Frisch Auf Göppingen Handballrausch in der Hölle Süd

Aufgehübschte Arena, jahrzehntelange Tradition und eine starke Marke: Die neue Macht im Süden heißt Frisch Auf Göppingen. "Handball Magazin"-Autor Peter Wörz hat die Hölle Süd besucht und festgestellt, dass nicht nur die Männerabteilung eine eindrucksvolle Entwicklung hinter sich hat.

Nationalspieler Kaufmann: Glücksgriff für Göppingen
dpa

Nationalspieler Kaufmann: Glücksgriff für Göppingen


Heimspiele von Frisch Auf Göppingen sind wieder emotionale Erlebnisse der besonderen Art. Der traditionsreiche Club spielte die erfolgreichste Hinrunde der letzten zehn Jahre und verbrachte die EM-Pause auf Platz drei. "Das ist schon der Wahnsinn, was da gerade geschieht", sagt Gerd Hofele. Auch für den Geschäftsführer des Bundesligisten kommt der Handballrausch in Göppingen in dieser Dimension etwas überraschend - aber Zufall ist er keineswegs. Die Wiederkehr der Begeisterung ist in erster Linie das Produkt von unternehmerischem Kalkül und schwäbischer Präzisionsarbeit.

Rund fünf Jahre ist es her, als man bei Frisch Auf eine Vision benötigte. Nach zwölf freudlosen Jahren in der Zweiten Liga und dem Wiederaufstieg 2001 "haben wir damals einen gewissen Sättigungseffekt festgestellt", erinnert sich Hofele. Die Vision sah so aus: Frisch Auf sollte sich mittelfristig mit einem anzustrebenden Etat von vier bis fünf Millionen Euro unter den besten sechs Teams der Liga etablieren. Dafür musste eine grundsätzliche Entscheidung gefällt werden. Umzug nach Stuttgart in die neu entstandene Porsche-Arena oder Standorttreue? In Göppingen hat man sich für den zweiten Weg entschieden - in dem Wissen, dass es ein sehr mühsamer werden sollte. "Es war klar, dass wir nicht nur in Beine, sondern auch in Steine investieren mussten", sagt Gerd Hofele.

Die Ergebnisse einer wissenschaftlichen Studie über die regionalwirtschaftliche Bedeutung von Frisch Auf Göppingen überraschten dabei so manchen Entscheidungsträger in der Stadt und halfen bei dem langen Gang durch die Gremien. Kaufkraft, Werbeeffekt, Lebensqualität - Frisch Auf ist Geld für die rund 58.000 Einwohner zählende Kreisstadt wert. Insbesondere nachdem mit dem weltweit bekannten und inzwischen insolventen Spielzeugeisenbahn-Hersteller Märklin die zweite mit Göppingen assoziierte Marke weggefallen ist.

"Wir sind der local hero"

Die Überzeugungsarbeit trug Früchte: Die altehrwürdige Hohenstaufenhalle - bei ihrer Einweihung 1967 eine der schönsten Handballhallen in ganz Deutschland, die den Begriff Hölle Süd geprägt hat - wurde zur EWS-Arena mit 5600 Plätzen ausgebaut. Das Projekt hat den Bundesligisten finanziell an seine Grenzen gebracht, musste er doch neben dem Saisonetat zusätzlich drei Millionen Euro für den Ausbau beisteuern. Aber hier konnte man auf die zuvor angegangene Professionalisierung der Unternehmensstruktur bauen - und auf die eigene Seriosität.

Frisch Auf hat immer schwarze Zahlen geschrieben, Hofele gilt als ausgewiesener Finanzfachmann. In einem Freundes- und Initiativkreis wurde die wirtschaftliche Kompetenz aus der Region an den Verein gebunden. Dass es beim Buhlen um die Sponsorenpartner in der Stadt keinen sportlichen Konkurrenten auf gleicher Augenhöhe gibt, ist ein großes Plus. Hofele: "Wir sind der local hero."

Nach einem Jahr als Gast in Stuttgart geriet die Rückkehr in die Heimat zum Triumphzug. Trotz Beteiligung am Hallenausbau und der übergreifend schwierigen wirtschaftlichen Lage im Land korrigierte der Verein jüngst seinen Etatansatz - und zwar nach oben, auf über vier Millionen Euro. "Damit konnten wir nicht rechnen", sagt Hofele.

Natürlich spielt den Göppingern in die Karten, dass sich die beiden Zugänge Lars Kaufmann und Michael Haaß für ein Team, das in den letzten beiden Jahren zu einer homogenen Einheit geformt wurde, als Glücksgriffe erweisen. Auch die Verpflichtungen geschahen mit Weitblick. "Wir sind die wichtigen Themen immer rechtzeitig angegangen, und das Produkt Frisch Auf ist immer besser geworden", sagt Hofele und sieht sich vollauf bestätigt. Der Handballrausch gibt ihm recht. Die Hölle Süd ist wieder in Göppingen. Und das nicht nur beim Männer-Handball.

Stimmung und Handball auch bei den Frauen erstklassig

Als die Frauen von Frisch Auf Göppingen im Jahr 2008 die Rückkehr in die Bundesliga feiern durften, sah man in Göppingen neue, sehr selbstbewusst gestaltete T-Shirts bedruckt mit dem Ortsschild der Stadt und dem Schriftzug "Handball-Hauptstadt". Ein netter PR-Gag war das, aber mit Hintergrund. Männer und Frauen in der höchsten Handballliga - das gibt es in Deutschland nur einmal.

Die Sache ist nur die: Frisch Auf Göppingen verkörpert zwar eine Marke, aber dahinter präsentieren sich Frauen- und Männerhandball als zwei voneinander unabhängige Unternehmen - juristisch, personell und wirtschaftlich. Und: "Wir waren jahrelang das notwendige Übel", erzählt der Frauen-Manager Thomas Pientka. Bei den Frisch-Auf-Frauen gab es auch schon Zeiten, in denen ernsthaft darüber nachgedacht wurde, sich einem anderen Verein anzuschließen. "Aber", sagt Pientka, "die hatten alle Angst, dass sie uns aushalten müssen."

Seit sich der 44-Jährige vor zehn Jahren aufgemacht hat, um dieses bescheidene Image zu ändern, hat sich vieles zum besseren gewendet. In diesem Zeitraum wuchs der Etat des Frauenteams um mehr als das Zehnfache, und die Strukturen wurden professionalisiert. Seit dieser Saison sind sich auch die beiden Teams näher gekommen.

Das verbindende Element heißt EWS-Arena - auch wenn Pientka darüber klagt, dass er nun weitaus mehr Kosten durch die von einer Betreibergesellschaft betreute Arena hat als in der alten Hohenstaufenhalle. Begegnungen während der Trainingszeiten, Kabinenfeste, gemeinsame Essen, die Doppelveranstaltung im Europapokal, wo beide Mannschaften ihre Heimspiele am selben Tag absolvieren und immer Zeit für ein paar Worte - das Konzept geht auf. "Wir sind auf einem guten Weg", findet Thomas Pientka.

Mit durchschnittlich 1200 Zuschauern haben sich die Frauen einen eigenen Stamm von Fans erobert. Was auch zeigt, dass die Region sowohl einen Männer- als auch einen Frauen-Erstligisten tragen kann. Das große Einzugsgebiet hat Pientka auch dazu bewogen, die Endrunde des DHB-Pokals von Riesa nach Göppingen zu holen. Ab 2011 wird das Final Four in der EWS-Arena ausgetragen. "Das sehe ich als Anerkennung unserer Arbeit", sagt Pientka. "Denn im Süden ist der Frauenhandball derzeit richtig gut vertreten."



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