Formel 1 nach Unfall von Anthoine Hubert Kurzer Blick in die tödliche Kurve, weitermachen

Die Motorsportwelt reagiert betroffen auf den tödlichen Unfall des 22 Jahre alten Formel-2-Fahrers Anthoine Hubert auf der Strecke in Spa. Die Formel 1 wird ihr Rennen aber trotzdem nicht absagen.

Der Helm von Anthoine Hubert auf der Strecke in Spa-Francorchamps
AFP

Der Helm von Anthoine Hubert auf der Strecke in Spa-Francorchamps

Von Karin Sturm


"Motorsport ist gefährlich" - das steht auf jeder der kleinen Plastikkarten, die alle, die im Formel-1-Umfeld arbeiten, als Ausweis um den Hals hängen haben. Trotzdem gerät dieser Aspekt immer wieder in Vergessenheit, weil schwere Unfälle angesichts stetig verbesserter Sicherheitsmaßnahmen immer seltener geworden sind. Die meisten der aktuellen, jungen Fahrer haben selbst den jüngsten Unfall von Jules Bianchi in Suzuka 2014 nicht aus der Nähe miterlebt. Mit Ausnahme von Charles Leclerc, der mit Bianchi befreundet war.

Jetzt ist am Samstagabend in Spa-Francorchamps plötzlich doch wieder ein Unfall mit tödlichem Ausgang passiert. Und die Nachwuchsfahrer aus der Formel 2 und aus der Formel 3 standen sichtlich fassungslos in ihrem Fahrerlager - viele von ihnen noch jünger als der 22-jährige Anthoine Hubert, der in seinem Auto starb. Die Fahrer drückten ihre Betroffenheit und Anteilnahme anschließend in den sozialen Medien aus. Das geht ganz schnell, die echte Aufarbeitung wird länger dauern.

Besonders wohl bei Giuliano Alesi. Der Sohn des ehemaligen Formel-1-Piloten Jean Alesi stand zeitweise mit leerem Blick in einer Ecke des Fahrerlagers. Auch er war an dem Unfall beteiligt. Durch einen Reifenschaden war der 19-Jährige relativ langsam und nicht ganz kontrolliert unterwegs gewesen. Anthoine Hubert musste ausweichen. Dabei drehte er sich, schlug in die Leitplanken ein und prallte zurück auf die Strecke. Schon fast zum Stillstand gekommen, raste der hinter ihm fahrende Juan Manuel Correa mit Tempo 270 in die Seite seines Formel-2-Renners. Hubert hatte keine Überlebenschance. Er erlag seinen Verletzungen noch an der Strecke.

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Unfall in der Formel 2: Tod auf der Rennstrecke

"Wir fahren heute ein Rennen"

Der Schock traf auch die erfahrenen Piloten. Lewis Hamilton, der gerade ein TV-Interview gab, als er die schrecklichen Unfallbilder über einen Monitor sah, begriff sofort, dass es sich um keinen harmlosen Unfall handelte. Er ging sehr schnell wortlos weg. Später fand er jedoch deutliche Worte: "Wenn irgendjemand, der uns zusieht und Spaß daran hat, denkt, dass das, was wir tun, sicher ist, unterliegt er einem gewaltigen Irrtum", schrieb der Formel-1-Weltmeister auf Instagram. Alle Fahrer würden ihr Leben aufs Spiel setzen, sobald sie auf die Rennstrecke fahren. Anthoine sei ein "Held", weil er das Risiko auf sich nahm, um seinen Traum zu verfolgen.

Sebastian Vettel reagierte ebenfalls deutlich - auf die Bitte um einen Kommentar. Aber niemand im Formel-1-Fahrerlager forderte etwa öffentlich eine Absage des Grand Prix - auch wenn die Formel 2 ihr Sonntagsrennen "aus Respekt vor Hubert" strich. "Heute fahren wir ein Rennen", hieß es wenige Stunden vor dem Formel-1-Start auf dem offiziellen Twitter-Account der Rennserie. "Wir machen das mit schweren Herzen und tragen die Erinnerung an Anthoine in uns."

Hubert, GP3-Champion von 2018, hatte schon viele Beziehungen in die Formel 1. Etwa als offizieller Renault-Nachwuchspilot, durch den Sponsor BWT, der ja auch das Racing Point Team finanziert. Sowie durch die Mercedes-Tochter HWA, die den Einsatz des Arden-Teams, für das der Franzose fuhr, durchführt. Mit einer Absage des Rennens rechnete trotzdem niemand. Aus kommerziellen Gründen, zum einen. Aber auch, weil in diesen Situationen die Rennfahrer-Mentalität zum Tragen kommt.

Sicher ist nicht sicher

Motorsport ist gefährlich - er war es immer und wird es immer bleiben. Vor genau 39 Jahren, am 1. September 1985, starb in Spa Stefan Bellof - keine 300 Meter von der Stelle entfernt, an der jetzt Anthoine Hubert verunfallte. Nicht in einem Formelauto sondern in einem Porsche in der Sportwagen-WM.

Seitdem, aber speziell seit dem tragischen Imola-Wochenende 1994 mit den tödlichen Unfällen von Roland Ratzenberger und Ayrton Senna, sind die Autos in allen Kategorien und auch die Strecken immer sicherer geworden: Stärkere Chassis, der Halo als Kopfschutz, größere Auslaufzonen. Sehr oft hat das geholfen. Es gab unzählige Unfälle, die glimpflich ausgingen. Aber wenn mehrere unglückliche Faktoren zusammen kommen, dann nützt das alles auch nichts mehr. Dann sind die Kräfte, die auf den menschlichen Körper wirken, zu groß.

Den meisten Fahrern ist das bewusst. Wem es bis jetzt noch nicht bewusst war, der wird es lernen müssen, wenn er weiter Rennsport betreiben will. Das Risiko macht für die Piloten auch zumindest einen gewissen Teil der Faszination an ihrem Sport aus. Die ständige Bewegung im Grenzbereich, das Navigieren am absoluten Limit der Fahrzeugbeherrschung. Rennfahrer, besonders jene, die es in die Formel 1 schaffen, sind Extremsportler. Und deshalb steigen sie auch heute Nachmittag wieder ins Auto. Vielleicht in den ersten Runden noch mit einem kurzen Seitenblick in jene Kurve, in der gestern ihr Kollege starb. Wenn die Rennsituation die Zeit dafür lässt.



insgesamt 7 Beiträge
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flytogether 01.09.2019
1. Hockenheim wäre sicherer
bringt aber halt nur weniger Geld ein.
hörtauf 01.09.2019
2. Schlimm - aber..
..jeder Fahrer ist sich des Risikos bewusst - und wenn die Kohle bzw. bei ein bisschen Talent die Aussicht darauf, lockt, macht der Mensch jeden Mist mit - auch zu schnell im Kreis zu fahren. Jetzt spielen alle wieder die Betroffenen, posten aus Selbstverliebtheit irgendeinen Mist (Hamilton: "Die Zuschauer sollen es zu würdigen wissen, welches Risiko wir eingehen.") Das ist armselig und zeigt die ganze Oberflächlichkeit des "Sports".
zooombie 01.09.2019
3. Natürlich fährt der Tod immer noch mit,
Aber welchem Stellenwert der Tod des jungen Fahrers hatte. konnte man gestern abend im aktuellen Sportstudio sehen: Zuerst die Meldung über die rote F1 Pole Position, danach die Nachricht zum Tod des jungen Nachwuchsfahrers. Leute: Respekt geht anders!
btollmann 01.09.2019
4. Unfall unvermeidlich
Im Motorsport gibt es Unfälle, wobei da sehr viele ohne große Schäden an Leib und Leben bleiben. Keine Bäume, LKWs, Kantsteine usw und alle fahren in eine Richtung mit optimalem Schutz an Mensch (Helm, Kleidung) und Material. Warum heute dann wieder Rennen? Warum nicht?- muss man all die Kommentatoren fragen, die sich heute überall melden. Was machen wir denn täglich? Jeden Tag sterben Menschen auf unseren Straßen - fragt da jemand, ob wir wieder ins Auto/auf Motorrad steigen sollen?
hileute 01.09.2019
5. Treffend analysiert
solche Situationen lassen sich nie vermeiden, und mit ganz viel Pech geht es nunmal aus wie gestern. Das ist leider Berufsrisiko.
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