Frankreich-Rundfahrt Auf die neue, alte Tour

Die Tour de France 2009 ist beendet. Und was bleibt? Szene-Größen dunkler Tage sind weiter Teil der Inszenierung. Das Thema Doping wurde kleingeschrieben, der Triumphator ist mit Zweifeln behaftet. Beherrscht wurde die Rundfahrt von Rückkehrer Lance Armstrong - zumindest medial.

Von , Paris


Sie sind alle noch da. Patric Lefevere. Der weißhaarige Belgier, dem vorgeworfen wird, in seinen Teams Lotto und Quickstep flächendeckend gedopt zu haben, ist als Quickstep-Teammanager dabei. Oder Bjarne Riis. Der Toursieger von 1996 steht dem Saxo-Bank-Rennstall vor. Ein früherer Doper.

Sie gehören zur Kategorie derer, die einen Neuanfang der Tour so glaubwürdig machen wie eine Münchhausen-Geschichte.

Andere können einfach nicht loslassen. Hans-Michael Holczer fuhr seit 2003 im Begleitfahrzeug von Gerolsteiner mit, nach all den Dopingfällen bei seinem ehemaligen Rennstall schmiss er hin. Ein totaler Bruch mit dem Radsport war es trotzdem nicht. Holczer betreute in diesem Jahr Gäste eines Sponsors vor Ort - und ließ via "Frankfurter Allgmeiner Zeitung" verlauten, er habe das Doping in seiner Equipe nicht in den Griff bekommen.

Auch Mario Kummer war da. Abends fuhr er mit dem schwarzen Transporter seines Radsportgeschäfts durch die Pyrenäen, neben ihm stieg ein Radfahrer die Berge hinauf, die am nächsten Tag die Profis bewältigten. Kummer war mal Sportlicher Leiter beim Team T-Mobile und bei Astana, nun ist er als Privatmann hier. Als Radhändler.

Es ist wohl wie es ist: Die Tour de France lässt niemanden los.

Lance Armstrong war ja auch da. Obwohl in seinem Fall nicht ganz klar ist, wer wen mehr brauchte. Der 37-Jährige, siebenmaliger Toursieger zwischen 1999 und 2005, verkündete im Herbst 2008 sein Comeback - und die Organisatoren der großen Radrennen rissen sich um ihn. Für den Giro-Start bekam er angeblich eine siebenstellige Summe, für die Tourteilnahme reichten dem Vernehmen nach Schmeicheleien des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy.

Armstrong belegte am Ende einen beachtlichen dritten Rang - gewonnen hat vor allem die Tour selbst: Die Rückkehr des US-Amerikaners brachte der Rundfahrt weltweite Aufmerksamkeit und auf den Sport konzentrierte Berichterstattung statt nerviger Dopingrecherchen. Der Tour-Veranstalter Aso stellte im Gegenzug seine kritischen "L'Equipe-Reporter ruhig. Wurden Kontrolleure des Weltverbands von Astana erstmal auf ein Kaffeekränzchen eingeladen, fand die Berichterstattung darüber auf Seite fünf statt.

Auch Armstrong hat gewonnen. David Walsh sieht das jedenfalls so. Er hat mit dem ehemaligen "L'Equipe"-Journalisten Pierre Ballister das Buch "Le sale Tour" (Die schmutzige Tour) geschrieben und darin die angeblich wahren Motive für die Rückkehr des US-Amerikaners offengelegt. Armstrong, so der Ire Walsh, gehe es im Prinzip nur um zwei Dinge: Image und Geld. Für seine politischen Ambitionen (Armstrong soll am Gouverneursposten in Texas Interesse haben) sei der Start ebenso wichtig wie für die Promotion der kommerziellen Wellness-Plattform Livestrong.com, an der Armstrong beteiligt ist.

Aber natürlich hat auch Walsh ein finanzielles Interesse. Schließlich soll sich ja sein Buch verkaufen.

So war das schon immer. Da sind die, die Armstrong nachstellen und den Mann für unredlich halten. Und es gibt Menschen wie Bruce Hildenbrand, die ihn einfach einen guten Sportsmann nennen. Zwei Kilogramm leichter als je zuvor sei dieser zur Tour gekommen, "und nicht nur er war fest davon überzeugt, hier gewinnen zu können", sagt Hildenbrand.

Hildenbrand ist 54, aber er sieht aus wie Mitte 40. Er ist einer dieser All-American-Guys, immer ein Lächeln im Gesicht und ein Basecap auf dem Kopf. Gestählt im Fitnessstudio. Während der Tour nahm er sich sechs Tage frei und fuhr an jedem 120 Kilometer mit dem Rad. In den Bergen. Aber Hildenbrand ist auch Journalist, er begleitet Armstrong seit 1993, und Hildenbrand sagt: "Armstrong ist weicher geworden. Er hat gelernt, Menschen zu vertrauen." Vor allem in diesem Jahr sei der 37-Jährige viel offener zu den Journalisten gewesen.

David Walsh hält das für eine Masche - Imagebuilding. Mit Lance Armstrong ist es wohl wie mit der Tour. Es gibt nur schwarz oder weiß.

Ist Alberto Contador, 26, der überragende Fahrer der kommenden Dekade? Oder ist er ein Betrüger? Der Spanier dominierte die Tour sportlich - muss aber gerade wegen seiner Überlegenheit (und seiner Vergangenheit als mutmaßlicher Kunde des Blutmischers Eufemiano Fuentes) mit dem Dopingverdacht leben.

Andreas Klöden, 34, gilt in Deutschland als verbrannt, weil er zum einen im Untersuchungsbericht zur Freiburger Uniklinik-Affäre auftaucht - und mit dem Großteil der Journalisten aus der Heimat ohnehin kein Wort mehr spricht. Die "L'Equipe" nannte ihn "Astanas Joker", er gab der Zeitung dann auch eines der seltenen Interviews. Nur auf Freiburg wollte er nicht angesprochen werden. Sportlich war Klöden der beste Deutsche. Aber auch der in Deutschland am meisten ignorierte. Die "taz" schrieb ein Klöden-Porträt ohne Klöden-Zitat. "Fremdenlegionär ohne Denkmal" stand darüber.

Und Tony Martin, 24, der eine Woche des Weiße Trikot des besten Nachwuchsfahrers trug und am Mont Ventoux nur durch einen taktischen Fehler Zweiter wurde? Ihn als größte deutsche Radsport-Hoffnung zu bezeichnen, würde es vielleicht ganz gut treffen. Aber darf man das, wo doch der Vorgänger mit diesem Titel Jan Ullrich hieß?

Martin selbst scheut den Vergleich. Er sagt, er habe sich bei dieser Tour "als Radprofi weiterentwickelt". Der Einbruch in den Alpen sei lehrreich gewesen, im kommenden Jahr will er wiederkommen. Besser. Und seine eigene Geschichte schreiben.

insgesamt 492 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Brieli 02.07.2009
1.
Zitat von sysopJubelnde Massen an der Strecke, packende Duelle in den Bergen und Millimeter-Entscheidungen im Sprintfinale - so könnte die Tour '09 aussehen. Oder versinkt die Frankreich-Rundfahrt einmal mehr im Doping-Chaos? Wie ist das Comeback von Lance Armstrong zu bewerten?
Wie üblich. Beides. Ist doch egal, ob ein Doper mehr oder weniger mitfährt.
Parisienne, 02.07.2009
2.
Zitat von sysopJubelnde Massen an der Strecke, packende Duelle in den Bergen und Millimeter-Entscheidungen im Sprintfinale - so könnte die Tour '09 aussehen. Oder versinkt die Frankreich-Rundfahrt einmal mehr im Doping-Chaos? Wie ist das Comeback von Lance Armstrong zu bewerten?
Ach ja, es ist wieder so weit, die Tour de Farce! Allein die Schlamperei der WADA mit dem Sinkewitz-Protokoll zeigt doch, in welch katastrophalem Zustand sich der Radsport noch immer befindet. Dann wurde auch gleich noch Thomas Dekker positiv auf EPO getestet, wunderbar. Wer noch immer daran glaubt, der Radsport könnte in absehbarer Zeit wieder sauber sein, tut mir einfach nur leid. Und Lance Armstrong? Was hat eigentlich Jan Ulrich die nächsten Wochen so vor?
DickBush, 02.07.2009
3. Lance setzt ein gutes Signal an
Auch andere Sportarten sind von der Drogenplagge nicht frei gewesen, im Radsport hat man aber ganz hart und konsequent gehandelt. Die Tour war und ist eine in jedem Bezug tolle Veranstaltung, es ist ein Glücksfall daß sich der große Lance wieder zum Wort gemeldet hat!
a.narchist, 02.07.2009
4. Als Kind die Friedensfahrt, später die Tour der Leiden ...
heute totale Radsport-Abstinenz. Allerdings gucke ich mir auch keine Leichtathletik-Wettbewerbe mehr an und keine ... Der ganze versiffte Kommerz-Sport kann mir gestohlen bleiben. Kälbermast-Mittel für Menschen und für Menschen gedachte Arzeneien den Pferden verabreicht. Olympiasieger - zwei Jahre Sperre - Weltmeister und wieder gedopt, die Karriere von Kugelstoßern. Hammerwerferinnen, die echt "der Hammer" sind und nun der König des Doping wieder auf dem Rad. Wer da noch mitfiebert, sollte einen Arzt aufsuchen oder die eigenen Medikamente absetzen.
Shiraz, 02.07.2009
5.
Zitat von sysopJubelnde Massen an der Strecke, packende Duelle in den Bergen und Millimeter-Entscheidungen im Sprintfinale - so könnte die Tour '09 aussehen. Oder versinkt die Frankreich-Rundfahrt einmal mehr im Doping-Chaos? Wie ist das Comeback von Lance Armstrong zu bewerten?
Hihi, alle Jahre wieder:-) Verseucht, verlogen, versaut. Schau ich mir nicht mehr an.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.