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09. Juni 2017, 14:08 Uhr

French-Open-Finalistin Halep

Ex und Top

Aus Paris berichtet Philipp Joubert

Ihr fehle der Mut, sagte der Trainer - dann trennte er sich von Simona Halep. Seitdem sie wieder ein Team sind, spielt die Rumänin besser denn je. Bei einem Sieg in Paris ist sie die neue Nummer eins der Welt.

Simona Halep steht im Finale der French Open, die Rumänin kann erstmals in ihrer Karriere einen Grand-Slam-Titel gewinnen. Dass sie über genügend Talent verfügt, war klar, allerdings musste die Tennisspielerin in den vergangenen Monaten einen Wandel durchmachen, um zum zweiten Mal nach 2014 bei einem der großen Turniere so weit zu kommen.

Sie steht auf Weltranglistenplatz vier, hat Chancen auf Rang eins. Dabei stand Halep noch im vergangenen März am Scheideweg ihrer Karriere. Beim WTA-Turnier in Miami spielte sie gegen die Britin Johanna Konta um den Halbfinaleinzug - und gab in einer Spielpause einen Einblick in ihre Seele. Mit zynischem Ton ratterte Halep die Versäumnisse der vergangenen Minuten herunter: Doppelfehler, kein erster Aufschlag, überhaupt nichts habe geklappt.

Mal wieder hatte die so talentierte Rechtshänderin ein fast sicher geglaubtes Match durch passives und ängstliches Spiel aus der Hand gegeben. Sie winkte verächtlich ab, schaute ihren neben sich sitzenden Trainer Darren Cahill nicht einmal an. Halep tat, was sie so häufig getan hatte: Sie klagte, schimpfte, grantelte, und das, obwohl das Match bei Satzgleichstand noch völlig offen war.

Das On-court-Coaching ist vor einigen Jahren vor allem für die Fernsehzuschauer eingeführt worden, und in den meisten Fällen nur ein schaler Austausch von Durchhalteparolen.

Nun wirbelte Cahills Ansage Haleps folgende Wochen durcheinander. Der einstige Coach von Andre Agassi erklärte der 25-Jährigen mit ruhiger Stimme, woran es lag, dass sie wieder zu scheitern drohte: "Du bist schon häufig in dieser Situation gewesen und in den meisten Fällen hast du den Kürzeren gezogen. Jetzt hast du die Möglichkeit, das zu ändern und endlich mal in einem wichtigen Moment mutig zu sein."

Halep schaffte es nicht, verlor das Match und berichtete einige Wochen nach der öffentlichen Kritik, dass Cahill die Zusammenarbeit im Anschluss beendet habe. "Er hatte das Gefühl, ich hätte aufgegeben. Aber seitdem habe ich hart an mir gearbeitet," sagte die Rumänin.

Inzwischen hat sich die Arbeit ausgezahlt. Cahill kam zurück und Halep gewann das wichtige Turnier in Madrid, stand zudem im Finale von Rom. Damit stieg sie zur Favoritin in Paris auf und bestätigte ihre Form in den ersten Runden. Bis zum Viertelfinale am vergangenen Mittwoch.

Gegen die Ukrainerin Elina Svitolina lag Halep 3:6 und 1:5 zurück, drohte erneut zu scheitern. Doch dieses Mal ergab sich Halep nicht, wehrte einen Matchball ab und befreite sich mit einer Mischung aus Zähigkeit und spielerischer Forschheit aus der Misere. "Ich habe gezeigt, dass ich jetzt mental stärker bin, und dass obwohl ich während des Matches enttäuscht über meine Leistung war", sagte sie nach dem Match.

Keine Spielerin ist schneller als Halep

Halep scheint den wichtigen nächsten Schritt in ihrer Karriere gemacht zu haben, die 2014 richtig losging. Damals verlor sie das Endspiel der French Open nur knapp gegen Maria Scharapowa. In den folgenden Jahren blieb die 25-Jährige jedoch meistens blass auf den ganz großen Bühnen der Tenniswelt. Denn es gibt auch spielerisch zwei Simona Haleps.

Die eine verlässt sich nur auf ihre Beinarbeit, spielt extrem defensiv, rennt und rutscht, reckt sich nach jedem Ball. Laut einer Messung der Australian Open Veranstalter sprintet niemand so schnell im Damentennis wie Halep - bis zu 23 Stundenkilometer erreicht sie. Das Publikum kann sich für diese Art von Tennis begeistern. Dabei hätte sie es gar nicht nötig, so viel für ihre Punkte zu ackern.

Wenn die Weltranglistenvierte mit Selbstbewusstsein und einem Plan spielt und nicht darauf wartet, wie sich ihre Gegnerin an ihr abarbeitet, dann kann Halep trotz ihrer Körpergröße von 1,68 Meter so ziemlich jede Gegnerin dominieren. Sie beherrscht eine Fähigkeit, die sich in der Theorie so einfach anhört, aber in der Praxis von nur ganz wenigen im Tennissport auf hohem Niveau beherrscht wird. Sie hat die Gegnerinnen stets im Blick und spielt die Bälle mit Übersicht gegen die Laufrichtung.

Genau diesen Wagemut braucht Halep auch im Finale. Es steht viel auf dem Spiel: Der erste French-Open-Titel, die Führung in der Weltrangliste als Nachfolgerin von Angelique Kerber. Die neue Simona Halep geht als Favoritin ins Match gegen Shootingstar Jelena Ostapenko und freut sich drauf: "Ich bin selbstbewusst, ich habe das Spiel und die Mentalität, um zu gewinnen."

Ganz anders noch als vor ein paar Wochen.

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