Freispruch für Contador Spanische Verhältnisse

Mit dem Freispruch für Alberto Contador werden alle Vorbehalte gegen den spanischen Sport bestätigt: Der Anti-Doping-Kampf ist nur Kosmetik, die Stars werden geschont. Contador selbst will jetzt alle großen Rundfahrten mitmachen - und wird so das Image der Sportart komplett ramponieren.
Tour-Star Contador: Zurück in der Radsport-Normalität

Tour-Star Contador: Zurück in der Radsport-Normalität

Foto: Spencer Platt/ Getty Images

Für Alberto Contador hatte am Mittwoch bereits wieder der Radsport-Alltag eingesetzt. Er werde nicht nur die Tour de France in diesem Jahr in Angriff nehmen, "ich werde auch beim Giro d'Italia dabei sein", kündigte der 28-jährige Spanier vollmundig an. Sprach's und setzte sich für seinen neuen Rennstall Saxo Bank aufs Rad, um im portugiesischen Faro die erste Etappe der Algarve-Rundfahrt anzugehen. Dass ihn der eigene Verband RFEC vom Vorwurf des Dopings freigesprochen hat, ist da erst einen Tag her.

Der dreifache Sieger der Tour de France ist sichtlich bemüht, Normalität herzustellen. Den bei ihm nachgewiesenen verbotenen Wirkstoff Clenbuterol hatte er stets damit begründet, er habe während der Tour de France 2010 ein verunreinigtes Steak zu sich genommen. Aus seiner Sicht ist ihm denn auch lediglich Gerechtigkeit widerfahren, als der RFEC ihn mit sofortiger Wirkung wieder für startberechtigt erklärt hatte. Für andere ist es der größte Skandal in einer von Skandalen wirklich nicht armen Sportart. Das ganze sei "eine Kabarett-Nummer", sagt der Heidelberger Anti-Doping-Experte Werner Franke.

Öffentlichkeit ist nur noch desillusioniert

In seinen Bemühungen, sich als ein sauberer Sport zu verkaufen, hat das Profiradfahren am Dienstag einen immensen Rückschlag erlitten. Dass sich die öffentliche Empörung nach dem Urteil der Spanier in Grenzen hält, zeigt nur, wie desillusioniert das Publikum beim Thema Radsport bereits reagiert.

Allein bei den Profis sind diese Befindlichkeiten noch nicht angekommen. Im Gegenteil. Contador fühlt sich als Opfer. "Mein Image hat einen solchen Schaden erlitten, dass dieser nicht wieder gutzumachen ist", hat er im spanischen Fernsehen beklagt. Weit größer ist allerdings der Imageschaden, den die gesamte Sportart durch diesen Freispruch bekommen hat. Contador als Aushängeschild für die beiden großen Rundfahrten des Jahres - schlimmer kann es eigentlich nicht kommen.

Die unverbesserlichen Radsportfans werden trotzdem an der Strecke stehen und den Spanier und die Anderen anfeuern, als sei nichts gewesen. Dass ARD und ZDF für 2012 ihren Rückzug aus den Live-Übertragungen von der Tour angekündigt haben, wird durch den Spruch des spanischen Verbands nachträglich bestätigt.

In Spanien gilt Contador trotz der Clenbuterol-Vorwürfe als Nationalheld, der Profi selbst preist sich als "Musterbeispiel eines sauberen Sportlers". Der eigene Ministerpräsident José Luis Zapatero hatte sich am vergangenen Wochenende höchstpersönlich eingemischt und via Twitter quasi regierungsamtlich mitteilen lassen, es gebe keine Grundlage für eine juristische Verfolgung Contadors. Dass der Radsportverband dem widersprechen würde, galt spätestens dann als unwahrscheinlich. Der dänische Saxo-Bank-Teamchef Bjarne Riis, selbst in den neunziger Jahren Tour-Sieger und anschließend geständiger Dopingsünder, nannte das Ergebnis dann "auch keine Riesenüberraschung mehr".

Der Eindruck, in Spanien werde der Anti-Doping-Kampf vorrangig aus kosmetischen Gründen geführt, hat sich seit diesem Dienstag massiv verstärkt. Es gab zwar in den vergangenen Monaten wiederholt Razzien bei mutmaßlichen Dopingsündern. Auch der umstrittene Doping-Doktor Eufemiano Fuentes wurde kurzzeitig erneut festgenommen. Aber einen sportlichen Hochkaräter wie Contador aus dem Verkehr zu ziehen, das scheint in Spanien weder möglich noch gewollt zu sein. Das Land ist stolz auf seine sportlichen Erfolge. Die Triumphe der Fußballer, des Tennisspielers Rafael Nadal, des Formel-1-Stars Fernando Alonso oder des Radsportlers Alberto Contador sind für das spanische Selbstbewusstsein umso wichtiger, je mehr der wirtschaftliche Niedergang des Landes voranschreitet.

Wada reagiert erst einmal abwartend

Ob Contador tatsächlich bei der Tour de France mitfahren wird, hängt auch davon ab, ob der Rad-Weltverband UCI und die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada gegen den Urteilsspruch der Spanier vorgehen und vor den Internationalen Sportgerichtshof Cas im schweizerischen Lausanne ziehen. In den ersten Reaktionen hielt sich die Wada noch bedeckt. Man werde das Urteil in aller Ruhe prüfen, hieß es. Wada-Generaldirektor David Howman nannte das RFEC-Urteil äußerst salomonisch "sehr interessant". Dass der spanische Verband zunächst angekündigt hatte, Contador für ein Jahr zu sperren, um dann eine Kehrtwendung zu vollziehen - so etwas habe er allerdings noch nie erlebt, sagte Howman der "Süddeutschen Zeitung".

Die UCI zumindest hat ein hartes Durchgreifen angekündigt. Man werde jetzt rechtliche Schritte einreichen, kündigte UCI-Boss Pat McQuaid an, das Maß sei voll. Ziel der harschen Worte des Weltverbandes ist allerdings nicht Contador, sondern der längst zurückgetretene Floyd Landis. Der ehemalige Top-Fahrer und Edelhelfer von Lance Armstrong hatte der UCI Vertuschung von Dopingfällen vorgeworfen und dem Verband Korruption unterstellt. In solchen Fällen reagiert der Weltverband ganz schnell.