und A10 aus dem Turnier verabschiedeten.

Ich habe diese Geschichte dann meiner Frau erzählt. Ich dachte, sie würde mir ohnehin nicht zuhören oder zunächst fragen, wieviel Geld ich denn gewonnen habe. Aber sie schüttelte nur den Kopf und sagte, dass sie A10 weggeworfen hätte. "Und die Buben auch." Das hätte sie irgendwo mal gelesen.

Es scheint, als sei ich weiter im Geschäft.



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.