Frischer Fisch Der Spion, den niemand liebt

Es gibt eine Sache, die Angler noch lieber machen als angeln: anderen dabei zuzuschauen. Doch die Ausspionierten lassen sich nicht so leicht in die Karten schauen. So entwickeln sich Katz-und-Maus-Spiele wie in "Liebesgrüße vom Seeufer" oder "Karausche Royale".

Von Horst Köder


Ich hätte gewarnt sein müssen. Kaum eine Gruppe in diesem Land hat so eine hohe Kaufkraft wie die der Angler. Und kaum eine ist in der Lage, diese so zielgerichtet und so schnell einzusetzen. Als ich abends nach der Arbeit in den nächsten Discounter hetzte, um noch einen der begehrten tragbaren Fischfinder (Sie erinnern sich: "Mit Fischalarm!") zu ergattern, fand ich nur noch ein paar Ködersets und einen Rutenhalter vor. "Vielleicht haben sie ja nächstes Jahr Glück", wollte mich die Verkäuferin trösten. Nächstes Jahr, ts! Dann gibt's wahrscheinlich schon wieder neuen Technikkram. Etwa "Google Fisch", mit denen man die Hechte schon von zu Hause aus orten kann, einen schnellen Internetzugang vorausgesetzt. Wer braucht dann noch einen tragbaren Fischfinder?

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So zog ich von dannen, nicht ohne ein paar Aufbackbrötchen und Backaromen eingepackt zu haben. Weil ich gerade keinen Dosenmais im Haus hatte, mischte ich so im vergangenen Sommer aus diesen Zutaten einen fantastischen Friedfischköder zusammen, auf den sich Rotaugen und Brassen aller Größen stürzten, selbst eine Schleie konnte nicht widerstehen. Seitdem schlummert das Rezept tief und fest in meinem Langzeitgedächtnis, über meine Lippen oder gar auf einen Zettel wird es aber nie kommen. Ich, und nur ich, will ja die Fische fangen, die anderen sollen von mir aus jeden Tag leer ausgehen. Bleibt mehr für mich übrig.

Wie kann das angehen, Angler gelten doch als Plaudertaschen schlechthin, wenn es ums Angeben geht. Aber nur, wenn wir darüber reden, wie unfassbar viele Barsche wir damals am Baggerloch gefangen haben oder wie groß der Zander aus dem Kanal in der vergangenen Woche war, dann können schon mal ganze Abende draufgehen, das komplette Anglerlatein von A bis Z und zurück inbegriffen. Wenn dann jemand fragt: Und wo? Und wie? Dann setzt bei uns das große Schweigen ein.

Klar, in der Fischhitparade des monatlichen Zentralorgans "Blinker" ist auch immer der Köder bei den Ranglisten-Fischen angegeben, aber ich behaupte: alles gelogen! Kein Hecht-Spezi wird wirklich verraten, mit welchem Blinker er seinen 20-Pfünder auf die Schuppen gelegt hat; jeder Karpfen-Freak hütet die Rezepte für seine Boilies (spezieller Protein-Köder, die Red.) wie einen Goldschatz. Denn sonst würden schnell alle anderen nachziehen. Der Köder, der einmal fängt, fängt immer, so lautet unser Motto. Wenn wir nicht angeln, gucken wir anderen beim Angeln zu. Und wenn die was fangen, gucken wir noch viel genauer hin.

Deshalb blicken Angler auch immer so feindselig um sich, wenn ein Spaziergänger hinter ihnen auftaucht. Klar fürchten sie die klassischen Fragen wie "Haben sie schon was gefangen?" oder "Und, beißen sie?", aber noch viel mehr sehen sie in jedem, der sich ihnen nähert, einen anderen Angler. Einen Konkurrenten. Einer, der ihnen die Fische wegfangen will. Der Spion, den niemand liebt.

Ich gebe zu: Ich spioniere gerne. Liegt wahrscheinlich daran, dass ich schon immer zuviele James-Bond-Filme geschaut und zuwenig Fische gefangen habe. Die 007-Streifen sind als Ausgleich wie geschaffen für unsere Sippe: Schnelle Autos, schöne Frauen und: viel Wasser! Bermudas, Bahamas und Barbados hört sich halt toller an als Alster, Elbe und Moorfleeter Kanal. Viele Angler sollen gar nur so lange unbeweglich am Wasser sitzen, weil sie davon träumen, dass gleich Ursula Andress wie in "Dr. No" aus dem Wasser steigt.

Neulich, zum Beispiel, huschte ich nur kurz zum Supermarkt um die Ecke, als ich einen Angler am Ufer sah. Alter Knacker, Routinier, mit Glatze. Ein Typ wie Bond-Bösewicht Blofeld, fehlte nur die Katze auf dem Schoß. Ich konnte nicht anders: Ruckzuck bog ich Richtung Wasser ab, schlenkerte auf dem Uferweg entlang und stellte mich direkt hinter den Typen. "Na, schon was gefangen?", gab ich den nervigen Spaziergänger und lugte auf alles, was um ihn herum auf den Boden lag. Er murrte. Ich reckte den Hals noch weiter hervor. Er vergrub sich weiter unter seinem Schirm. Minuten vergingen. Kein Fisch. Keine Ursula. Keine Erkenntnisse.

Die Kollegen Karpfenangler gehen sogar noch einen Schritt weiter: Unter ihnen ist die sogenannte "Futterstellen-Spionage" weit verbreitet. Die Jungs füttern einen Platz wochenlang an, damit die Karpfen sich an Tag X auch zahlreich dort einfinden. Meistens schmeißen sie ihr Futter mitten in der Nacht ins Wasser, damit keiner was davon mitbekommt. Die Konkurrenz lauert überall, und Nachtsichtgeräte sind heutzutage nicht nur bei Ebay günstig zu kriegen. Aber aufgepasst: Gerüchten zufolge soll es Angler geben, die es darauf anlegen, beim Anfüttern beobachtet zu werden, weil sie ihre Konkurrenten bewusst an eine falsche Stelle locken wollen, wo garantiert nichts zu fangen ist.

Das Leben als Angel-Agent ist schon ein hartes Geschäft. Spionage, Gegenspionage, Ablenkung, Vertuschung, Verrat: alles dabei, was auch in einen guten Bond gehört. Der hat es dagegen in seinem letzten Film "Casino Royale" fast schon einfach gehabt: ein paar Bösewichte verkloppen, eine Partie Poker, und dann noch in Eva Green verlieben.

Obwohl: Die ist ja am Ende ertrunken.



insgesamt 174 Beiträge
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Seite 1
forumgehts? 14.03.2007
1. Die reine Wahrheit
---Zitat von sysop--- Berichten Sie uns von Ihrer Angler-Leidenschaft. Teilen Sie uns Ihre schönsten Anekdoten und lustigsten Macken mit. ---Zitatende--- Szene im Fischgeschäft: Werfen Sie mir die Forelle zu, dann kann ich sagen, ich hätte sie selbst gefangen!
ADG, 14.03.2007
2. Ota Pavel
---Zitat von sysop--- Berichten Sie uns von Ihrer Angler-Leidenschaft. Teilen Sie uns Ihre schönsten Anekdoten und lustigsten Macken mit. ---Zitatende--- Der bekannte tschechische Autor Ota Pavel hat einmal in seinem Buch "Wie ich den Fischen begegnete" - 2005 neu erschienen in Phileas Verlag - seine Angelleidenschaft mit sehr poetischen Worten begründet: »Als es mir besser ging, dachte ich an das, was in meinem Leben am schönsten gewesen war. Ich dachte nicht an die Liebe, auch nicht daran, wie ich mich auf der Welt herumgetrieben hatte. Ich dachte nicht an nächtliche Flüge übers Meer und Ozeane, auch nicht daran, wie ich Eishockey im Prager Spartaklub gespielt hatte. Ich ging wieder zu den Fischen an Bäche, Flüsse, Teiche und Talsperren und erkannte, daß gerade das, was ich dort erlebt hatte, das Schönste auf der Welt war.« Ota Pavel
Würmchesbader, 14.03.2007
3.
Mehr als 3 Millionen Menschen betreiben dieses Hobby in Deutschland. Es ist die vollkommene Freizeitbeschäftigung: Absolut unberechenbar, deshalb nie langweilig. Eine geheimnisvolle Verbindung in eine unsichtbare Welt, deshalb spannend und faszinierend. Nur hat es mit dem in der Kolumne dargestellten Bild des tollpatschigen Idioten nur am Rande etwas zu tun. Angeln ist auch Kunst - für den Fliegenfischer im Bergbach, Religion - für den passionierten Huchen-Jäger, Zen-Meditation - für den ausdauernden Ansitzangler... Die Beispiele sind unendlich! Viele große Persönlichkeiten waren/sind begeisterte Angler – von Haydn, Beethoven, Wagner, Faraday, Lord Nelson, Bismarck... über Prinz Charles, Queen Mum... bis Peter Alexander, Horst Hrubesch und Jens Weißflog. Alle lieben/liebten dieses Hobby, es bringt arm und reich, alt und jung am Wasser zusammen. Es fesselt selbst die größten Geister – denn die Seele der Fische ist unergründlich. Kurzum: Das perfekte Hobby! Lesestoff zum Thema: www.fischundfang.de
Mastercloser 14.03.2007
4.
Ich angele bereits seit meinem zehnten Lebensjahr, mehr oder weniger intensiv. Es geht nicht nur um die gefangenen Fische (oft genug gehe ich als "Schneider" nach Hause, vielmehr reizt mich das erleben der Natur, beispielsweise eines erwachenden Tages. Nichtangler können das oft nur schwer verstehen. Nunja, ich fürchte, bald werden hier im Forum die PETA-Jünger auftauchen und ihre lächerlichen Parolen herumposaunen.
Polar, 14.03.2007
5.
[QUOTE=Mastercloser]....Es geht nicht nur um die gefangenen Fische (oft genug gehe ich als "Schneider" nach Hause, vielmehr reizt mich das erleben der Natur, beispielsweise eines erwachenden Tages. Nichtangler können das oft nur schwer verstehen....QUOTE] Ja, so isses! Allein das Schmieden der Pläne, um den Fisch zu überlisten, der Thermoskannenkaffee im Morgengrauen, die Zigarre beim Nachtangeln und nicht zu vergessen: die wunderbaren Erzählungen der Angelkollegen!
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