Freiwasserschwimmer Wellbrock und Muffels Freunde für 9500 Meter - "dann stirbt jeder für sich allein"

Die deutschen Freiwasserschwimmer Florian Wellbrock und Rob Muffels haben vor zwei Jahren beschlossen, gemeinsam die Olympiaqualifikation zu schaffen. Bei der Schwimm-WM wird dieser Pakt nun auf die Probe gestellt.

Freiwasserschwimmer Florian Wellbrock
Andrea Masini/ imago images/ Insidefoto

Freiwasserschwimmer Florian Wellbrock

Aus Yeosu berichtet


Natürlich haben sie auch gemeinsam gratuliert. Als sich Finnia Wunram am Sonntagmorgen über die olympischen zehn Kilometer für Tokyo 2020 qualifizierte, warteten Florian Wellbrock und Rob Muffels am Rande der Interviewzone, um ihre Magdeburger Teamkollegin zu beglückwünschen.

Die beiden Freiwasserschwimmer Wellbrock und Muffels gibt es derzeit nur im Doppelpack. Essen, Training, Reisen - "wir haben unsere Vorbereitung so gestaltet, dass wir gar nicht von der Seite des anderen weichen", sagt Wellbrock dem SPIEGEL. "Wir hocken die ganze Zeit auf einem Haufen."

Im Teamhotel am Hafenbecken im koreanischen Yeosu teilen sie sich zudem ein Doppelzimmer, das Freiwasserrennen von Wunram haben sie sich zuvor vom Balkon aus angeschaut. Am Dienstag (1 Uhr MESZ, 8 Uhr Ortszeit) wollen sie selbst sich bei der WM über zehn Kilometer für Olympia 2020 qualifizieren. Gemeinsam. Das haben sie bereits vor zwei Jahren beschlossen.

Damals habe man einen Pakt geschlossen, erzählt Wellbrock: Den Weg nach Tokyo werde man nur zusammen gehen. Trainieren würden sie ohnehin schon Tag für Tag Schulter an Schulter, seit Wellbrock mit 17 Jahren aus Bremen nach Magdeburg gewechselt ist. "Wir können auch außerhalb des Beckens sehr gut miteinander, verbringen viel Freizeit zusammen", sagt der 21-Jährige.

Zwei Startplätze bekommt jede Nation in dem vorolympischen WM-Rennen über zehn Kilometer, die ersten zehn Schwimmer qualifizieren sich direkt für die Spiele 2020. Im kommenden Jahr gibt es noch ein weiteres Qualifikationsrennen, um die restlichen 15 der insgesamt 25 Olympiastartplätze zu besetzten. Doch, und jetzt wird es kompliziert: Sollte nur ein Sportler aus einem Land in die Top Ten kommen, darf sich auch im kommenden Jahr kein zweiter mehr ins nationale Team schwimmen. Nur wenn es keiner von beiden unter die ersten zehn schafft, dürfen beide im kommenden Jahr noch mal starten - allerdings gäbe es auch dann maximal einen Platz zu ergattern.

Da ist es nur verständlich, dass Wellbrock und Muffels keine Gedanken ans Scheitern zulassen, sie wollen sich direkt hier in Südkorea qualifizieren. Es ist ohnehin nur schwer vorstellbar, wie das kommende Jahr der beiden aussehen würde, wenn nur einer Tag für Tag auf das größte Sportevent der Welt hintrainiert, während der andere sich für vier weitere Jahre Entbehrungen und Quälerei motivieren müsste.

Wellbrock mit EM-Bronze
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Wellbrock mit EM-Bronze

Also sieht der Plan vor, dass sich die Freunde beide Startplätze bei der WM sichern. Und auch wenn es seit der Olympiapremiere des Zehn-Kilometer-Rennens 2008 noch keiner Nation gelungen ist, alle vier Startplätze für Männer und Frauen zu verbuchen, stehen die Chancen nach dem Erfolg von Wunram und Leonie Beck nicht schlecht.

Wellbrock hat sich im vergangenen Jahr im Becken deutlich verbessert. Der Europameister über 1500 Meter Freistil - mit starker Schwimmtechnik und hoher Grundgeschwindigkeit aus dem Becken auch im Freiwasser erfolgreich - glaubt, dass die Olympiaqualifikation keine große Hürde für ihn wird: "Das hört sich jetzt vielleicht echt blöd an, wenn man das so erzählt", aber er habe eben in der Saison jedes internationale Freiwasserrennen gewonnen, bei dem er angetreten sei. Daher mache er sich keine großen Sorgen, unter die ersten zehn zu kommen. Im Gegenteil: "Das ist gar nicht mein Anspruch. Ich möchte eine Medaille holen, und damit ist Olympia allemal gesichert."

Rob Muffels bei der WM 2017
Philipp Brem/ GEPA pictures/ imago images

Rob Muffels bei der WM 2017

Muffels gibt zu, dass Wellbrock ein Favorit für das Rennen ist. "Aber ich schließe nicht aus, dass ich ihn schlagen kann. Ich mache das ja nicht, um Zweiter zu sein." Ohnehin sehe er Wellbrock nicht als direkten Konkurrenten um die Startplätze, sondern als Teamkollegen - und daher als Vorteil: "Ich schätze ihn als einen der stärksten Langstreckler momentan ein, es ist definitiv ein Vorteil, ihn als Trainingspartner zu haben." Andererseits habe Wellbrock in der Vergangenheit auch viel von dem im Freiwasser erfahreneren Muffels lernen können. Heute sei es umgekehrt: "Ich stelle Dinge um, weil ich gesehen habe, dass es bei ihm funktioniert", sagt Muffels und ergänzt: "Man sollte seine Konkurrenten kennen. Ich kenne ihn sehr gut."

Der 24-Jährige hat zudem einen Vorteil, der ihm vor allem dann helfen kann, wenn es in dem Rennen der Männer auf den letzten Metern ähnlich eng zugehen sollte wie zuletzt bei den Frauen am Sonntag. Dort lagen lediglich 3,9 Sekunden zwischen Rang eins und zehn. "Rob hat schon oft gezeigt, dass er auch mal einen zweiten Endspurt machen kann. Und auf den letzten 50 Metern hat er eine hohe Endgeschwindigkeit, die hat der Flo so nicht", sagt Trainer Bernd Berkhahn.

Der Plan ist gefasst, das Ziel klar. Dass im Rennen dann doch plötzlich aus Freunden erbitterte Konkurrenten werden könnten, schließen beide aus. "Florian hat mal gesagt, wenn ihn irgendjemand schlagen sollte, dann bin ich der Einzige, dem er das wirklich gönnt. Das ist auch ein Zeichen dafür, dass unsere Freundschaft Priorität hat vor der Konkurrenz", sagt Muffels. "Wir sind in Rennen bisher immer fair und kameradschaftlich miteinander umgegangen", sagt Wellbrock. "Das wird bei der WM für 9500 Meter genauso sein. Die letzten 500 Meter stirbt dann jeder für sich allein."



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