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27. Juni 2007, 14:17 Uhr

Frischer Fisch

Johan und die Bootsfetischisten

Von Horst Köder

Ufer oder Boot? Diese Glaubensfrage hat schon viele Angler in eine Sinnkrise gestürzt. In den Niederlanden war das nie ein Thema - unsere Nachbarn angeln fast immer vom Boot aus. Das hat jedoch vor allem mit ihrem Fußballtrauma zu tun.

Mein Lieblingsanglerwitz ist der: Sitzen zwei Angler am Ufer und haben nach drei Stunden immer noch keinen Fisch gefangen. Sagt der eine: "Heute beißt nix!". Eine Stunde später antwortet der andere: "Sind wir zum Angeln hergekommen oder zum Quatschen?" Und da nicht nur das Angeln eine globale Angelegenheit ist wie der Klimawandel oder die Machtübernahme der Alpha-Mädchen, sondern auch der mit dem Angeln verbundene staubtrockene Humor, lachen auch die Kollegen in anderen Ländern über diesen Witz. In den Niederlanden wird der Anfang allerdings leicht abgeändert: Sitzen zwei Angler in einem Boot ...

Fußballer Cruyff: Lieber schön als erfolgreich
AFP

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Es gibt halt Momente im Leben, da muss man sich auf ewig für eine Seite entscheiden: Wein oder Bier, Fußball oder Handball, Mallorca oder Schweden. Bei Frauen kommt vielleicht noch "Brigitte" oder "Freundin" hinzu. Und bei Anglern Ufer oder Boot. Wobei: In den angeblich so liberalen Niederlanden wird darüber gar nicht diskutiert. Dort betten Eltern ihre Babys schon in Jollen, Taufen werden traditionell mitten auf dem Ijsselmeer vollzogen und statt in den Kindergarten schicken die Leute ihre Kinder in die Segelschule.

Kein Wunder, dass die Ufer an den Seen, Kanälen und Flüssen verwaist sind. Wenn doch mal ein Angler dort sitzt, dann muss es ein Tourist sein. Und dazu noch einer, der Karpfen, Rotaugen oder Brassen fangen will. Die Niederländer dagegen stellen den Raubfischen wie Zander, Barsch oder Hecht nach. Wenn einer mal mehr als drei Hechte am Tag gefangen hat, nennt er sich gleich "Hechtpapst" und bringt seine Tipps für horrende Honorare in deutschen Angelzeitschriften unter die wissbegierigen Leser. Die Texte fangen alle gleich an: "Leise glitt mein Boot über den stillen See."

Ich habe ja nichts dagegen, wenn Angler Boote benutzen, um Stellen zu befischen, die sie vom Ufer nicht erreichen können oder um große Wasserflächen zu beackern. Allerdings fischen die Niederländer sogar in Kanälen vom Boot aus, selbst wenn diese nur anderthalb Meter breit sind. Sieht dann schon komisch aus, wenn ein dicker Kahn durch diese Rinne pflügt, sodass kaum noch ein Schilfhalm zwischen Bordwand und Ufer passt. Ich behaupte: Dieser Bootsangelei-Hype bei unseren Nachbarn hat viel mit ihrem Fußballtrauma zu tun.

Ja, da war doch damals was: 1974, Weltmeisterschaft, Endspiel, Deutschland gegen die Niederlande, Fall Hölzenbein, Elfer Breitner, Dreher Müller, Schuss, Tor, 2:1, Titel. Die inoffizielle Auszeichnung für die schönste Spielweise ging damals jedoch an die Unterlegenen um Johan Cruyff. So auch vier Jahre später. Wieder erreichten die Niederlande das Finale, diesmal gewann Argentinien 3:1 nach Verlängerung. Und die Oranje-Elf guckte erneut bedröppelt. Trotz aller Trauer hält sich seitdem hartnäckig die Philosophie in den Niederlanden: Das Ergebnis ist egal, Hauptsache, wir spielen schön.

Ähnlich ist es auch beim Angeln. Während hier in Deutschland den gesetzlichen Maßen entsprechende Fische dem Wasser entnommen werden müssen, praktizieren fast alle Niederländer das "Catch and Release": Gefangene Fische werden schonend vom Haken gelöst und zurückgesetzt. Das Ergebnis ist also zweitrangig. Kaum ein Niederländer protzt mit seinen Fängen, die selbsternannten "Hechtpäpste" mal ausgenommen. Und wenn es auf das Ergebnis nicht ankommt, dann wenigstens auf die Ästhetik der Ausübung.

Ich gebe zu: Uferangler neigen eher zur Grobmotorik. Trotz aller Zeitschriften-Artikel wie "Am Ufer beißen die Dicken" oder "Große Fische, direkt vor ihren Füßen" neigen viele Angler bei ihren Würfen immer noch zu der alten Weisheit: Je weiter raus, desto besser. Zumal Würfe das Imponiergehabe unter den Anglern sind: Könnte ja jemand zuschauen. Drei Meter mehr verschaffen einem schon das Gefühl, ein Alphatier zu sein. Deshalb pfeffern die meisten der Ufer-Jünger ihre Angel per Überhandwurf bis ins Nirgendwo. Mit Ästhetik hat das alles herzlich wenig zu tun.

Wie elegant wirkt es dagegen, wenn ein Bootsangler seinen Köder mit geschmeidigem Unterhandschwung ein paar Meter rüber an den Rand des Schilfgürtels befördert? Oder den Wurm einfach an der Bordwand hinab in die Tiefe gleiten lässt, ohne ein Zeichen der Anstrengung, und sich dann genussvoll auf die Planken des Gefährts sinken lässt? Ja, da könnte man schon ein wenig neidisch werden. Genau wie auf die Vizeweltmeistertitel 1974 und 1978.

Ich habe übrigens noch nie vom Boot aus geangelt. Ich bin auch einer derjenigen, der einen eigentlich zu schweren Blinker wählt, der aber dank des zusätzlichen Gewichtes noch ein paar Meter weiter fliegt. Könnte ja jemand zuschauen. Vielleicht sogar ein Niederländer. Denn nach den schlimmen Auftritten der Oranje-Fußballer bei der WM im vergangenen Jahr bin ich überzeugt: Die Spieler sind alle Uferangler. Zählt bei unseren Nachbarn bald auch nur noch das Ergebnis? Sieht fast so aus, als müsste Johan demnächst alleine auf dem Ijsselmeer umherschippern.

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