Der Fall Mourinho


José Mourinho ist der Star unter den Startrainern - und einer, der auch abseits des Platzes alle Tricks kennt. Wie Football Leaks enthüllt, hat er eine Briefkastenfirma in der Karibik genutzt, um Millionen zu verschleiern. Jetzt gibt es neue Hinweise auf Steuerbetrug.

Gesucht wird der Name eines Meistertrainers mit den folgenden Eigenschaften: arrogant. Unfair. Streitsüchtig. Egozentrisch. Extrem erfolgreich.

Den meisten, die auch nur etwas für Fußball übrighaben, reicht das längst aus:

José Mourinho.

Man kann also nicht behaupten, der Portugiese, heute Coach beim englischen Rekordmeister Manchester United, hätte nicht schon genug an seinem Image als schlechter Charakter des europäischen Fußballs gearbeitet.

Mourinho gilt als mieser Verlierer, notorischer Querulant, ewiger Finsterling - dem ein ungerechtes Schicksal trotzdem acht Meistertitel in vier Ländern vor die Füße geworfen hat. Und noch zwei Champions-League-Pokale hinterher.

Doch Mourinho kann es offenbar noch fieser: wenn es um sein Geld geht.

Schmutzige Tricks

Nicht nur, dass der bestbezahlte Trainer der Welt eine Briefkastenfirma in der Karibik benutzte, wie sich nun beweisen lässt. Eine Firma, die letzlich einer Stiftung in Neuseeland gehörte, noch weiter weg, noch schwerer zu finden.

Er dürfte auch einer der ganz wenigen Steuersünder sein, die mit solch einer Konstruktion erwischt werden - und dann die Chuzpe haben, zu behaupten, er habe für seine Schatzkiste in der Karibik sehr hohe Gebühren zahlen müssen. Kosten also, die ihm der Fiskus bitte noch von der Steuerlast abziehen soll.

Darauf muss man erst mal kommen.

Und das muss ihm erst mal einer durchgehen lassen. So wie das die spanischen Steuerbehörden im vergangenen Jahr tatsächlich getan haben.

Offenbar getäuscht von Mourinho, der den Beamten in Madrid weismachen ließ, dass eine Briefkastenfirma ohne Personal, ohne Geschäftsräume, ohne auch nur einen Bleistift mehr als eine Million Euro Provision für ihren Service verlangt haben soll.

Steckbrief

José Mourinho, geboren am 26. Januar 1963 in Setúbal, Portugal,

gilt als einer der erfolgreichsten Fußballtrainer der Welt.

Seine wichtigsten Titel:

  • Champions League: 2004 und 2010
  • Portugiesischer Meister: 2003 und 2004
  • Englischer Meister: 2005, 2006 und 2015
  • Italienischer Meister: 2009 und 2010
  • Spanischer Meister: 2012

Dass der spanische Fiskus dem Startrainer Mitte 2015 gleichwohl noch einen saftigen Steuerbescheid über mehrere Millionen Euro geschickt hat, mit einer Straf- und einer Nachzahlung, hat der SPIEGEL in seiner aktuellen Ausgabe aufgedeckt.

Nun kommen neue Details hinzu, über schmutzige Tricks, mit denen offenbar trotzdem noch Geld am Fiskus vorbeigeschleust wurde.

Auch dass Mourinho schon 2008 in England eine Steuerprüfung am Hals hatte, war bisher nicht bekannt. Trotzdem versuchte er in Spanien, mit derselben Masche noch mal durchzukommen.

Zu verdanken hat die Fußballwelt diese Einblicke in das Leben ihrer Stars der Enthüllungsplattform Football Leaks. 1,9 Terabyte an Informationen hat sie dem SPIEGEL zur Verfügung gestellt, den größten Datenschatz in der Geschichte des Sports.

Eine Menge, so gigantisch, dass der SPIEGEL sie nicht allein hätte sichten können. Auch deshalb hat er das Material mit seinen Partnern von der European Investigative Collaborations (EIC) geteilt.

Das sind die beteiligten Partner

Über Monate haben 60 Journalisten die Dokumente durchsucht, geprüft, ausgewertet. Seit diesem Wochenende veröffentlichen zwölf Medienhäuser in Europa die Ergebnisse, und das erste Ergebnis lautet: Ihre größten Auswärtssiege feiern die Stars nicht auf dem Rasen, sondern in weit entfernten Nullsteuer-Oasen.

Obwohl sie oft mehr verdienen als Vorstände von Großkonzernen, die Verantwortung für Hunderttausende von Mitarbeitern tragen, tricksen sie sich durch die Welt, um der Allgemeinheit davon nur das Allernötigste abzugeben.

Manchmal aber offenbar nicht mal das: "Es ist klar, dass im Fall Mourinho eine Steuerbetrugsermittlung eingeleitet werden sollte", sagt Albert Sanchez-Graells, Dozent für spanisches Recht an der englischen Universität Bristol. Die Beweise legten nahe, dass die Steuerbehörden in die Irre geführt wurden. Sein Steuermodell sei aufgesetzt worden, um ein Multimillionen-Pfund-Vermögen vor den Behörden abzuschirmen.

Ein Vermögen, für das er über Jahre keine Steuern gezahlt hatte.

Eine Stange Geld

Fotostrecke: José Mourinho, die Reizfigur im internationalen Fußball

José Mário dos Santos Mourinho Félix: so zweifelhaft sein Charakter, so über jeden Zweifel erhaben sein Charisma. Mourinho, the "Special One", so nannte er sich selbst mal, der Mann, der den Unterschied macht. Der Portugiese begann seine Karriere als Übersetzer bei Sporting Lissabon, aber sein Ehrgeiz war immer größer als der Klub, für den er arbeitete.

Er trainierte den FC Porto, gewann die Meisterschaft, dann, eine Sensation, den Champions-League-Titel. Sein Ehrgeiz trieb ihn weiter, 2004 zum FC Chelsea nach London, 2008 zu Inter Mailand, 2010 zu Real Madrid, auch dort holte er jeweils die Meisterschaft.

Seine Mannschaften gingen für ihn durchs Feuer - ein Feuer allerdings, das Mourinho vorher selbst mit dem Flammenwerfer gezündet hatte. Er beleidigte den Gegner, drohte Schiedsrichtern, er wetterte, trickste, motzte, strickte an Verschwörungstheorien.

Für Siege tat er alles, das war sein Weg, schmutzig, aber erfolgreich. Das zahlte sich auch in Geld aus: Als er 2004 zu Chelsea London ging, kassierte er im ersten Jahr rund 5,3 Millionen Britische Pfund, 2009 bei Inter waren es schon 17,63 Millionen Euro. Und das war nur sein Trainergehalt.

Stationen als Cheftrainer
  • Sept. 2000 - Dez. 2001: Benfica Lissabon
  • Apr. 2001 - Jan. 2002: União de Leiria
  • Jan. 2002 - Juni 2004: FC Porto
  • Juli 2004 - Sept. 2007: FC Chelsea
  • Juni 2008 - Mai 2010: Inter Mailand
  • Mai 2010 - Juni 2013: Real Madrid
  • Juli 2013 - Dez. 2015: FC Chelsea
  • ab Mai 2016: Manchester United

Daneben verdienen Fußballstars aber auch noch mit sogenannten Bildrechten; das sind in erster Linie ihre Werbeeinnahmen. Dafür gründen die Stars gerne Firmen, an die sie ihre Bildrechte abtreten.

Der Vorteil: Für sein reguläres Gehalt vom Klub muss der Spieler oder Trainer den Spitzensteuersatz zahlen, in vielen Ländern um die 50 Prozent. Bei Firmeneinnahmen dagegen zunächst nur den Unternehmenssteuersatz. Sitzt die Firma etwa in Irland, sind das nur noch 12,5 Prozent.

So machte das auch Mourinho: Schon bei Chelsea hatte er von 2004 bis 2007 rund 1,5 Millionen Pfund vom Verein nicht als Trainergehalt, sondern für Bildrechte bekommen - damit Chelsea mit ihm werben konnte. Als er 2010 von Mailand zu Real Madrid wechselte, sank zwar sein Jahresgehalt von 17,6 auf 14,9 Millionen Euro. Aber im Gegenzug zahlte ihm Real 2,3 Millionen Euro pro Jahr für einen Anteil an seinen Werberechten.

Genauer gesagt: eben nicht ihm. Sondern einer Firma, die für Mourinho die Werbegelder einsammelte, um möglichst viel davon an der Steuer vorbeischleusen zu können.

Diese Firma, die Multisports Image Management (MIM), saß tatsächlich im irischen Dublin, gegründet 2004. Eine Klitsche, die sich von den Millionen-Einnahmen eine mickrige Provision abzweigte, ansonsten im Fall Mourinho aber vor allem eines tat: das Geld weiterleiten. Es floss auf die British Virgin Islands, zu einer Koper Services SA, gegründet im selben Jahr. Eine Briefkastenfirma, ohne eigenes Personal, eigene Geschäftsräume, eine Firma, die nichts tat, außer Mourinhos Werbeeinnahmen zu kassieren. Und vor allem: keine Steuern darauf zu zahlen.

Schon 2004 hatte Mourinho dafür seine kompletten Werberechte mit einem Vertrag an Koper abgetreten - ohne dass die Firma ihm dafür etwas zahlte.

De facto war Koper damit offenbar nur eine Spardose für Mourinhos Einnahmen. Sie hatte dafür ein Konto bei der St. Galler Kantonalbank in der Schweiz, dort ließ sie das Geld. Allerdings stand nirgendwo auf der Koper-Spardose der Name Mourinho. Wer ihn suchte, endete bei Strohmännern.

Der Trainer legte offenbar größten Wert darauf, dass er mit seinem Namen nicht auftauchte.

Damit nicht genug: Koper wurde noch in eine weitere Schachtel verpackt. Wie die Football-Leaks-Dokumente zeigen, gehörte die Firma nämlich letztendlich einer Stiftung im weit entfernten Neuseeland, Kaitaia Trust genannt.

Wer aber war der Begünstigte der Stiftung? Mourinho war es nicht. Sondern? Den Papieren zufolge: Mourinhos "aktuelle Ehefrau und seine Kinder".

Mourinho ist mit seiner Frau Matilde, genannt Tami, seit 1989 verheiratet. Die beiden haben zwei Kinder: Matilde und José Mário. Mourinho hält seine Familie weitgehend aus der Öffentlichkeit.

So geschickt Mourinho das Geld versteckte - wie sich nun herausstellt, hatte er schon 2008 Probleme mit den Steuerbehörden. Mit den britischen. So wie sie es sahen, hatte Mourinho die 1,5 Millionen Pfund, die er zwischen 2004 und 2007 von Chelsea für seine Bildrechte bekommen hatte, nicht ausreichend versteuert. Am Ende musste er eine Nachzahlung von 211.253 Pfund akzeptieren.

Mourinho räumte damit selbst ein, seine Steuerpflichten nicht erfüllt zu haben.

Allerdings gelang ihm schon damals ein Coup: Von den 1,5 Millionen Pfund hatte er 896.000 Pfund als Provisionen und Ausgaben der MIM in Irland und Koper auf den British Virgin Islands deklariert und von seiner Steuerlast abziehen dürfen.

Merkwürdig: Die MIM kassierte sonst nur eine kleine Provision, in späteren Jahren mal 4, mal 6,5 Prozent. Zahlen für seine Chelsea-Ära 2004 bis 2007 liegen zwar nicht vor, aber nichts spricht dafür, dass es in dieser Zeit bedeutend mehr war.

Und Koper? Hatte natürlich einen Verwalter, der sie und Tausende andere Briefkastenfirmen betreute. So etwas kostet aber meist nicht mehr als 5000 Euro im Jahr. Hat Mourinho also hier schon die englischen Behörden mit erfundenen Kosten hinters Licht geführt, um die Steuerlast zu drücken?

Eigentlich hätte Mourinho danach gewarnt sein müssen, dass er mit seinem Koper-Steuersparmodell nicht so einfach durchkommt. Seine Anwälte waren es jedenfalls, als 2014 der Ärger wieder losging. Am 23. Juli, Mourinho war aus Spanien zu Chelsea zurückgekehrt und mit seinem Team im Trainingslager in Österreich, erhielten seine Berater ein alarmierendes Schreiben: Die Agencia Tributaria, die spanische Steuerbehörde, kündigte an, sich Mourinhos Real-Jahre von 2010 bis 2013 gründlich anzuschauen. Besonders die Bildrechte-Deals.

Seine Werbemillionen in die Karibik zu lenken war wohl nicht Mourinhos eigene Idee gewesen. Sie dürfte von einem der Anwälte stammen, die im Umfeld von Jorge Mendes arbeiten, dem erfolgreichsten Spieler-Agenten der Gegenwart mit Kunden wie Cristiano Ronaldo, James Rodríguez, Pepe oder Fábio Coentrão. Alle angestellt bei Real Madrid. Und alle versehen mit der gleichen Struktur: einer Offshore-Briefkastenfirma in der Karibik. (Lesen Sie die ganze Geschichte im aktuellen SPIEGEL ).

Trainer Mourinho war einer der Ersten, der damit vermutlich von Mendes oder seinen Beratern versorgt wurde. Daher fürchtete Mendes nicht nur um Mourinho, sondern um all seine Kunden mit einem ähnlichen Steuersparmodell. Um die Bombe zu entschärfen, verstärkten sich die Mendes-Berater mit Julio Senn, Ex-Direktor bei Real Madrid und wohl der beste Problemlöser für Fußballer, hinter denen die Steuerbehörde her ist.

Senn rechnete zunächst mit dem Schlimmsten, einem Strafverfahren, möglicherweise einem Gerichtsprozess: "Wir arbeiten daran, diesen Ausgang zu vermeiden, aber nichts ist garantiert." Die Steuerprüfung mache dem Mendes-Team Angst. Darauf ein Anwaltskollege: "Sie sollten Angst haben, weil die Sache zum Fürchten ist."

Weil Mourinho die Einnahmen aus seinen Bildrechten nicht versteuert hatte?

Ob Adidas, Molinari oder Saudi-Telecom - die Werbepartner von Mourinho zahlten ihr Geld entweder an die MIM oder an eine zweite Firma, die auch in Irland saß und Werbeaufträge für den Trainer hereinholte. Diese beiden Irland-Firmen mussten zwar Steuern zahlen, nämlich 12,5 Prozent. Aber nur auf eigene Gewinne, die sie mit ihren Provisionen machten. Nicht dagegen auf die Großeinnahmen, die sie lediglich in die Karibik durchleiteten, an Koper. In einer Mail schreibt Steueranwalt Senn auf die Frage, ob auch noch Steuern für die Koper-Gelder abgeführt wurden: "Wir glauben nicht."

Senn überlegte daraufhin, ob er den spanischen Steuerleuten nicht sagen könne, die Konstruktion sei in England geprüft worden, alles sauber. Allerdings wusste er da noch nicht, dass Mourinho in England schon nachzahlen musste. "Anstatt dass es uns hilft", ernüchtert ihn ein spanischer Anwaltskollege, "bringt uns das in eine noch schwierigere Lage, weil man ihm (Mourinho, d. Red.) dann vorhalten könnte, dass er schon von der Steuerbehörde eines anderen Landes verwarnt worden war."

Ein Wiederholungstäter also, ein Unbelehrbarer.

Man könne nur noch hoffen, dass die Sache ohne Strafverfahren zu Ende gehe, schrieb derselbe Kollege im September 2014 an Senn; im besten Fall werde das Mourinho "eine Stange Geld kosten, das wir akzeptabel machen sollten (es wird mit Sicherheit Strafen geben)".

"Akzeptabel machen", das bedeutete wohl: Wenn man die Behörden endlich so weit hätte, dass es nur noch um Geld ginge, nicht um Schlimmeres, einen öffentlichen Prozess zum Beispiel - dann könnte man die Summe noch drücken.

Was für ein Zufall

Es wurde durchaus teuer: 5,8 Millionen Euro, davon 4,4 Millionen wegen der Bildrechte-Einkünfte, 1,4 für andere Steuervergehen.

Trotzdem: "Wir können uns beglückwünschen", schrieb Senn in die Runde der Berater, das entspreche einem Steuersatz von 29 Prozent - der Spitzensatz in Spanien liegt bei rund 50 Prozent.

"Das ist das BESTE SZENARIO"; wenn man bedenke, wie bedrohlich das alles mal angefangen habe, dann habe man ein prima Ergebnis herausgeholt, jubelte Senn. Mehr könne man jetzt nicht mehr verhandeln, nur noch möglichst schnell den Deal unterschreiben.

Denn auch die Prognose hatte sich bewahrheitet: Wenn es nur noch um Geld gehe, könne man die Summe ja noch drücken. Nicht nur, dass das Jahr 2013 aus der Rechnung der Spanier fiel, weil Mourinho im Sommer des Jahres schon wieder nach England zurückgezogen war. Noch besser: Wie 2008 schon die Engländer, ließen sich auch die Spanier auf die Argumentation ein, Koper habe hohe Aufwendungen gehabt. Die könne Mourinho mit der Steuerschuld verrechnen.

Für die Jahre 2010 bis 2012 hatten die Anwälte mehr als eine Million Euro Gebühren für Kopers Dienste für Mourinho angemeldet. Gebühren? Welche Gebühren?

Dazu hatte Mourinho am 23. Juni 2015, nur wenige Tage vor der schriftlichen Einigung mit dem Finanzamt, einen Vertrag unterzeichnet - mit Koper. Gemäß dieser Absprache durfte Koper für ihre angeblich so großen Dienste jedes Jahr eine Servicegebühr einbehalten: 29.467 Euro und 14 Cent im Jahr 2010, knapp 529.000 Euro im Jahr 2011, gute 456.000 Euro im Jahr 2012.

Die krummen Zahlen ergeben sich daraus, dass pauschal jedes Jahr 13,99 Prozent der Koper-Einnahmen als Gebühr deklariert wurden. Zu Recht? Es spricht viel dafür, dass es sich nur um Phantomkosten handelte, denn als Briefkastenfirma hatte Koper "weder Beschäftigte noch irgendwelche anderen Kräfte oder Arbeitsmittel, um ihre Aktivitäten zu entwickeln", wie sich das Anwalt Senn selbst mal von den Kollegen in Dublin schwarz auf weiß hatte geben lassen.

Koper war eben nur eine Spardose; solche Firmen sind in der Regel billig: ein paar Euro für die Strohmänner, für das Firmenregister, für die Kontoführung. Aber keine Hunderttausende. Schließlich ist da niemand, der beispielsweise Aufträge hereinholen und dann abarbeiten würde.

Der nächste Beleg, dass es sich um mutmaßlich erfundene Kosten handelte, findet sich in den Kontobelegen, die Football Leaks vorgelegt hat. Besser gesagt: Es findet sich dort nichts. Nicht eine dieser angeblichen Provisionen taucht dort auf.

Koper hat sie demnach in den genannten Jahren nicht von den Mourinho-Millionen abgezogen, sie nicht umgebucht oder sonst wie separiert. Dazu passt, dass ein Anwalt in einer früheren Mail schrieb, es gebe nur geringe Geldabflüsse aus der Koper. Keine Hunderttausende.

Gegen eine Teilforderung des Finanzamts legten die Anwälte am Ende sogar noch Einspruch ein - da ging es um die übrigen Steuergeschichten, die ihrem Klienten vorgeworfen wurden. Was aber die Bildrechte und die Koper anging, war die Sache abgeschlossen für José Mário dos Santos Mourinho Félix. Für Felix, den Glücklichen.

Wieder hatte der Coach alles für den Erfolg getan - und wieder mal hatte er gewonnen. Ein schlechtes Gewissen dürfte ihn danach so wenig belastet haben wie nach einem schmutzigen Sieg auf dem Rasen.

Als das EIC-Netzwerk ihm dazu vor eineinhalb Wochen einen langen Fragenkatalog schickte, blieb Mourinho persönlich stumm. Journalisten, den Eindruck kann man haben, sind für ihn sowieso nicht satisfaktionsfähig. Auch von den Spielern Cristiano Ronaldo, James Rodríguez, Fábio Coentrão und Pepe kam keine Antwort. Dasselbe bei den Irland-Firmen MIM und Polaris.

Ende der Woche meldete sich dann die Firma Gestifute von Beraterkönig Mendes mit einer Stellungnahme. Auch für Mourinho und für den wichtigsten Mendes-Kunden Cristiano Ronaldo. Darin heißt es, sowohl Cristiano Ronaldo als auch José Mourinho haben jederzeit ihre Verpflichtung gegenüber spanischen und britischen Steuerbehörden voll erfüllt. Außerdem seien weder Ronaldo noch Mourinho "je in rechtliche Auseinandersetzungen um ein Steuervergehen verwickelt gewesen". Immer wenn es zu Meinungsverschiedenheiten mit Steuerbehörden gekommen sei, seien diese ohne rechtliche Verfahren ausgeräumt worden. Zu den mutmaßlich getürkten Kosten bei der Koper im Fall Mourinho äußerte sich Gestifute nicht.

Eine britische PR-Agentur, die Agent Mendes und die Stars Mourinho und Ronaldo vertritt, lässt wissen, dass Mendes selbst mit Steuermodellen der Spieler nie etwas zu tun gehabt habe. Sie seien auf Wunsch der Vereine und mit Hilfe von Steuerberatern geschaffen worden. Außerdem seien im Fall Mourinho die Behörden bei ihren Steuerprüfungen in Spanien und England nicht getäuscht worden.

Aus dem Umfeld der Anwaltskanzlei von Julio Senn hieß es, die ganze Enthüllung beruhe auf einem Datendiebstahl; hinterher seien sogar noch Papiere manipuliert worden. Zitieren lassen will sich die Kanzlei so aber lieber nicht, auch Beweise für Fälschungen liefert sie keine. Ein PR-Mann, der sich als Abgesandter von Senn Ferrero ausgab, behauptete die Firma Koper sei den Steuerbehörden immer bekannt gewesen.

Real Madrid und Chelsea in London, zwei Vereine, die Geld für die Bildrechte von Mourinho nach Irland schickten - von wo es in die Karibik ging -, wollen nichts Unrechtes getan haben. Angeblich alles nach Recht und Gesetz; Real betont, dass man nach spanischem Recht vor jeder Zahlung für Mourinho gleich Steuern an den Fiskus abgeliefert habe. Das stimmt, allerdings nur karge zehn Prozent. Die Steuerbehörden in Madrid äußern sich nicht zum Fall Mourinho.

Auch die englischen wollen und dürfen nichts zum Einzelfall sagen. So viel, ganz allgemein, dann aber doch: Man achte sehr genau darauf, dass bei Zahlungen der Vereine für Bildrechte ihrer Stars "die notwendige Steuer bezahlt" werde. Und: "Vorwürfe, dass Spieler, Trainer oder ihre Agenten in einer Steuerprüfung womöglich falsche Angaben gemacht hätten, nehmen wir sehr ernst. Wenn so etwas passiert, können wir abgeschlossene Fälle erneut aufmachen".

Das muss Mourinho jetzt fürchten, so wie im Fußball: dass sich nach dem Schlusspfiff noch mal einer die Bilder anschaut.

Oder in diesem Fall: die bisher den Behörden vermutlich unbekannten Dokumente. Mit nachträglichen Spielsperren hat Mourinho Erfahrung. Mit einem Finanzamt, das sich womöglich getäuscht fühlt und noch mal nachlegt, wahrscheinlich weniger.

Impressum

Autoren: Rafael Buschmann, Jürgen Dahlkamp, Stephan Heffner, Christoph Henrichs, Andreas Meyhoff, Nicola Naber, Jörg Schmitt, Alfred Weinzierl, Michael Wulzinger

Illustrationen: Simon Prades

Video: Heike Janssen; Roman Lehberger und Hendrik Vöhringer (SPIEGEL TV)

Schlussredaktion: Judith Heckel

Programmierung: Chris Kurt, Michael Niestedt

Storytelling: Jule Lutteroth

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