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08. Juni 2019, 15:07 Uhr

French-Open-Finale

Zu zweit auf der großen Bühne

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Kevin Krawietz und Andreas Mies spielen um den Doppel-Titel bei den French Open. Die beiden Deutschen können Historisches schaffen - dabei standen ihre Karrieren bereits vor dem Aus.

Tennis wird schon länger nicht mehr von den Öffentlich-Rechtlichen ausgestrahlt, am Freitagabend schaffte es der Sport zumindest ins ARD-Vorabendprogramm: Das Kabarettisten-Duo Karl Dall und Jochen Busse sahen sich beim "Quizduell" mit folgender Frage konfrontiert: "Andreas Mies und Kevin Krawietz sorgen derzeit für Schlagzeilen als...". "Doppelspitze der SPD" war unter anderem als Antwort im Angebot, "Mitglieder der Backstreet Boys" und "Finalisten bei den French Open". Dall und Busse waren ratlos.

Wirklich verübeln mag man es ihnen nicht - die deutschen Tennisprofis Mies und Krawietz waren bislang wohl nur Insidern ein Begriff. Gemeinsam haben sie es nun aber auf die große Bühne geschafft, Primetime. An diesem Samstagabend treten sie im Doppelfinale der French Open im größten Stadion von Roland Garros, dem Court Phillipe Chartrier, an. Dort treffen sie auf die ebenfalls ungesetzten Lokalmatadoren Jeremy Chardy und Fabrice Martin.

Der Durchmarsch des deutschen Duos ist durchaus beachtlich in einer Konkurrenz, in der sich wahre Experten hervor- und zusammengetan haben. Da sind etwa die Bryan-Brüder aus den USA, die gemeinsam auf 16 Grand-Slam-Titel kommen. Krawietz und Mies spielen erst seit eineinhalb Jahren zusammen. Es war ein letzter Versuch, der Tenniskarriere einen neuen Kick zu geben.

Hinter der Demarkationslinie

Krawietz, der für den TC Großhesselohe in der Bundesliga antritt, galt als eines der größten Talente seines Jahrgangs. Seine Einzellaufbahn wollte jedoch nie recht in Schwung kommen. Unter die besten 200 in der Weltrangliste, eine Demarkationslinie im Profitennis, drang der 27-Jährige nie vor, solo scheiterte er dieses Jahr in Paris bereits in der Qualifikation. Eine Menge Frustpotenzial für einen Leistungssportler, einen Einzelsportler zumal - doch nun holt sich Krawietz seine Glücksmomente eben anderswo ab.

"Doppel ist mir von Anfang an leichter gefallen", sagte er der "Süddeutschen Zeitung". Und betont zugleich, warum er sich an der Seite seines ein Jahr älteren Partners so wohl fühlt: "Spaß ist da so ein bisschen ein Geheimrezept bei uns, der Spaß darf nicht fehlen." Wie die beiden sich kennengelernt hätten? "Bei Tinder", scherzte Krawietz bei Eurosport. "Wir haben uns hochgearbeitet, und diesen Weg wollen wir weitergehen", ergänzte Mies, der für Rot-Weiß Köln in der Bundesliga spielt und ein International-Business-Studium in den USA abgeschlossen hat.

Auf den Spuren von Marc-Kevin Goellner und David Prinosil

Im vergangenen Jahr waren die beiden bei kleineren Profiturnieren erfolgreich, ehe sie in Wimbledon erstmals gemeinsam bei einem Grand Slam antraten - und sich prompt aus der Qualifikation heraus ins Achtelfinale spielten. Die French Open sind nun ihr mit Abstand größter Erfolg, doch noch ist ihr Weg nicht beendet: "Jetzt wollen wir etwas Historisches schaffen", sagte Mies vor dem Endspiel.

Historisch ist ihre Leistung schon jetzt: Die letzten deutschen Doppel-Finalisten bei den French Open waren Marc-Kevin Goellner und David Prinosil 1993. Die letzten deutschen Doppel-Sieger bei einem Grand Slam datieren vor dem Krieg - Gottfried von Cramm und Henner Henkel anno 1937. Der letzte Deutsche, der überhaupt in einem Grand-Slam-Finale erfolgreich war, heißt Philipp Petzschner, 2011 bei den US Open an der Seite des Österreichers Jürgen Melzer.

Der Traum vom Titel lebt. Ein anderer könnte bald in Erfüllung gehen. Boris Becker, Head of Men's Tennis beim Deutschen Tennis Bund und in Paris als Eurosport-Experte gefragt, ließ bereits durchblicken, dass er die beiden für den Davis Cup auf dem Zettel habe.

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