Flush Hour Schwein haben und trotzdem kein Glück

Wie wäre es, wenn man von heute auf morgen das Glück finden könnte? In einer verstaubten Kiste zum Beispiel, nach 24 Jahren? Und wenn einen das Glück aus Schweineaugen anschauen würde und sagte: Hallo, hier bin ich? Schön, dachte Lasse König - und stellte es gleich auf die Probe.

Schwein, dreibeinig: Wackeliges Glück
Lasse König

Schwein, dreibeinig: Wackeliges Glück


Erinnerungen sind manchmal wie Regenwürmer. Am liebsten vergraben sie sich und kommen raus, wann sie wollen. Oder wenn sie ausgebuddelt werden.

Vor einer Woche habe ich zufällig eine kleine, angestaubte Kiste aufgemacht und sie zur Abwechslung mal ausgeschüttet. Ich hatte sie immer ignoriert und irgendwann vergessen. Jetzt stand die Kiste plötzlich da, und ich schaute sie zum ersten Mal wieder an. Nach 24 Jahren. Auf dem Boden lagen kurze Zeit später jede Menge Erinnerungsstücke aus der Kinderzeit. Eines war klein, orange und aus Knete. Oben steckte ein DDR-Pfennig drin.

Ein Schwein.

Das etwa daumengroße Ding glotzte mich aus seinen Knetaugen an, es stand unsicher auf den viel zu kleinen Knetbeinen, was wohl auch daran lag, dass ein Bein fehlte. Das leicht ramponierte Werk eines Neunjährigen im Kunstunterricht. Keine schlechte Arbeit, dachte ich. Meine. Ein guter Cardprotector, schoss es mir gleich durch den Kopf, und dann verfluchte ich mich auch schon wieder. Warum musste ich selbst im Keller und in diesem erhabenen Moment an Poker denken?

Der Name muss einzigartig sein

Oben dann war es mir aber auch schon wieder egal. Das Schwein war ganz sicher ein verdammt guter Cardprotector, ja, wahrscheinlich (nein, bestimmt) hatte ich es damals genau aus diesem Grund geknetet. Die Dinge fügten sich im Geiste zu einem einzigen großen Weltenplan. Ich hielt hier das Glück in den Händen, und es hatte seinen Grund, dass ich es genau jetzt fand. Das Glücksschwein.

Der nächste Gedanke: Ein Name musste her. Die gängigen Schweinenamen wirkten alle uncool, Else, Babe, Porky Pig, nein. Der Name musste einzigartig sein und etwas mit Poker zu tun haben. Obrestad? Gemein.

Raymer!

Raymer, Greg, 46, Main-Event-Champion 2004, 25. Ein Jahr später, treuherziger Blick. Circa 200 Kilo. Ich schaute das Schweinchen an. Darf man so was? Raymer ist groß, ein sensationeller Spieler, eine Respektsperson, Doktor. Er war früher Patentanwalt. Das Schweinchen braucht doch keinen Namen. Oder? Ich schob die Entscheidung auf. Es musste sich ohnehin erst mal beweisen.

Deine Chance, Schwein!

Zwei Tage später, ein Turnier im Hamburger Aceclub. 30 Spieler, es geht um Sachpreise, aber darum geht es mir nicht. Ich setze mich an den Tisch und stelle das Schwein vorsichtig vor mir ab. Es kippt um. Niemand beachtet es. Sie werden sich noch wundern. Der Plan ist klar: Auf gute Karten warten, denn dass sie kommen werden, steht für mich fest.

Ich warte. Ich warte weiter.

Ich warte bis zur vierten Blindstufe, dann finde ich Pocket-Zehner. Ein Raise aus mittlerer Position, viel zu hoch. Ein Ass-König-Raise. Ich sitze im Small Blind, es gibt einen Caller. "All in", sage ich. Der Caller überlegt kurz, er mustert mich durch seine Mallorca-Billigsonnenbrille und bezahlt dann. Er zeigt Ass-König in Karo. Deine Chance, Schwein.

Flop: Dame, 6, 8. Ein Karo.

Turn: Zehn, Karo.

River: 9, kein Karo.

Es gibt viele Menschen, die Poker für ein Glücksspiel halten. Und es gibt genauso viele, die das Gegenteil behaupten. Poker ist ein Geschicklichkeitsspiel mit Glücksanteil, das sage ich, 40 Prozent vielleicht. Der Rest: Mathematik, Intuition, Position, Erfahrung. In diesem Moment aber tendiert der Glücksanteil für mich gegen null. Denn dort war das Schwein.

Was folgte, war im Nachhinein wohl der Versuch, den ganzen überhöhten Glauben an die Kräfte des Schweins auf die Spitze zu treiben. Ein Dauerermüdungsversuch für das arme Knetding, das trotz seiner Behinderung einfach windschief dastand und nicht wusste, wie ihm geschah. Ein unmotiviertes Raise mit König 5 aus dem Small Blind bei einem Flop von König, 4, 3 beendeten mein Turnier auf Platz 13. Gegen Ass-König. Es scheint, das Glück ist so wacklig wie das Versehrtenschwein.

Das Schweinchen wanderte in die Jackentasche und die Jacke irgendwann an den Haken zu Hause. Ich hoffe, ich vergesse es nicht.

Sie haben einen ganz speziellen Poker-Glücksbringer? Oder einen besonders auffälligen Cardprotector? Oder eine Idee für einen Schweinenamen, der passt? Dann schicken Sie Ihre Vorschläge an Lasse König!

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"Ich hatte Trips!": Die Wahrscheinlichkeit, dass einem das passiert, was Tony G bei den Aussie Millions passiert, ist schon sehr gering. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass man danach das sagt, was John Juanda sagt... Nunja. Lustig ist es auf jeden Fall. Quelle: Youtube

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