Frauenboxen Vier Fäuste und kein Hallelujah

In Norwegen kämpfen die Amateurboxerinnen noch bis zum Wochenende um die Europameisterschaft. Deutsche Teilnehmerinnen sind nicht dabei. Mangels Qualität, sagt der Verband. Wegen der Sturheit bornierter Funktionäre, urteilen zwei der verhinderten Faustkämpferinnen.


Amateurboxerin Dürr (l.): "Ich wollte nur zur EM"
Jens Gatzenmeier

Amateurboxerin Dürr (l.): "Ich wollte nur zur EM"

Sie waren glänzend vorbereitet und hoch motiviert. Gern wären Sonja Dürr und Carmen Falke bei der 4. EM der Amateurboxerinnen vom 8. bis 15. Mai im norwegischen Tonsberg an den Start gegangen. Doch die Deutschen Meisterinnen sind nicht in der 100 Kilometer südlich von Oslo gelegenen Stadt mit ihren 35.000 Einwohnern. Sie sind zu Hause. Der Deutsche Box-Verband (DBV) wollte es so.

Die Begründung der Funktionäre geriet sehr komplex, man wollte wohl sicher gehen, dass es keinen Widerspruch gibt. Es habe, so die DBV-Vertreter, überhaupt keine Qualifikation für diese EM gegeben, zudem seien die deutschen Boxerinnen international nicht konkurrenzfähig und speziell Dürr inzwischen schon zu alt, um noch gefördert zu werden. "Die sollen mich gar nicht fördern, das hätten sie in den vergangenen Jahren machen können. Ich wollte nur zur EM", empört sich die 33-Jährige, deren Sport seit 1995 auch hierzulande gebilligt wird.

"Einmal Europameisterin zu werden, das wäre schon toll", schwärmt Dürr. Dabei hatte es die Hamburgerin, die sich bis zuletzt mit sechs Trainingseinheiten pro Woche auf die EM vorbereitet hatte, schon im Mai 2003 beinahe geschafft: Bei der 2. EM in Ungarn gewann die mehrfache Deutsche Meisterin Silber. Und bei der letztjährigen EM im italienischen Riccione unterlag sie in der Zwischenrunde lediglich der späteren Europameisterin und wurde Fünfte.

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Frauenboxen: Kampf um Anerkennung

Seit Himmelfahrt 1998, als Dürr ihren ersten Punktkampf in einem Bierzelt in Hamburg-Niendorf bestritt, wurde die Leichtgewichtlerin (bis 57 Kilogramm) in ihren 31 Kämpfen erst viermal geschlagen - von amtierenden Weltmeisterinnen oder heutigen Profiboxerinnen. Doch jetzt wurde der Faustkämpferin des Hamburger Vereins BC Hanseat mit dem eigenen Boxverband ein übermächtiger Gegner vorgesetzt, der die Elektroinstallateurin in die Knie zwingen konnte.

Auch Dürrs Boxkollegin Carmen Falke ist verstimmt. "Der DBV tut doch gar nichts für uns, um alles müssen wir uns selber kümmern", begründet die 26-jährige Halbweltergewichtlerin (bis 60 Kilogramm) aus Celle ihren Frust. "Am Anfang wollte ich alles hinschmeißen", sagt Falke, die gelernte Dreherin. "Carmen hat sich sehr auf die EM gefreut und die ganze Zeit dafür trainiert. Das Handeln des DBV ist eine Diskriminierung gegenüber den Frauen", urteilt Falkes Trainer Christian Hannecker.

Über diese Aussage kann DBV-Pressewart und -Vizepräsident Alexander Mazur nur mit dem Kopf schütteln. "Zuletzt haben unsere Frauen auf internationaler Ebene total versagt", sagte er SPIEGEL ONLINE, "auch Fräulein Dürr spreche ich die sportliche Reife für internationale Kämpfe ab." Am vorvergangenen Wochenende allerdings erkämpfte sich Dürr beim renommierten internationalen Maj-Cup in Stockholm durch zwei Punktsiege den Sieg.

Profiweltmeisterin Halmich: "Riesengroße Sauerei"
DDP

Profiweltmeisterin Halmich: "Riesengroße Sauerei"

Jens Herbert Offermanns, Pressewart des Hamburger Amateur-Box-Verbandes, hält den Beschluss der Kasseler Kollegen denn auch für unsinnig: "Die Entscheidung ist kurzsichtig und in der Begründung absolut nicht haltbar. Sonja ist im besten Boxalter. Damit fällt das deutsche Frauenboxen um Jahre zurück." Welche Geringschätzung der DBV aber seinen weiblichen Mitgliedern entgegenbringt, belegt nicht zuletzt ein Statement von Manfred Schmiler, immerhin Frauenboxbeauftragter: "Ich bin nicht fürs Frauenboxen, aber wir müssen damit leben."

Fliegengewichtsweltmeisterin Regina Halmich, die sich schon länger für ihre Amateurkolleginnen ins Zeug legt, wird bei solchen Einlassungen böse. "Wenn ich die Chance gehabt hätte, wäre ich als Amateurin gerne zu den Olympischen Spielen gefahren", sagte die 29-Jährige, "leider musste ich damals sehr schnell Profi werden. Wenn heute jemand daran gehindert wird, an einer EM teilzunehmen, ist das eine riesengroße Sauerei."

Die Beweggründe des DBV bewerten Insider indes unterschiedlich: Sprechen die einen mit dem Tod von Vizepräsident Peter Kienast im März 2004 vom Verlust des letzten echten Frauenbox-Fürsprechers im Verband, vermuten andere gleichwohl Perfideres hinter dem ganzen Manöver: "Ich glaube, das hängt mit den Profidamen zusammen. Der deutsche Amateurmarkt scheint für den Profibereich abgegrast, und nun lässt man die übrig gebliebenen Boxerinnen fallen wie heiße Kartoffeln", vermutet ein Funktionsträger, der seit Jahrzehnten im Geschäft ist.

"Diese Sache lasse ich nicht auf mir sitzen und wird noch Konsequenzen haben", droht Falkes Coach Hannecker. Auch Dürrs Rechtsanwalt Alexander Hoffmann gibt sich kämpferisch: "Rechtliche Schritte behalten wir uns in einem Hauptverfahren ausdrücklich vor." Eine von Dürr eingereichte einstweilige Verfügung gegen den DBV wegen des verweigerten EM-Starts musste jedoch mangels Erfolgsaussichten schließlich zurückgenommen werden, weil dem Verband vor Gericht wohl keine Willkür hätte nachgewiesen werden können.

Nun steht also die nächste Runde an. Wer den Ring als Sieger verlassen wird, ist derzeit völlig offen. Nur so viel ist gewiss: Es wird mit harten Bandagen gekämpft, und Tiefschläge sind nicht ausgeschlossen.



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