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09. Juni 2019, 22:00 Uhr

French-Open-Sieger Nadal

Der Getriebene

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Rafael Nadal siegt zum zwölften Mal bei den French Open und kommt Grand-Slam-Rekordhalter Roger Federer immer näher. Es ist die Energieleistung eines Spielers, der wie ein Tier über den Platz hetzt.

Diese Bilder gehören mittlerweile zu Paris wie die Silhouette des Eiffelturms: Rafael Nadal lässt sich in den Rotsand fallen. Rafael Nadal reckt die Arme in den Himmel. Rafael Nadal stemmt den Coupe des Mousquetaires, den Siegerpokal der French Open, zum unfassbaren zwölften Mal. So häufig hat noch kein Profi in der Tennisgeschichte ein und dasselbe Grand-Slam-Turnier gewonnen.

Es ist ein weiterer Rekord in der an Rekorden nicht armen Karriere des 33-jährigen Spaniers. Bei den Damen hatte Margaret Court elfmal die Australian Open gewonnen, in einer Zeit allerdings, in der die Australier den Titel mehr oder weniger unter sich ausmachten. Auf 18 Grand-Slam-Erfolge kommt Nadal nun insgesamt - und damit dem Rekord seines ewigen Kontrahenten Roger Federer bedrohlich nahe. Zwei Titel fehlen noch, um zu dem Schweizer aufzuschließen. Und so verbissen wie Nadal dieser Tage in Paris auftrat, ist es nur schwer vorstellbar, dass er nicht auch diesen Rekord einstellen wird.

"Rafa, du bist ein unglaublicher Champion, zwölfmal hier zu gewinnen ist nicht real", sagte Dominic Thiem nach dem Finale, der Neuauflage des Vorjahres, in der erneut der aufstrebende Österreicher unterlag. 6:3, 5:7, 6:1, 6:1 hieß es nach drei Stunden. Und auch wenn es am Ende eine Machtdemonstration des Sandplatzkönigs war - ein Selbstgänger war dieser Sieg, der 93. in Nadals 95. French-Open-Partie, nicht.

Der Thron ist sein Stammplatz

Denn Thiem hat in der Vergangenheit schon öfter bewiesen, dass er das Rüstzeug hat, um Nadal zu schlagen. Zuletzt gelang ihm das im April in Barcelona. Im Halbfinale von Paris beendete Thiem zudem den Grand-Slam-Siegeszug des Weltranglistenersten Novak Djokovic - der Serbe hatte zuvor drei der großen Turniere in Folge gewonnen - und unterstrich damit seine Ambitionen auf den French-Open-Thron. Nadals Stammplatz.

Bei Nadal wiederum waren zu Beginn der Sandplatzsaison Zweifel an dessen weit über eine Dekade währender Dominanz aufgekommen. Bei drei Turnieren ging der Linkshänder an den Start, dreimal musste er sich bereits im Halbfinale geschlagen geben. Der sensible Spanier, der zuweilen ungehemmt über seine Selbstzweifel spricht, verzog sich auf die Insel, tüftelte an der eigenen Tennisakademie in Manacor an seinem Spiel. Um beim Masters in Rom doch noch in gewohnter Manier zu triumphieren und gerade noch rechtzeitig Fahrt aufzunehmen für seinen persönlichen Saisonhöhepunkt.

Nur einen Satz hatte Nadal im Turnierverlauf abgegeben, es war mehr ein Ausrutscher gewesen, in der dritten Runde gegen den Belgier David Goffin. Federer, nach drei Jahren Auszeit erstmals wieder in Roland Garros am Start, hatte er im Halbfinale eine Lehrstunde erteilt. Und er ging mit der Gewissheit in das finale Duell mit Thiem, dass er bisher aus jedem Pariser Endspiel als Sieger hervorgegangen war.

Und so lieferten sich Thiem und Nadal auf dem Court Phillipe Chartrier nach dem enttäuschend einseitigen Damenfinale des Vortags ein wahres Tennisgefecht. Kein gegenseitiges Abtasten, sondern hitzige Topspin-Rallyes ab dem ersten Ballwechsel. Thiem warf alles in die Waagschale, und wie immer, wenn Nadal in Bedrängnis gerät, legte sich der Blick eines gehetzten Tiers auf sein zermartertes Gesicht.

Es ist der Blick des Rekordjägers, der zugleich ein Getriebener ist. Rastlos, unersättlich, überreizt. Um in solchen Momenten seine Nerven in den Griff zu bekommen, behalf sich Nadal auch nun wieder eines Tricks, oder vielmehr: eines Ticks. Er klammerte sich an ritualisierte Abläufe. Vor jedem Punkt zupfte er an seiner Hose herum, an seiner Nase, an seinen Ohren. Wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht und die Haare hinters Stirnband. Prellte den Ball vor dem Aufschlag mindestens ein Dutzend Mal auf. Und strapazierte die 25 Sekunden zwischen den Ballwechseln bis aufs Äußerste - wie auch die Geduld von Publikum und Gegner.

"Seine Zeit wird kommen"

Irgendwann - doch viel zu spät - hatte auch der Stuhlschiedsrichter genug und ermahnte Nadal nach Gewinn des ersten Satzes. Und prompt ging der zweite Durchgang an Thiem. Alles schien nun möglich. Nadal entschwand in die Stadionkatakomben, um sein schweißgetränktes Shirt zu wechseln. Und kehrte dann auch gleich selbst wie ausgewechselt auf den Court Central zurück. Der eben noch Gehetzte trieb nun seinen Gegner über den Platz, machte 16:1-Punkte und zog auf 4:0 davon - und als er Thiem auch zu Beginn des vierten Satzes den Aufschlag abnahm, war dessen Wille gebrochen.

"Es ist unglaublich", sagte Nadal bei der Siegerehrung, es sei ja schon "ein Traum gewesen, hier 2005 zu gewinnen". Thiem dagegen wirkte entsprechend niedergeschlagen: "Es ist hart", sagte der 25-Jährige, "weil ich alles gegeben habe in den vergangenen zwei Wochen." Nadal fand tröstende Worte: "Er hat so viel Power, seine Zeit wird kommen."

Dasselbe gilt für Deutschlands besten Tennisspieler, Alexander Zverev, 22, der in Paris im Viertelfinale an Djokovic scheiterte. Einen deutschen Lichtblick gab es zumindest im Doppel: Am Samstag hatten Kevin Krawietz und Andreas Mies für den ersten Sieg eines deutschen Doppels bei einem Grand Slam seit 82 Jahren gesorgt. Nach dem Matchball ließen sie sich synchron in den Rotsand fallen. Zumindest dies war ein ungewohntes Bild.

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