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29. Mai 2017, 12:21 Uhr

Novak Djokovic bei den French Open

Aus der Asche

Von Philipp Joubert

Erst hatte sich Novak Djokovic von seinem Trainerteam getrennt, dann verkündete er die Zusammenarbeit mit Andre Agassi. Auf den Sandplätzen von Paris will er mit dem neuen Coach die Balance wiederfinden.

Novak Djokovic legte den Kopf leicht zur Seite, er lachte, ließ die Augenbrauen anerkennend nach oben schnellen. Einem hochgereckten Daumen folgte der obligatorische Handschlag. Dann beugte sich Djokovic über das Netz und zog seinen mit der Situation etwas überforderten Gegner Alexander Zverev an die Brust. Der 20 Jahre alte Zverev hatte soeben gegen den zehn Jahre älteren Djokovic in Rom mit einem klaren Finalsieg sein erstes Masters-Turnier gewonnen.

Vor dem gebürtigen Hamburger hatte noch kein in den Neunzigerjahren geborener Spieler ein Turnier der zweithöchsten Kategorie gewonnen. Djokovic schien die Niederlage im Generationenduell Mitte Mai nicht weiter zu beschäftigen, auch bei der Siegerehrung plauderte er minutenlang im fröhlichsten Italienisch und wünschte Zverev "noch viele solcher Titel in der Zukunft".

Experten sahen Djokovic am Scheideweg

Es ist nicht ungewöhnlich, dass Djokovic seine Gegner nach eigenen Niederlagen lobt. Aber es war schon erstaunlich, wie er trotz turbulenter vergangener Monate gerade im Moment des Verlierens wieder ganz bei sich angekommen schien. Die Niederlage in Rom, sie war schon die sechste seit Jahresbeginn - so viele hatte Djokovic in den Jahren 2011 und 2015 jeweils in einer ganzen Saison angesammelt.

Viele Beobachter und Experten hatten Djokovic während der vergangenen Wochen sogar am Scheideweg seiner Karriere gesehen. Erst hatte der zwölfmalige Grand-Slam-Sieger Ende letzten Jahres die Zusammenarbeit mit Boris Becker beendet. Anfang Mai verabschiedete er auch den Rest des Trainerteams um Marian Vajda. Der Slowake hatte Djokovic mehr als ein Jahrzehnt zur Seite gestanden. Auch Djokovic schien erkannt zu haben: Aus der Ergebniskrise war eine Schaffenskrise geworden.

Doch im Anschluss an das Finale in Rom drehte Djokovic die Narrative des orientierungslos taumelnden Champions mit einem Streich um. Denn er bestätigte, was zuletzt zwar spekuliert worden war, woran aber keiner so richtig glauben mochte. Zumindest während der French Open würde der ehemalige Weltranglistenerste mit Andre Agassi zusammenarbeiten. Djokovic war gerade 30 Jahre alt geworden und heuerte den Spieler an, der durch kleine spielerische Kniffe und einer guten Pflege seines Körpers vor allen anderen gezeigt hatte, dass große Erfolge auch in diesen Altersregionen möglich sind.

Agassi als Lebenstrainer

"Andre ist durch die selbe Art von Krise gegangen, wie ich jetzt", sagt Djokovic. Aber was für den Serben noch interessanter sein dürfte, umriss er in den nächsten Sätzen: "Andre ist jemand, für den Familienwerte wichtig sind, der großen Wert auf seine Philanthropie legt. Andre ist bescheiden und sehr gebildet. Er ist jemand, der mir auf und neben dem Platz viel beibringen kann." So ist bei der Wahl von Agassi vielleicht auch gar nicht die spielerische Komponente die wichtigste. Zwar zeigte sich bei den ersten, öffentlichen Trainingseinheiten in Paris, dass Agassi und Djokovic das spielerische Gleichgewicht wiederfinden wollen. Aber wonach Djokovic wohl wirklich sucht und was er in Agassi finden könnte, ist ein Lebenstrainer.

Das hört sich hochtrabend an. Aber Djokovic ist ein sinnsuchender, ein stets nach Perfektion und Einklang strebender Tennisprofi. Als Boris Becker und Djokovic sich trennten, zweifelte der Deutsche öffentlich, ob Djokovic seit der Komplettierung des Karriereportfolios bei den French Open im vergangenen Jahr hart genug gearbeitet hatte: "So ein Erfolg wie in den letzten Jahren passiert nicht einfach, weil du bei einem Turnier antrittst. Du musst knallhart arbeiten, denn die Konkurrenten machen dasselbe."

Aber Becker und andere in Djokovics Umfeld hatten sich dem Vernehmen nach auch an der Rolle von Pepe Imaz gestört. Der ehemalige spanische Tennisprofi betreibt eine Tennisakademie für unterprivilegierte Kinder. Manche bezeichnen Imaz als besonders guten Meditationslehrer, andere als Scharlatan. Djokovic redet nicht viel über Imaz, will ihn aber offensichtlich als Berater behalten. Das dürfte sich in einer neuen Konstellation unter Agassi besser in Einklang bringen lassen.

So scheint Djokovic rechtzeitig zu den French Open wiedergefunden zu haben, was schon verloren schien und ihn lange so gefährlich machte - die Balance.

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