Tennisspieler Dominic Thiem Er musste erst schlechter werden, um zur Weltspitze zu gehören

Dominic Thiem ist Österreichs Tennishoffnung, bei den French Open könnte er sogar gewinnen. Ermöglicht hat diese Karriere auch sein Startrainer Günter Bresnik, der dem Youngster vor Jahren seine Stärken abgewöhnte.

Dominic Thiem in Aktion
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Dominic Thiem in Aktion


"Ab jetzt machen wir's gescheit."

Es war auf dem Rückweg von einem Jugendturnier in Frankreich, als Tennistrainer Günter Bresnik den Satz sagte, der das Leben des damals elf Jahre alten Dominic Thiem verändern sollte.

Bresnik hatte damals, im Frühjahr 2005, den Tennisspieler vor Augen, der 10, 15 Jahre später gefragt sein würde: ein Profi ohne Schwächen, ein perfekter Athlet. Einer, der höheres Tempo als der Gegner beherrscht und den Ausgang seiner Matches selbst bestimmt, der nicht mehr nur durch taktisches Geschick gewinnt. Bresnik begann die Mission damit, Dominic Thiem schlechter zu machen.

Thiem galt als die Tennishoffnung Österreichs. Sein Paradeschlag: die beidhändige Rückhand, die er stundenlang fehlerfrei spielen konnte. Bresnik war sie ein Dorn im Auge. Denn der Schlag - er war keiner. Thiem schob und schubste den Ball. Ausreichend für die Jugend, ungenügend bei den Herren. Bresnik zog das Training an. "Alle müssen sagen, der Thiem ist deppert, weil der auf alles so draufhaut. Dann haben wir es geschafft", erinnert Bresnik sich in seinem Buch "Die Dominic-Thiem-Methode: Erfolg gegen jede Regel".

"Der hat den Thiem umgebracht"

Bresnik ist einer der erfolgreichsten Trainer der Tour. Ein Mann, der als Sturkopf gilt und die Show hasst. Der harte Arbeit schätzt und auf Werte vertraut. Der Thiem aus den Medien heraushält und im Zweifel lieber selbst die Interviews gibt. Der in seiner Laufbahn 27 Spieler aus den Top 100 unter seinen Fittichen hatte, vom traurigen Clown Horst Skoff über den Spaß-Franzosen Henri Leconte bis hin zu Boris Becker. Ion Tiriac, der legendäre Becker-Manager, adelte Bresnik im Vorjahr mit der Aussage, er sei "der einzige Mensch auf der Welt, der etwas von Tennis versteht".

Thiem (li) und Bresnik
imago/ GEPA pictures

Thiem (li) und Bresnik

Damals jedoch musste Bresnik böse Kritik einstecken. "Der hat den Thiem umgebracht", hieß es, wenn der wieder ein Match mit wilden Rückhand-Schüssen abgegeben hatte. Bresniks Masterplan sah aber genau das vor. Er ließ Thiem alleine auf Turniere fliegen. Er provozierte ihn, den braven Jungen. Schickte ihn zum Ringen. Ihn, Thiem, der sich nach Netzrollern nicht nur beim Gegner entschuldigte, sondern tatsächlich ein schlechtes Gewissen hatte.

Heute steht Thiem, 23 Jahre alt, auf Platz sieben der Tenniswelt, im Jahresranking ist er Dritter. Acht Titel hat er in seiner Karriere gewonnen, sechs davon auf Sand. Thiem gilt als Spezialist für die rote Asche, spielt mit enormem Spin und Tempo. Fans preisen mittlerweile seine Rückhand, auch wenn es die Vorhand ist, mit der er diktiert, wie 99 Prozent aller Profis. Auf der Tour ist Thiem beliebt, er gibt immer noch den Punkt an den Gegner, wenn der Schiedsrichter mal danebenliegt.

Thiem gilt als Vielspieler, 28 Turniere hat er in den vergangenen 52 Wochen abgeklappert (zum Vergleich: Andy Murray spielte 18 Turniere, Novak Djokovic 16, Rafael Nadal sogar nur 15). Er mache sich damit kaputt, speziell jetzt, wo er viel gewinne, kritisieren einige.

Die Unterschiede zur Spitze

In den vergangenen Wochen hat Thiem seine Stellung als kommender Mann auf Sand untermauert. Ein Turniersieg, zwei Finals, dort jeweils die Niederlage gegen den besten Sandplatzspieler der Geschichte, Rafael Nadal. Es waren die kaum sichtbaren Unterschiede: Nadal spielte konstant sein Niveau, Thiem nur begrenzte Zeit. Eine weitere Baustelle: Thiems Defensive. Er muss selbst das Kommando übernehmen, über den Aufschlag, über die Vorhand. Tut er das nicht, führt es zur unvermeidbaren Niederlage. Ein Nadal drückt den Gegner dann einfach weg.

In Rom, beim dritten Aufeinandertreffen, dann die Trendwende. Dort war es Thiem, der gegen Nadal bestimmte, ihn quasi vom Platz schoss, 6:4, 6:3; es war ein Match, in dem Thiem sein Niveau über die gesamten zwei Sätze hielt.

Gegen Novak Djokovic gab es im Spiel darauf eine Packung: Das "klassische" Match, wenn einem zuvor die große Sensation gelungen war und man im Anschluss nur noch bei 98 Prozent ist - zu wenig gegen die absolute Spitze. "Ich bin es noch nicht gewohnt, auf so einem hohen Level zu spielen. Gestern habe ich mich sehr verausgabt und das letzte Pulver verschossen", sagte Thiem.

Hartes Programm in Paris

Dasselbe Niveau tagein, tagaus abzurufen - es ist die ganz große Kunst der ganz großen Spieler. Bei den French Open will Thiem daran anknüpfen. Im Vorjahr erreichte er das Halbfinale. Wettanbieter listen ihn in diesem Jahr nach Rekordsieger Nadal und Titelverteidiger Djokovic an dritter Stelle, noch vor dem Weltranglistenersten Murray und dem deutschen Talent Alexander Zverev. Thiems Auslosung ist jedoch hart: Im Achtelfinale könnte ihn der unangenehme Belgier David Goffin erwarten, im Viertelfinale Djokovic, in einem eventuellen Halbfinale Nadal.

Ein unmögliches Unterfangen, könnte man es nennen. Oder auch die Chance, den nächsten Schritt zu gehen. Um dem Spieler wieder ein Stückchen näherzukommen, den Günter Bresnik vor langer Zeit im Kopf hatte. Damals, vor zwölf Jahren, auf dem Rückweg von Frankreich.



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hansriedl 28.05.2017
1. Alles braucht seine Zeit
Günter Bresnik hat ihn weit gebracht, nun ist mit ihm der Plafond erreicht. Thiem braucht einen neuen Trainer wie Lendl, der könnte ihm den letzten Feinschliff beibringen.
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