Frischer Fisch Das Kopfballungeheuer und die Dorsche

"Nummer eins", "Mein Tagebuch", "Ich hab’s allen gezeigt" - Bücher von Fußballern strotzen meistens vor Egoismus und Langeweile. Nicht so bei Horst Hrubesch: Er verfasste ein Werk über das Dorschangeln – und schuf einen Klassiker der Angelliteratur.

Von Horst Köder


Man kann ja vieles gegen Gott und die Genetik sagen, aber eins muss man den beiden lassen: Sie haben so viel Gerechtigkeitssinn, dass sie glatt für die Linke als Spitzenkandidaten bei der nächsten Bundestagswahl antreten könnten. Intellekt und Körpertüchtigkeit verteilen sie schön separat, das kann man in allen Schulen immer wieder beobachten.

Stürmer Hrubesch (m.): Kopfbälle und Angeln
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Stürmer Hrubesch (m.): Kopfbälle und Angeln

Hier die Supersportler, die sämtliche Partien der Schulmannschaft im Alleingang entscheiden, nebenbei noch wakeboarden und extremklettern und denen die Mädchen natürlich reihenweise verfallen. Algebra halten sie dagegen für den ersten Olympiasieger im Speerwerfen und Goethe für den Trainer der Braunschweiger Meistermannschaft 1967. Bis zum Abi schaffen sie es deswegen nur durch Abschreiben bei den eher intellektuell geprägten Schülern.

Die bringen sich im Alter von zwei Jahren schon selbst Schach bei, reden mit sechs Altgriechisch und zitieren in der fünften Klasse ständig die französischen Philosophen der Neuzeit. Ihnen ist es wurscht, ob es bis zum Abi acht oder neun Jahre braucht, sie überspringen eh zwei oder drei Stufen. Im Sportunterricht bleiben sie dagegen immer standhaft, das heißt, keiner will sie ins Team wählen, und wenn, dann nur, weil sie doch einmal nicht den Turnbeutel vergessen haben. Und die Mädchen? Nun ja, bester Freund geht immer. Er trocknet dann die Tränen, die die Supersportler hinterlassen haben.

Diese Teilung hält ein Leben lang, auch wenn immer wieder Leute der einen Gruppe versuchen, aus ihrer Kaste auszubrechen und sich Eigenschaften der anderen anzueignen. So laufen deshalb viele nickelbebrillte Studienräte in ihren Vierzigern noch Marathon, oder Fußballer schreiben plötzlich Bücher. "Mein Tagebuch" heißt etwa ein Werk. Nein, Hitler war kein Fußballer, und seine angeblichen Notizen sowieso nicht echt, wie sich irgendwann herausstellte - diesen Schinken brachte Lothar Matthäus heraus. Oliver Kahn lässt seinem Erstling "Nummer eins" bald ein Buch mit dem schlichten Titel "Ich" folgen. Am schlimmsten wurde es dann bei Stefan Effenbergs "Ich hab’s allen gezeigt".

Alles unnützer Schmus und Selbstbeweihräucherung, sage ich, zudem immer von Ghostwritern verfasst. Das schönste, nützlichste und mit dem prägnantesten Titel versehene Buch eines Fußballers hat Horst Hrubesch geschrieben. "Dorschangeln vom Boot und an den Küsten" heißt es schlicht, der Europameister von 1980 hat es zusammen mit Angelfachmann Dieter Schicker verfasst und just im Jahr des Titelgewinns herausgebracht.

Das Jahr war also das der Karriere-Höhepunkte des "Kopfballungeheuers". Der in Hamm (der Stadt der Zugtrennungen) geborene Fußballprofi machte damals im April im Alter von fast 29 Jahren gegen Österreich sein erstes Länderspiel und schoss und köpfte Deutschland zwei Monate später mit seinen beiden Treffern im Endspiel gegen Belgien (2:1) zum EM-Titel.

Später hing ihm ja ein wenig nach, dass er bei der "Schande von Gijon" während der WM 1982 das Tor für Deutschland zum skandalösen 1:0-Erfolg gegen Österreich erzielt hatte und als Mitglied des DFB-Trainerstabs nach dem Ausscheiden bei der EM 2000 sagte, man müsse "das Spiel noch einmal Paroli laufen" lassen. So ging ein wenig unter, dass er ein bescheidener und fairer Sportsmann war und mit Lautsprecherei nichts am Hut hatte. Eigenschaften, die er auch als Angler gebrauchen konnte.

Denn schon das Titelbild von "Dorschangeln" verrät: Hier hat nicht einfach ein bekannter Fußballer seinen Namen hergegeben, um ein paar Mark nebenbei zu machen und seinem Hobby ein wenig mehr Geltung zu verschaffen, sondern hier waren zwei leidenschaftliche Angler am Werk. Auf der Rückseite ist Hrubesch abgebildet, wie er gerade einen Dorsch drillt (davon gehen wir einfach mal aus), und auch die Fotos im Buch sind ein Genuss, nicht zuletzt wegen der Mützenmode der späten siebziger Jahre.

Aber was nützen die schönsten Fotos, wenn der Inhalt nichts taugt? Auch da haben die beiden Autoren vorgesorgt. Das Buch beginnt mit dem Telefon-Dialog "Hrubesch." – "Schicker. Wollen wir zusammen angeln gehen?" und endet mit den Worten "Für Sie haben wir dieses Buch geschrieben, in der Hoffnung, dass es tatsächlich eines für Praktiker geworden ist." Da möchte man nur wild nicken, denn auf 124 Seiten breiten Hrubesch und Schicker geballtes Fachwissen aus, von den Grundlagen zum Dorsch über Angeltechniken und Fangplätze bis hin zur Küchenkunde.

Schlichte, aber funktionale Schwarz-Weiß-Zeichnungen runden das Buch ab. Kein Wunder, dass das mit blauem Umschlag versehene Werk zu den modernen Klassikern der Angelliteratur zählt wie "Biss auf Biss" von Rudolf Sack. Wer nach dieser Lektüre nicht gleich seine Rute zusammenpackt und an die nächste Küste fährt, der kann kein richtiger Angler sein.

Und sollte lieber in den Werken von Effenberg oder Kahn lesen.

Horst Hrubesch, Dieter Schicker: Dorschangeln vom Boot und an den Küsten. Verlag Paul Parey: Berlin 1980.



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Seite 1
forumgehts? 14.03.2007
1. Die reine Wahrheit
---Zitat von sysop--- Berichten Sie uns von Ihrer Angler-Leidenschaft. Teilen Sie uns Ihre schönsten Anekdoten und lustigsten Macken mit. ---Zitatende--- Szene im Fischgeschäft: Werfen Sie mir die Forelle zu, dann kann ich sagen, ich hätte sie selbst gefangen!
ADG, 14.03.2007
2. Ota Pavel
---Zitat von sysop--- Berichten Sie uns von Ihrer Angler-Leidenschaft. Teilen Sie uns Ihre schönsten Anekdoten und lustigsten Macken mit. ---Zitatende--- Der bekannte tschechische Autor Ota Pavel hat einmal in seinem Buch "Wie ich den Fischen begegnete" - 2005 neu erschienen in Phileas Verlag - seine Angelleidenschaft mit sehr poetischen Worten begründet: »Als es mir besser ging, dachte ich an das, was in meinem Leben am schönsten gewesen war. Ich dachte nicht an die Liebe, auch nicht daran, wie ich mich auf der Welt herumgetrieben hatte. Ich dachte nicht an nächtliche Flüge übers Meer und Ozeane, auch nicht daran, wie ich Eishockey im Prager Spartaklub gespielt hatte. Ich ging wieder zu den Fischen an Bäche, Flüsse, Teiche und Talsperren und erkannte, daß gerade das, was ich dort erlebt hatte, das Schönste auf der Welt war.« Ota Pavel
Würmchesbader, 14.03.2007
3.
Mehr als 3 Millionen Menschen betreiben dieses Hobby in Deutschland. Es ist die vollkommene Freizeitbeschäftigung: Absolut unberechenbar, deshalb nie langweilig. Eine geheimnisvolle Verbindung in eine unsichtbare Welt, deshalb spannend und faszinierend. Nur hat es mit dem in der Kolumne dargestellten Bild des tollpatschigen Idioten nur am Rande etwas zu tun. Angeln ist auch Kunst - für den Fliegenfischer im Bergbach, Religion - für den passionierten Huchen-Jäger, Zen-Meditation - für den ausdauernden Ansitzangler... Die Beispiele sind unendlich! Viele große Persönlichkeiten waren/sind begeisterte Angler – von Haydn, Beethoven, Wagner, Faraday, Lord Nelson, Bismarck... über Prinz Charles, Queen Mum... bis Peter Alexander, Horst Hrubesch und Jens Weißflog. Alle lieben/liebten dieses Hobby, es bringt arm und reich, alt und jung am Wasser zusammen. Es fesselt selbst die größten Geister – denn die Seele der Fische ist unergründlich. Kurzum: Das perfekte Hobby! Lesestoff zum Thema: www.fischundfang.de
Mastercloser 14.03.2007
4.
Ich angele bereits seit meinem zehnten Lebensjahr, mehr oder weniger intensiv. Es geht nicht nur um die gefangenen Fische (oft genug gehe ich als "Schneider" nach Hause, vielmehr reizt mich das erleben der Natur, beispielsweise eines erwachenden Tages. Nichtangler können das oft nur schwer verstehen. Nunja, ich fürchte, bald werden hier im Forum die PETA-Jünger auftauchen und ihre lächerlichen Parolen herumposaunen.
Polar, 14.03.2007
5.
[QUOTE=Mastercloser]....Es geht nicht nur um die gefangenen Fische (oft genug gehe ich als "Schneider" nach Hause, vielmehr reizt mich das erleben der Natur, beispielsweise eines erwachenden Tages. Nichtangler können das oft nur schwer verstehen....QUOTE] Ja, so isses! Allein das Schmieden der Pläne, um den Fisch zu überlisten, der Thermoskannenkaffee im Morgengrauen, die Zigarre beim Nachtangeln und nicht zu vergessen: die wunderbaren Erzählungen der Angelkollegen!
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