Frenetische Tour-Fans Frankreichs wandernder Nationalfeiertag

Während die Tour de France sich gegen viele Doping-Verdächtigungen wehren muss, feiern die Zuschauer an der Strecke, als sei nie etwas passiert. Es könnte daran liegen, dass keine französischen Fahrer in den Skandal verwickelt sind - und viele Fans sich ihren Idolen besonders nahe fühlen.
Von Jörg Schallenberg

Einigen Zuschauern reicht es endgültig. Statt die Fahrer anzufeuern, brüllen sie: "Drogues! Drogues!" - Ihr Doper! So wütend hat man Fans bei der Tour de France selten gesehen - genauer gesagt zuletzt 1998, als das Festina-Team samt seines französischen Stars Richard Virenque bei einer Dopingrazzia aufflog. Aus dem Jahr 1998 stammt auch die Szene mit den wütenden Rufern an der Strecke.

Im Jahr 2006, in dem gleich beide Favoriten auf den Toursieg samt einer Reihe weiterer Fahrer unter massivem Dopingverdacht aus dem Verkehr gezogen wurden, sucht man solche Szenen dagegen vergebens. Obwohl die Frankreich-Rundfahrt längst unter einer Art Generalverdacht steht, feiern die Zuschauer in Frankreich ihre "grande boucle", ihre große Schleife, als sei nie etwas geschehen.

Am Sonntagmittag in Gap stehen die Fans schon mehr als drei Stunden, bevor die ersten Fahrer ins Ziel kommen werden, dicht gedrängt an den Absperrungen. Die Höhen-Sonne über den Alpen knallt mitleidlos herunter, das große Thermometer an einer Apotheke zeigt 31 Grad - im Schatten. Trotzdem geht hier jetzt keiner mehr weg, der sich einen Platz gesichert hat.

Elaine und Franck Mullher, beide 61, haben sich mit ihren Klappstühlen strategisch günstig an einer schattigen Ecke postiert. Sie sind extra aus dem Elsaß angereist, um die Tour auf den entscheidenden Alpenetappen zu begleiten - wie in den vergangenen 15 (Franck) oder auch 16 (Elaine) Jahren. "Ist doch eine tolle Art, Urlaub zu machen", findet Franck. Auf einer Karte kontrolliert er die Zwischenstände, die eine Lautsprecherstimme aus zwei großen Boxen auf der anderen Straßenseite pausenlos verkündet. Es ist ein guter Tag, freuen sich die Mullhers - der Franzose Pierrick Fédrigo fährt weit vorne mit, später wird er die Etappe gewinnen.

Und Doping?

"Ach ja, Doping", sagt Franck, und es klingt, als habe er das Wort gerade eben zum ersten Mal gehört. Ja, nun, es sei natürlich schade, das Basso und Ullrich nicht fahren dürften, finden die Mullhers, vor allem Ullrich sei doch so nett gewesen. Ob sie denn keine Sorge hätten, dass noch viel mehr Fahrer heimlich zu illegalen Mittelchen greifen? Nein, antwortet Elaine mit Nachdruck, "es ist doch schließlich niemand mehr erwischt worden, oder?"

Es scheint, als ob Erik Zabel Recht hat. Ein paar Tage vorher hat der Milram-Sprinter, der seine zwölfte Tour fährt, die fehlenden Reaktionen auf den Doping-Skandal mit einem Schulterzucken analysiert: "Das ist ganz klar. Die Franzosen feiern, weil ihre Fahrer nicht betroffen sind. Das war 1998 ganz anders." Genau so sieht es auch der langjährige Tour-Direktor Jean-Pierre Leblanc - und ärgerte sich in einem "taz"-Interview über diese Naivität: "Ich glaube nicht, wie viele Franzosen das behaupten, dass die Franzosen sauber sind und alle anderen gedopt."

Davon will in Gap niemand etwas hören. In einer Kneipe gleich neben der Strecke, in der die Tour im Fernsehen gezeigt wird, reagieren die Gäste auf Nachfragen unwirsch. "Sie sehen doch“, sagt ein Mann um die Dreißig, "die Tour läuft. Wir wollen nicht gestört werden."

Vielleicht fasst dieser Satz die Stimmung hier und im ganzen Land am besten zusammen. Wenn die Tour läuft, will keiner gestört werden. Denn die Tour ist eine Art wandernder Nationalfeiertag, der jedes Jahr drei Wochen lang durchs Land zieht. Entlang der Strecke und insbesondere in jenen Orten, die eine Zielankunft ergattert haben, herrscht eine Mischung aus Volksfest und gespannter Erwartung. Vor den Fahrern kommt jeden Tag eine bunte Werbekarawane aus Hunderten von Autos vorbei, die in den irrwitzigsten Formen als Teekanne, Mülltonne oder Zigarre gestaltet sind und aus denen heraus Unmengen an wertlosen Souvenirs unters Volk gebracht werden. Von vielen Zuschauern wird die Karawane fast genauso begeistert gefeiert wie die Fahrer.

Kritische Distanz unerwünscht

Es ist diese Atmosphäre, von der die Menschen fasziniert sind - die Fahrer sehen sie hingegen nur ein paar Minuten lang vorbeirasen. Wer die Tour als sportlichen Wettbewerb genießen will, muss sie im Fernsehen verfolgen. Entlang der Strecke ist kritische Distanz hingegen nicht gefragt. Zumal sich viele Fans geradezu körperlich mit den Profis identifizieren - indem sie Teile der schweren Bergstrecken abfahren und sich das Vergnügen gönnen, lange vor den Vorbildern einmal durchs Ziel zu rollen.

Sebastién, 26, und Gérard, 40, haben sich an diesem Tag fast 70 Kilometer über einige Alpenpässe und den gut fünf Kilometer langen und fünf Prozent steilen Anstieg des Col de la Sentinelle nach Gap gequält - und daraus ihre eigenen Schlüsse gezogen. Gérard steht lässig an seinem Rad gelehnt im Zentrum des Ortes und grinst über die Frage nach Doping: "Wissen Sie, ich bin 40 Jahre alt, sitze jeden Tag im Büro und habe ein, zwei Kilo zuviel. Ich trainiere nur in der Freizeit und komme trotzdem bei dieser Hitze den Berg hoch. Da kann mir doch keiner erzählen, dass diese Jungs das ohne Doping nicht schaffen würden."

Gérard trägt ein Trikot des Rennstalls Liberty Seguros - der heißt inzwischen allerdings nicht mehr so, weil der Sponsor, eine Versicherung, sich wegen des jüngsten Dopingskandals zurückgezogen hat. Bei der Tour darf das inzwischen unter dem Namen Astana firmierende Team nicht starten, weil zu viele Fahrer auf der Liste der spanischen Polizei stehen.

Das weiß Gérard, natürlich. Aber ist deswegen etwas bewiesen? Und was sollen die ganzen Fragen überhaupt? Schon 1998 ärgerten sich die Zuschauer nur ein paar Tage lang über die Fahrer. Dann beschimpften sie immer häufiger die Journalisten - weil die weiter über den Doping-Fund bei Festina berichteten.

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