Frischer Fisch 100 Angler und kein Fang

Angeln ist ein tolles Hobby: frische Luft und dicke Fische. Stimmt leider nur selten. So ein Tag am Wasser kann beschwerlich sein: Dornen und Matsch statt Biss auf Biss. Trotzdem kann man nicht davon lassen. Die Auswüchse einer Leidenschaft, ab jetzt exklusiv auf SPIEGEL ONLINE.

Von Horst Köder


Ich rutsche. Langsam, aber unaufhörlich. Meine Schuhe sacken immer tiefer in den Matsch. Kein Wunder. Seitdem die Umweltschutzbewegung die Renaturalisierung der Gewässer durchgesetzt hat, gibt es ja keine ordentlich asphaltierten Ufer mehr. Der Busch zwei Meter weiter oben am Hang war auch keine Hilfe. Dafür zieren jetzt ein paar Kratzer meinen Unterarm. Wozu hat solches Gestrüpp eigentlich Dornen? Gegen Gnu-Fraß? Pinkelt doch höchstens mal ein Dackel ran. Und mit denen ist es ja bald auch vorbei.

Ich rutsche weiter. Hoffentlich sieht mich keiner.

Angler im Sonnenuntergang: Frische Luft und dicke Fische - stimmt leider nur selten
DPA

Angler im Sonnenuntergang: Frische Luft und dicke Fische - stimmt leider nur selten

Ist verdammt schwierig, die Balance zu halten mit der Drei-Meter-Rute in der einen und dem Riesen-Kescher in der anderen Hand. Man weiß nie. Soll ja letztens jemand einen Monster-Hecht drangehabt haben. Gastangler. Tagesschein. Urlauber aus Thüringen. Erster Wurf, gleich der Biss. Und dann das Rausholen vermurkst, weil der Kescher zu klein war. Hat zwar niemand gesehen, aber bei seinen Erzählungen hinterher hat er die Arme ausgebreitet wie damals "Albatros" Michael Groß bei seinem Olympiasieg 1984 über 100 Meter Schmetterling.

Hätte mich anders anziehen sollen. Aber muss man gleich Stil und Würde verlieren, nur weil man angelt? Moddergrüne Gummistiefel mit Treckerreifen-Profil, regenfester Overall in Tarnfarben, mit denen man selbst am Hindukusch überlebt? Nicht mit mir. Die alte Jeans ist mein einziges Zugeständnis an den Fischer-Dresscode. Die edlen Sneaker bleiben dran an meinen Füßen. Zeigen sich allerdings gerade ähnlich vorteilhaft wie Slicks bei einem Formel-1-Rennen im Dauerregen. Die schicke Trainingsjacke kleidet mich auch dann noch gut, wenn ich gleich in den Kanal plumpse.

Ich rutsche, noch zwei Meter bis zum Abgrund.

Warum tu ich mir das überhaupt alles an? Warum angle ich eigentlich? Angeln ist eine Erbschaft. Papa oder Opa nehmen den blutjungen Sprössling mit an den Weiher, und nach den ersten Rotaugen ist es für den Rest seines Lebens um ihn geschehen. In meiner Familie angelte mindestens ein halbes Dutzend Generationen vor mir keiner. Nur ich stand als Steppke irgendwann mit einem billigen Komplettset in der Küche. Keine Ahnung warum. Ist nur wieder so eine Phase, dachte meine Mutter, das verflüchtigt sich, so wie das Messdienen oder der Leichtathletik-Verein. Pustekuchen!

Wobei mein Enthusiasmus immer durch meine Bequemlichkeit gebremst wurde. Die Fischereiprüfung ablegen? Mit Lehrgang vorher? Ah je! Dann lieber am heimischen Rhein nur Steinchen ins Wasser schmeißen und dafür vor den Urlaubsfahrten nach Holland oder Dänemark heimlich Rute und Rolle in den Kofferraum schmuggeln. Barsche, Rotaugen, Schollen, Karpfen. Der erste Hecht. Die vielen bunten Fische im Hafenbecken von Puerto Rico auf Gran Canaria, während sich die anderen am Strand aalten. Hat mir immerhin einen Sonnenbrand erspart.

Ich rutsche wieder, wieso sitze ich nicht daheim beim Frühstück?

Irgendwann kam ich nicht mehr drumherum: die Fischerprüfung. Schnellster in der Theorie, nur zwei Sekunden am Rekord vorbei. Ärgere mich heute noch, dass ich bei der Frage "Welche Fischarten haben keine Schwimmblase?" zu lange zögerte. Überhaupt, die Zeit. Fehlt mir eigentlich ständig fürs Angeln. Am ersten Tag nach der Prüfung saß ich am Rhein, fing zwei Rotaugen und musste auch schon wieder heim. Das Eröffnungsspiel der Fußball-WM 1998 lockte. Versteht sich von selbst, dass ich die nächsten vier Wochen vor dem Fernseher und nicht am Wasser verbrachte.

Ich rutsche. Mist. Rührei, Speck, Croissant. Stattdessen Dornen, Panik, Hilflosigkeit.

Meine seltenen Angelausflüge halten mich selbstverständlich nicht davon ab, ständig das neueste Gerät zu kaufen. Mit meinem Rutenreservoir könnte ich ganze Bundesländer ausstatten. Und wenn eine neue Rolle einen tollen Namen hat und noch zwei Kugellager dazu, will ich sie natürlich unbedingt haben. Ich fühle mich so ein wenig wie das Borussia Dortmund des Angelns: Ich lege mir das teuerste Material zu, fange aber nur untermaßige Barsche. Denke aber immer noch, gleich beißt der dicke Zander. Vielleicht sollte ich einen auf FC Bayern machen und die alte Rute auspacken, mit der ich damals den Hecht gefangen habe und bei der die Fische vor Ehrfurcht selbst an Land springen. Fürchte aber, das endet im 1. FC Köln, ich gehe leer aus und singe frei nach Freddy Quinn "100 Angler und kein Fisch".

Platsch! Nun ist es passiert, mein linkes Bein verschwindet bis zum Knie im Kanal. Arschkalt, das Wasser. Und das im März. Wo bleibt der Klimawandel eigentlich, wenn man ihn mal braucht? Nur durch panisches Zu-Boden-Werfen verhindere ich ein Vollbad. Meine Trainingsjacke ist ruiniert, mein Schuh unter Wasser, der Kescher hängt im Gestrüpp und dahinten biegt auch noch ein Kajak um die Kurve. Ich hab keinen Bock mehr und mache mich aus dem Staub. Aber ich werde wiederkommen. Mit neuem Elan. Einem Overall in Tarnfarbe. Gummistiefeln mit Treckerreifen-Profil. Ich lass' mich nicht unterkriegen. Schon gar nicht von Fischen.



insgesamt 174 Beiträge
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Seite 1
forumgehts? 14.03.2007
1. Die reine Wahrheit
---Zitat von sysop--- Berichten Sie uns von Ihrer Angler-Leidenschaft. Teilen Sie uns Ihre schönsten Anekdoten und lustigsten Macken mit. ---Zitatende--- Szene im Fischgeschäft: Werfen Sie mir die Forelle zu, dann kann ich sagen, ich hätte sie selbst gefangen!
ADG, 14.03.2007
2. Ota Pavel
---Zitat von sysop--- Berichten Sie uns von Ihrer Angler-Leidenschaft. Teilen Sie uns Ihre schönsten Anekdoten und lustigsten Macken mit. ---Zitatende--- Der bekannte tschechische Autor Ota Pavel hat einmal in seinem Buch "Wie ich den Fischen begegnete" - 2005 neu erschienen in Phileas Verlag - seine Angelleidenschaft mit sehr poetischen Worten begründet: »Als es mir besser ging, dachte ich an das, was in meinem Leben am schönsten gewesen war. Ich dachte nicht an die Liebe, auch nicht daran, wie ich mich auf der Welt herumgetrieben hatte. Ich dachte nicht an nächtliche Flüge übers Meer und Ozeane, auch nicht daran, wie ich Eishockey im Prager Spartaklub gespielt hatte. Ich ging wieder zu den Fischen an Bäche, Flüsse, Teiche und Talsperren und erkannte, daß gerade das, was ich dort erlebt hatte, das Schönste auf der Welt war.« Ota Pavel
Würmchesbader, 14.03.2007
3.
Mehr als 3 Millionen Menschen betreiben dieses Hobby in Deutschland. Es ist die vollkommene Freizeitbeschäftigung: Absolut unberechenbar, deshalb nie langweilig. Eine geheimnisvolle Verbindung in eine unsichtbare Welt, deshalb spannend und faszinierend. Nur hat es mit dem in der Kolumne dargestellten Bild des tollpatschigen Idioten nur am Rande etwas zu tun. Angeln ist auch Kunst - für den Fliegenfischer im Bergbach, Religion - für den passionierten Huchen-Jäger, Zen-Meditation - für den ausdauernden Ansitzangler... Die Beispiele sind unendlich! Viele große Persönlichkeiten waren/sind begeisterte Angler – von Haydn, Beethoven, Wagner, Faraday, Lord Nelson, Bismarck... über Prinz Charles, Queen Mum... bis Peter Alexander, Horst Hrubesch und Jens Weißflog. Alle lieben/liebten dieses Hobby, es bringt arm und reich, alt und jung am Wasser zusammen. Es fesselt selbst die größten Geister – denn die Seele der Fische ist unergründlich. Kurzum: Das perfekte Hobby! Lesestoff zum Thema: www.fischundfang.de
Mastercloser 14.03.2007
4.
Ich angele bereits seit meinem zehnten Lebensjahr, mehr oder weniger intensiv. Es geht nicht nur um die gefangenen Fische (oft genug gehe ich als "Schneider" nach Hause, vielmehr reizt mich das erleben der Natur, beispielsweise eines erwachenden Tages. Nichtangler können das oft nur schwer verstehen. Nunja, ich fürchte, bald werden hier im Forum die PETA-Jünger auftauchen und ihre lächerlichen Parolen herumposaunen.
Polar, 14.03.2007
5.
[QUOTE=Mastercloser]....Es geht nicht nur um die gefangenen Fische (oft genug gehe ich als "Schneider" nach Hause, vielmehr reizt mich das erleben der Natur, beispielsweise eines erwachenden Tages. Nichtangler können das oft nur schwer verstehen....QUOTE] Ja, so isses! Allein das Schmieden der Pläne, um den Fisch zu überlisten, der Thermoskannenkaffee im Morgengrauen, die Zigarre beim Nachtangeln und nicht zu vergessen: die wunderbaren Erzählungen der Angelkollegen!
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