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29. Mai 2017, 07:56 Uhr

Rafael Nadal bei den French Open

Die Rückkehr des Sandkönigs

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Die Krise hat er hinter sich gelassen: Nach zwei Jahren ohne Grand-Slam-Titel will Rafael Nadal in Paris endlich wieder triumphieren. Die Chancen stehen gut - auch weil die Konkurrenz schwächelt.

17! Rafael Nadal müsste der Zahl eigentlich keine allzu große Bedeutung mehr beimessen: 17 Siege in Serie auf Sand. Schließlich ist er der beste Sandplatzspieler der Tennis-Geschichte und vor zehn Jahren war der Spanier sogar schon mal in 81 aufeinanderfolgenden Sandplatzmatches ungeschlagen geblieben. Und dennoch war die jüngste Siegesserie, die erst in Rom vor zehn Tagen ihr Ende nahm, auch für Nadal speziell.

Es ist nicht lange her, da wurde über ein vorzeitiges Karriereende des 30-Jährigen spekuliert. Es schien, als hätte Nadal seinem Körper in über tausend Matches zu viel abverlangt. Verletzungen an Hand- und Kniegelenk, die Nadal durch seinen Spielstil extrem belastet, hatten ihn mehrfach zurückgeworfen. Die Niederlagen häuften sich, der neunfache French-Open-Sieger war plötzlich auch auf Sand angreifbar und musste sich zudem noch gegen Dopingvorwürfe wehren.

Doch als hätte dieses Tennisjahr nicht schon genug ungewöhnliche Geschichten geliefert, spielt Nadal auf einmal wieder in Bestform - der Spanier gewann zuletzt binnen fünf Wochen die Turniere in Monte Carlo, Barcelona und Madrid. Dabei gab er lediglich zwei Sätze ab und degradierte ehemalige Rivalen wie Novak Djokovic bisweilen zu besseren Trainingspartnern. Erst Dominic Thiem, der zum engeren Favoritenkreis in Paris gehört, konnte Nadal im Viertelfinale von Rom stoppen.

Wie ist es Nadal gelungen, zu solcher Stärke zurückzufinden? Nadal ist trotz seiner Turniersiege 70, 71 und 72 in diesem Jahr immer noch von seinem einstigen Leistungsvermögen entfernt. Die Zeiten, in denen er auf dem Weg ins French-Open-Finale insgesamt nur 35 Spiele abgegeben hat (2012), gehören der Vergangenheit an. Ein vergleichbarer Durchmarsch wird der Konkurrenz in diesem Jahr wohl erspart bleiben.

Wer im Spiel von Nadal nach Veränderungen sucht, die seinen plötzlichen Aufschwung erklären könnten, wird nicht sofort fündig. Natürlich nimmt ein 14-facher Grand-Slam-Sieger im Alter von 30 Jahren keine größeren Korrekturen mehr vor. Warum sollte er auch? Seine Vorhand, die den Bällen dank seines extremen Griffs bis zu 5000 Umdrehungen pro Stunde verleihen kann, zählt immer noch zu den besten auf der ATP-Tour, Nadals Defensiv- und Konterqualitäten flößen seinen Gegnern auch heute noch Respekt ein.

Vielmehr sind es die Details, an denen Nadal gearbeitet hat. In seiner Laufbahn schlug der gebürtige Mallorquiner im Schnitt bislang 2,8 Asse pro Spiel (zum Vergleich: Roger Federer 7,4), im Finale von Madrid servierte er zwölf (!) und konnte sich vor allem in engen Momenten auf seinen Service verlassen. Auch das Spiel am Netz hat sich verbessert. Nicht nur im Australian-Open-Finale beeindruckte Nadal mit einer für ihn starken Quote: Zehn von zwölf Netzangriffen waren erfolgreich. Früher wagte sich Nadal nur in absoluten Ausnahmefällen nach vorne.

Der Glaube ist zurück, die Konkurrenz schwächelt

Nadal beteuerte in den Krisenjahren 2015 und 2016 immer wieder, wie wichtig ein gesundes Selbstvertrauen für ihn ist. Den Glauben an die eigene Stärke hat er jetzt wiedergefunden: In Madrid ließ Nadal gegen Thiem sogar mehr Breakbälle zu als der Österreicher, wehrte diese aber in 76 Prozent der Fälle ab (19 von 25). Bezeichnend für seine wiedergewonnene Nervenstärke war ein Punkt im ersten Satz beim Stand von 6:6 im Tiebreak. Thiem dominierte, drängte Nadal dank eines geschickten Winkelspiels in die Defensive - doch der befreite sich letztlich mit einem kurz-cross-gespielten Rückhandwinner.

Für "La decima", den zehnten Triumph bei den French Open, spricht auch die kriselnde Konkurrenz des Spaniers. Der Weltranglistenerste Andy Murray verlor in der Vorbereitung auf das zweite Highlight des Jahres binnen wenigen Tagen gegen Borna Coric (Kroatien, Nr. 40) und Fabio Fognini (Italien, Nr. 29). Djokovic zeigte sich in Rom zwar leicht verbessert, war im Endspiel gegen Alexander Zverev jedoch chancenlos und erneut fehleranfällig. Federer verzichtet nach zuletzt vier Siegen in Serie gegen Nadal auf Roland Garros, um sich auf die für ihn Erfolg versprechende Rasensaison vorzubereiten. Mit seinem Landsmann und ehemaligem French-Open-Champion, Stan Wawrinka, ist aktuell ebenfalls nicht zu rechnen.

Nadal ist in Paris wie schon im Vorjahr nur an Position vier gesetzt. Dennoch gilt er als Top-Favorit auf den Titel, der am 11. Juni auf dem Court Philippe Chatrier ausgespielt wird (15 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Interessieren wird ihn die Setzliste momentan ohnehin nicht. Was bedeuten schon Zahlen?

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