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18. August 2004, 06:44 Uhr

Franziska van Almsick

Zurück auf die Couch

Von , Athen

Es sollte ein olympisches Märchen sein und musste doch wahr werden, weil es alle so wollten. Die Geschichte endete mit dem fünften Platz und erzählt viel über den Umgang mit Helden. Ein Abschied von Franzi.

"Die Hatz ist zu Ende": Van Almsick am Ende ihrer Olympia-Träume
EPA/DPA

"Die Hatz ist zu Ende": Van Almsick am Ende ihrer Olympia-Träume

Athen - "Franziska van Almsick? Kenne ich nicht. Nie gehört." Die amerikanische Schwimmerin Dana Vollmer ist zarte 16 Jahre alt und zum ersten Mal bei Olympischen Spielen. Als sie bei ihrer Vorbereitung in den USA nach den Chancen von Franzi im Finale gefragt wurde, konnte sie mit dem Namen nichts anfangen. Unschuld der Jugend? Ignoranz? Überheblichkeit? Dummheit? Oder hatte die Konkurrenz Franzi schon nicht mehr auf dem Zettel? Nur wir Deutschen setzten ihr immer wieder die Badehaube auf.

Alle hatten sich geeinigt: Die Franziskaner-Gemeinde in der Öffentlichkeit, der Deutsche Schwimmverband und Franzi selbst, die nach ihrem Triumph bei der Europameisterschaft vor zwei Jahren in Berlin eines der größten Comebacks geschafft hatte. Jetzt werden alle sagen, da habe sie den Zeitpunkt zum Aufhören verpasst.

Heldenzeit

Selbst ihr Karriere-Grabredner, "Bild"-Kolumnist Franz Josef Wagner, der vor vier Jahren nach dem peinlichen Geplansche in Sydney die Schlagzeile "Franzi van Speck" kreiert hatte, erlag dem Charme des Märchens: Er eilte nach Athen und bot Satisfaktion an. Sie solle ihm eine runterhauen im Stadion, aber bitte, bitte erstmal Gold gewinnen. Der Sport und jene, die ihn beobachten und übergroß machen, lieben nun mal Helden, strahlende und gefallene. Und es gibt keine größere Heldenzeit als Olympia.

Van Almsick war noch zwei Jahre jünger als ihre amerikanische Konkurrentin Vollmer bei ihren ersten Spielen in Barcelona. Damals, als sie zum Goldfisch wurde, ohne Gold gewonnen zu haben, und Geschichten über sie immer das Alter transportierten, immer mit dem Zusatz "süß" und "freche Göre". Mit 14 und 16 hat man noch Träume. Für Franzi war es Olympisches Gold, das ihr immer fehlte.

Jetzt ist es vorbei und so richtig glauben wollte es an diesem Abend in Athen noch keiner. Das Märchen sollte doch weitergehen, aber es endete mit dem fünften Platz, mit einer Zeit, die sie sonst locker in jedem Training wegsurft. Jetzt wird sie wieder zurückkehren, die Zeit der Hobbypsychologen, die Franzi van Almsick immer ungefragt auf die Couch gelegt haben, um ihre Belastbarkeit, ihre Druckresistenz zu beobachten. Und auch zu fragen: Wie dick ist sie? Hat sie geraucht? Wie sieht es aus in der Beziehung zum Handball-Stefan?

Der Härtetest

Van Almsick hatte in solchen Fragen immer ein gespaltenes Verhältnis zur Öffentlichkeit und zu sich selbst. Mal wollte sie nur in Ruhe gelassen werden, mal ließ sie erotische Fotos produzieren und veröffentlichen, als Profiteur und Opfer des Ruhms.

Sie hatte auf andere Wettkämpfe verzichtet, um sich ganz auf Olympia einzulassen. Prompt wird sie dann gefragt, ob sie denn ausreichend Wettkampfhärte besitze. Für sie musste es klingen, als fragte man Kanzler Gerhard Schröder, ob er sich einer Rede vor dem Bundestag gewachsen fühle. Acht Olympiamedaillen, über 20 EM-Titel, das fünffache Gold und der Weltrekord in Berlin erst vor zwei Jahren genügen offenbar nicht, um ihr Wettkampfhärte zuzutrauen. Sie muss immer wieder auf die Couch. Immer wieder auf den Startblock. Immer wieder von vorne anfangen.

Franzi in Athen: "In fünf Minuten ist alles vorbei"
DPA

Franzi in Athen: "In fünf Minuten ist alles vorbei"

"Es ist rührend, wie sich alle um mich kümmern", knurrte sie im Vorfeld. "Aber ich bin seit Jahren dabei. Mir muss zur Wettkampfhärte keiner mehr was erklären."

Sie ist jetzt 26 Jahre alt und zum vierten Mal bei Olympia. Es waren die letzten Spiele, bei denen sie nicht nur ihren eigenen Traum vollenden wollte, sondern nebenbei auch die Märchenträume einer ganzen Nation nährte und die eines deutschen Teams in Athen, das nicht aus den Hufen kommt und ein Aufbruchssignal ersehnte. "Die Hatz ist zu Ende", lautete der Kommentar von Franzis Mutter nach dem Rennen. Das klang sehr ehrlich. Und bitter: "Ich bin froh, dass es vorbei ist."

Es sollte nur noch vorbei sein

Van Almsick muss das ähnlich empfunden haben. Sie kam mit Kopfhörer ins Stadion, legte als allerletzte ihre Jacke ab, versuchte Gelassenheit und Überlegenheit zu demonstrieren. Erst nach dem Rennen sagte sie, wie es ihr wirklich ging: "Mein ganzer Tag war beschissen. Seit zwei Jahren warte ich auf diesen Tag. Und dann geht alles so schnell. Als ich auf dem Startblock saß, dachte ich nur: In fünf Minuten ist alles vorbei."

Seit Sydney ist sie rund 10.000 Kilometer geschwommen, war über 8000 Stunden im Chlor-Wasser, hat Kacheln gezählt, Diät gehalten und die Erlösung erwartet. Das alles für zwei Minuten in Athen. Es sollte nur noch vorbei sein. Jetzt ist es vorbei.

Es wird noch geredet werden über falsches Training von Norbert Warnatzsch, das schon im Vorfeld kritisiert wurde, es wird noch verhandelt werden über ihre weitere Rolle im Team, aber was zählt das alles noch? "Wir können die Uhr ja nicht auf null stellen", sagte ihre Managerin Regine Eichmann später am Abend im Deutschen Haus. Und wirkt kein wenig traurig.

Für van Almsick wird dennoch einiges auf null gestellt. Sie hat bereits angekündigt, dass man sie auf ihrer Paradestrecke nicht mehr sehen wird. Im September erscheint ihre Autobiographie "Aufgetaucht". Der Abschied war schon vorbereitet. Dann soll ein anderes Leben beginnen, in ruhigeren Bahnen, ohne Chlorgeruch in der Haut und ausgelaugten Haaren. Mit 26 hat man noch Zeit.

Am 13. November 2001 schrieb sie in ihr Internet-Tagebuch: "Ich habe mir nie wirklich Gedanken gemacht, wo das alles mal hinführen wird. Ich bin einfach nur geschwommen, weil ich es geliebt habe, und das tue ich immer noch. In den letzten Jahren ist viel passiert, ich habe viel ernten können, aber auch viel einstecken müssen, dafür dass ich meiner Leidenschaft nachgegangen bin. Mich hat nie jemals einer gefragt, ob ich 'berühmt' werden will, es ist passiert und jetzt muss ich damit versuchen umzugehen. Ich bin nicht perfekt und das möchte ich auch niemals sein."

Mach weiter, immer weiter

Der Schwimmsport verliert eines seiner schillerndsten und erfolgreichsten Gesichter und der Schlussakkord im finalen Drama macht sie eigentlich nur noch größer. "Unglücklich das Land, das Helden nötig hat", heißt es in Brechts "Leben des Galilei". Es ist ein offenes Geheimnis in der Schwimmszene, dass van Almsick auf ihrer Lieblingsdistanz so lange dominieren konnte, weil es an Nachwuchs fehlte. Und immer wieder wurde sie getrieben und hat sich treiben lassen: Mach weiter.

Niedergeschlagene van Almsick: Geplatzter Traum einer Nation
DPA

Niedergeschlagene van Almsick: Geplatzter Traum einer Nation

"Was ich sagen will ist, dass ich einfach nur versuche mein Leben zu leben, ja mal vorteilhafter, aber dennoch mit Beobachtung, Druck und Erwartungen, und ich kann und will nicht immer dem entsprechen, was ihr da draußen in mir seht", schrieb sie in ihr öffentliches Tagebuch.

Sie war immer eine öffentliche Person und da auch unentschieden. Jeder glaubte sie zu kennen. Mal wandte sie sich angeekelt ab, mal hat sie es gefüttert und genossen. Franziska van Almsick wollte schon viel in ihrem Leben. Sie hat eine Idee, begeistert sich dafür, dann ist das Ganze wieder vergessen. Sie wollte mal mithelfen, Schmuck zu entwerfen, längst eingeschlafen das Projekt. In jedem zweiten Interview nach persönlichen Plänen befragt, erzählt sie seit Jahren, dass sie Sprachen lernen will. Vergessen. Weil sie immer für einen Spruch gut war, ob dumm oder nicht, war sie ein Liebling der Mikrofonhalter. Auch dadurch wurde sie größer und unwirklicher - und hat es zuletzt nicht mehr gewollt: "Ich muss niemanden mehr etwas beweisen." Vielleicht nur sich selbst.

Den Namen wird man kennen

In Athen hat ein Generationenwechsel stattgefunden auf der 200-Meter-Distanz. Es ist das Ungerechte im Sport, dass der letzte Eindruck oft länger haften bleibt. Man wird lange ihr Olympia-Scheitern assoziieren, der fünfte Platz im letzten Rennen wird die fünf Goldmedaillen bei der WM von vor zwei Jahren überlagern. Aber die 16-jährige Amerikanerin Dana Vollmer wird den Namen Franzi van Almsick nun kennen. Die 26-jährige Deutsche war schneller als sie. Und sie ist weiter die Weltrekordhalterin auf dieser Strecke.

"Eine Sekunde macht doch einen Menschen nicht schlechter oder besser", hatte sie nach Sydney gesagt. Und selbst nie daran geglaubt. Damals hatte sie das Gefühl, sich wie ein Hamster im Rad zu drehen. Sie spürte nie so viel Respekt, dass man ihr Niederlagen zugestand. Van Almsick war immer mehr als eine Sportlerin, sie war eine Übergröße, an der sich alle gerne abarbeiteten.

Vielleicht erinnert sie sich jetzt an das Gedicht von Erich Fried, das sie ihrem Ex-Trainer Dieter Lindemann widmete nach dessen Tod:

Abschied
Das Gute fliegt jetzt davon
dorthin wo alles nicht immer in die Vergangenheit fällt
sondern täglich auf- und untergeht wie die Sonne.

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