Frauen-Handball-EM Deutschland will zurück in die Weltspitze

Die olympische Enttäuschung soll vergessen gemacht werden: Deutschlands Handball-Frauen wollen bei der EM in Mazedonien an Reputation zurückgewinnen. Das Erfolgsrezept: Spielerische Veränderungen, Konstanz auf dem Feld - und weniger Fehler.

Von Frieder Schilling


Es ist ein ungeschriebenes Gesetz im Sport: Herbe Enttäuschungen vergisst man am besten durch den nächsten Erfolg. Eine solche Kur erhofft sich auch die deutsche Handball-Nationalmannschaft der Frauen, wenn sie am Dienstag gegen Gastgeber Mazedonien in die Europameisterschaft startet: "Wir haben beim olympischen Turnier weitaus nicht das erreicht, was wir uns erträumt hatten", sagte Bundestrainer Armin Emrich. "Jetzt versuchen wir uns bei der EM ein bisschen zu rehabilitieren." Rang elf war es Peking, in Mazedonien will man nun "so gut wie möglich abscheiden, an das anknüpfen, was wir im Vorfeld von Olympia erreicht haben". 2007 holte das Team WM-Bronze, im Jahr davor wurde man EM-Vierter.

Deutsche Rekordtorschützin Jurack: Hoffnung auf spielerische Konstanz
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Deutsche Rekordtorschützin Jurack: Hoffnung auf spielerische Konstanz

Der Kader ist nahezu unverändert geblieben, nur die auf Rückraum-Mitte spielende Maren Baumbach hat nach Peking ihren Rücktritt erklärt. Spielerisch aber habe man "viele Feinheiten verändert, Alternativen in der Abwehr einstudiert", sagt Emrich SPIEGEL ONLINE. Denn, so der Bundestrainer, "ganz sicher wird bei der EM nur über eine starke Abwehrformation und eine starke Torwartleistung was zu holen sein".

Zudem sei die Reduzierung technischer Fehler ein entscheidender Faktor um erfolgreich zu sein. Gerade im Gegenstoß und der im Frauen-Handball immer öfter praktizierten "schnellen Mitte" müssten unnötige Ballverluste minimiert werden, den diese bedeuten im Handball "immer ruckzuck ein Gegentor", so Emrich. Zudem gelte es, konstant zu agieren: "Da kann es sein, sie machen fünf Tore in Serie, oder sie kassieren fünf in Serie. Diese Schwankungen versuchen wir zu reduzieren", sagte der frühere Nationalspieler.

Nach der Eröffnungspartie gegen Mazedonien trifft die deutsche Mannschaft in der Hauptstadt Skopje noch auf Serbien (4.12.), deren Trainer Caslav Dincic auch Coach der Regionalliga-Männer des TuS Ferndorf ist, sowie Kroatien (6.12). Gegen alle drei Gegner ist Deutschland favorisiert, doch der Bundestrainer warnt: "Die Welt ist insgesamt sehr eng zusammengerückt. Es wird auch Überraschungen geben." Turnier-Favorit für den 57-Jährigen ist Titelverteidiger und Olympiasieger Norwegen: "Sie haben einen massiven Innenblock, einen sehr konsequenten Gegenstoß und eine hohe technische Präzision."

Gerade die technische Varianz ist ein optischer Vorteil des Frauen-Handballs gegenüber den Männern, findet Emrich, der in den neunziger Jahren die Männer-Nationalmannschaften Deutschlands und der Schweiz trainiert hat. Zudem werde noch konzeptioneller gespielt, und auch an Dynamik hätten die Frauen gewaltig zugelegt. "Deswegen", sagt Emrich, "ist Frauen-Handball phasenweise auch schöner anzuschauen als dieses kraftvolle Männerspiel."

Nichtsdestotrotz ist der Männer-Handball in Deutschland wesentlich populärer und die Bundesligaspieler in der Regel Vollprofis. Davon sind die Frauen weit entfernt. Viele der in Deutschland aktiven Nationalspielerinnen sind Studenten in Vollzeit, einige sogar berufstätig. So arbeitet Torhüterin Clara Woltering beispielweise als Landwirtin.

Sicherlich der Hauptgrund, warum es immer mehr deutsche Spielerinnen ins Frauen-Handball-Paradies nach Dänemark zieht. Dort können sie sich wesentlich stärker auf ihren Sport konzentrieren. Aus dem EM-Kader stehen Nadine Krause, Nina Wörz, Grit Jurack, Stefanie Melbeck und Anja Althaus in der stärksten Liga der Welt unter Vertrag. "In Dänemark hat der Frauen-Handball einen Stellenwert wie bei uns die Männer-Bundesliga", weiß Emrich. "Dort wurde es vor vielen Jahren in die richtige Richtung gelenkt." Eine - wie in Dänemark übliche - wöchentliche Live-Übertragung einer Partie im Fernsehen, ist hierzulande bislang undenkbar.

Emrich sieht in Deutschland immerhin "Tendenzen". Die Bundesliga sei professioneller geworden, die Vereine besser strukturiert und organisiert. Wie weit ein Anschluss an die Männer allerdings möglich sei, "ist immer eine Frage des Geldes und der Vermarktung", so der Bundestrainer.

"Feurige Atmosphäre" in Skopje erwartet

Die Zuschauerzahlen zeigen die unterschiedlichen Dimensionen an: Während bei den Männern im Durchschnitt 4392 Zuschauer eine Bundesligapartie vor Ort verfolgen, kauften sich bei der bestbesuchten Frauen-Begegnung der laufenden Saison (Leipzig gegen Nürnberg) 2964 Zuschauer ein Ticket. Den Minusrekord hält das Spiel zwischen Dortmund und Trier: Nur 400 Fans wollten diese Partie sehen.

In Skopje werden am Dienstag Abend rund 8000 mazedonische Fans die Halle füllen. Emrich erwartet "eine feurige Atmosphäre" gegen den Gastgeber, "der uns alles abverlangen wird". Auch in den weiteren Partien der "Balkan-Gruppe" wird die Unterstützung für die Gegner sicherlich zahlreicher sein. Aber auch das ist ein immer wieder herangezogener Grundsatz im Sport: Ein dem Gegner gesonnenes Publikum erhöht die eigene Motivation.

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