Frischer Fisch Bissiger Grönemeyer

Wir Angler sind Hightech-Fetischisten: Ohne geballte Elektronik gehen wir gar nicht mehr ans Wasser. Nun lockt ein neues Gerät, mit dem man alle Fische aufspüren können soll - und wahrscheinlich nicht nur die.

Von Horst Köder


Es lohnt sich durchaus, ab und zu einen Blick in die Werbeprospekte zu werfen, die einem so ins Haus flattern. Heute bietet ein Discounter tatsächlich Angelsachen an. Die üblichen Teile wie Taschen, Ruten, Rollen, Schnüre und Zubehör in der Billig-Ausführung, die auch bei jedem Fachhändler zu haben sind. Nur einmal zog ich die Augenbrauen hoch: Ein "tragbarer Sonar-Fischfinder" für 49,99 Euro wurde dort offeriert mit den Worten: "Anzeige der georteten Fische mit Standort und Gewässertiefe von 1 bis 24 Meter." Und vor allem: "Mit Fischalarm!"

Barde Grönemeyer: Gesang vom Sonar geortet
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Barde Grönemeyer: Gesang vom Sonar geortet

Ich werde mich wohl festketten müssen, um nicht in den Laden zu stürmen, denn als Angler bin ich ein Jünger der modernen Technik. Von wegen, wir fischen wegen der tollen Natur drumherum und so. Klar mögen wir auch Sonnenuntergänge am Mittelmeer, das Plätschern eines Gebirgsbachs oder das Sirren der Libelle am Baggersee, aber letztlich geht es uns nur um eins: Wir wollen die Natur überlisten, das heißt Fische fangen, und dazu ist uns fast jedes Mittel recht.

Die Zeiten, in denen wir mit Ruten aus Glasfiber, Rollen aus gemeinem Plastik und Schnüren aus Nylon ans Wasser zogen, sind schon lange vorbei. Die Schnüre heißen heute "Vanish Transition", sind unsichtbar, reißen selbst dann nicht, wenn Moby Dick dranhängt, und flutschen durch die Rutenringe, dass man kaum noch sehen kann, wo der Köder ins Wasser platscht, so weit fliegt er hinaus.

Und die Ruten vereinigen alle Eigenschaften, die wir Angler uns wünschen: hart, aber dennoch irgendwie butterweich, leicht, flexibel und so geschmeidig, dass man jede Fischbewegung noch im kleinen Finger spürt. Wenn denn mal einer angebissen hat. Die Namen der Materialien kennen wohl nur Chemie-Nobelpreisträger, aber Kunststoffe aus der Weltraumforschung machen sich immer gut. Was die Nasa wegwirft, ist für uns Angler der letzte Schrei.

Für mich ist die größte Errungenschaft der vergangenen Jahrzehnte der elektronische Bissanzeiger. Was musste man früher nicht alles machen, um beim Angeln mit Grundblei zu erkennen, ob ein Fisch gebissen hat: wie bekloppt auf die Rutenspitze starren, Alufolie in die Schnur hängen und aufs Rascheln hören oder gar mögliche Zupfer mit der Kuppe des Zeigefingers erfühlen, bis dieser steif wurde.

Alles Gottseidank vorbei, seit es die elektronischen Bissanzeiger gibt. Einfach die Schnur einfädeln, und schon schlägt das Teil Alarm, wenn ein Fisch beißt. Selbstredend akustisch und optisch, mit den unterschiedlichsten Einstellungsmöglichkeiten. Die Deluxe-Varianten haben mehr Optionen auf Lager als Mobiltelefone der Spitzenklasse. Schöne Sache: einfach mal im Stuhl zurücklehnen, die Augen schließen, und falls doch ein Karpfen den Verlockungen erlegen ist, hört man plötzlich "Die Moldau". Oder Eminem, falls man dem Anglernachwuchs angehört.

Aber das alles verblasst gegen diesen tragbaren Sonar-Fischfinder. Bislang war des Anglers größtes Handicap ja diese Ungewissheit: Schwimmen da unten in der trüben Brühe überhaupt Fische? Wenn ja, wie viele? Welche Größe? Eine genaue Beschreibung fehlt leider in dem Prospekt, aber das Bild lässt einige Rückschlüsse zu: Das Teil hat auf jeden Fall alle Funktionen, die ich mir immer erträumt habe. Das sind nicht wenige. Und hat schon mal jemand gehört, dass Werbebilder nicht unbedingt hundertprozentig mit dem realen Produkt übereinstimmen? Eben.

Ich stelle mir das jedenfalls so vor. Ich sitze am Wasser, schalte das Teil ein und sehe sofort: Zwei Meter rechts von mir direkt am Ufer sitzt ein dicker Hecht unterm Ast, etwas weiter draußen schwimmt ein Schwarm Rotaugen des Weges, und ein halbwüchsiger Karpfen gründelt inmitten der Seerosen. Je nachdem wonach mir gerade ist, werfe ich meine Angel aus und muss nur noch Sekunden warten, bis mein Fisch beißt. Selbstverständlich mit eingeschaltetem elektronischen Bissanzeiger. Als Melodie ist "The Final Countdown" eingestellt.

Vielleicht macht das Teil auch so tolle Töne wie damals das Ortungssystem der britischen Zerstörer in dem Film "Das Boot", bei denen Jürgen Prochnow und Klaus Wennemann unten im "U 96" immer das Gesicht so komisch verzogen haben. "Ping, ping, ping" - allerdings ist das schon ein paar Jahre her. Da dürfte mein tragbares Gerät schon weiter sein. Wahrscheinlich könnte ich damit Herbert Grönemeyer singen hören, der in dem Unterwasser-Streifen damals einen Kriegsberichterstatter gespielt hat. Fortschritt ist halt nicht immer ein Segen.

Ich werde mir diesen Sonar-Fischfinder auf jeden Fall genauer anschauen. Kann ja sein, dass der überhaupt nichts taugt und nur viel blinkt, schrille Piepstöne von sich gibt und schick aussieht. Ob mich das vom Kauf abhalten könnte? Sie erfahren es. Versprochen.



insgesamt 174 Beiträge
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Seite 1
forumgehts? 14.03.2007
1. Die reine Wahrheit
---Zitat von sysop--- Berichten Sie uns von Ihrer Angler-Leidenschaft. Teilen Sie uns Ihre schönsten Anekdoten und lustigsten Macken mit. ---Zitatende--- Szene im Fischgeschäft: Werfen Sie mir die Forelle zu, dann kann ich sagen, ich hätte sie selbst gefangen!
ADG, 14.03.2007
2. Ota Pavel
---Zitat von sysop--- Berichten Sie uns von Ihrer Angler-Leidenschaft. Teilen Sie uns Ihre schönsten Anekdoten und lustigsten Macken mit. ---Zitatende--- Der bekannte tschechische Autor Ota Pavel hat einmal in seinem Buch "Wie ich den Fischen begegnete" - 2005 neu erschienen in Phileas Verlag - seine Angelleidenschaft mit sehr poetischen Worten begründet: »Als es mir besser ging, dachte ich an das, was in meinem Leben am schönsten gewesen war. Ich dachte nicht an die Liebe, auch nicht daran, wie ich mich auf der Welt herumgetrieben hatte. Ich dachte nicht an nächtliche Flüge übers Meer und Ozeane, auch nicht daran, wie ich Eishockey im Prager Spartaklub gespielt hatte. Ich ging wieder zu den Fischen an Bäche, Flüsse, Teiche und Talsperren und erkannte, daß gerade das, was ich dort erlebt hatte, das Schönste auf der Welt war.« Ota Pavel
Würmchesbader, 14.03.2007
3.
Mehr als 3 Millionen Menschen betreiben dieses Hobby in Deutschland. Es ist die vollkommene Freizeitbeschäftigung: Absolut unberechenbar, deshalb nie langweilig. Eine geheimnisvolle Verbindung in eine unsichtbare Welt, deshalb spannend und faszinierend. Nur hat es mit dem in der Kolumne dargestellten Bild des tollpatschigen Idioten nur am Rande etwas zu tun. Angeln ist auch Kunst - für den Fliegenfischer im Bergbach, Religion - für den passionierten Huchen-Jäger, Zen-Meditation - für den ausdauernden Ansitzangler... Die Beispiele sind unendlich! Viele große Persönlichkeiten waren/sind begeisterte Angler – von Haydn, Beethoven, Wagner, Faraday, Lord Nelson, Bismarck... über Prinz Charles, Queen Mum... bis Peter Alexander, Horst Hrubesch und Jens Weißflog. Alle lieben/liebten dieses Hobby, es bringt arm und reich, alt und jung am Wasser zusammen. Es fesselt selbst die größten Geister – denn die Seele der Fische ist unergründlich. Kurzum: Das perfekte Hobby! Lesestoff zum Thema: www.fischundfang.de
Mastercloser 14.03.2007
4.
Ich angele bereits seit meinem zehnten Lebensjahr, mehr oder weniger intensiv. Es geht nicht nur um die gefangenen Fische (oft genug gehe ich als "Schneider" nach Hause, vielmehr reizt mich das erleben der Natur, beispielsweise eines erwachenden Tages. Nichtangler können das oft nur schwer verstehen. Nunja, ich fürchte, bald werden hier im Forum die PETA-Jünger auftauchen und ihre lächerlichen Parolen herumposaunen.
Polar, 14.03.2007
5.
[QUOTE=Mastercloser]....Es geht nicht nur um die gefangenen Fische (oft genug gehe ich als "Schneider" nach Hause, vielmehr reizt mich das erleben der Natur, beispielsweise eines erwachenden Tages. Nichtangler können das oft nur schwer verstehen....QUOTE] Ja, so isses! Allein das Schmieden der Pläne, um den Fisch zu überlisten, der Thermoskannenkaffee im Morgengrauen, die Zigarre beim Nachtangeln und nicht zu vergessen: die wunderbaren Erzählungen der Angelkollegen!
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