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18. April 2007, 13:42 Uhr

Frischer Fisch spezial

Bitte diesmal kein Mastbruch!

Blaue Wellen, schicke Yachten - Horst Köder hatte sich so sehr auf Segeln im Fernsehen gefreut. Aber der Wind vor Valencia hat kläglich versagt, nun herrscht die große Flaute auf dem Wasser und vor dem TV. Dabei gibt es kein entspannenderes Erlebnis.

Fußball, Tennis, Biathlon - das ist mir vor dem Fernseher viel zu aufregend. Bei diesem ständigen Hin und Her, diesem Besser, Schneller, Weiter hämmert mein Puls ständig irgendwo bei 140, der Blutdruck liegt knapp über dem eines LkW-Reifens - das kann der Gesundheit nur schaden. Fernsehen ist für mich Entspannung, und vor ein paar Jahren entdeckte ich die entspannendste aller TV-Sportarten: Segeln.

Model Patitz: Ein wenig Aufregendes schadet nie
DPA

Model Patitz: Ein wenig Aufregendes schadet nie

Sonniger Himmel, blaue Wellen, schicke Yachten - selbst wenn es auch dort darum geht, wer der Beste ist, so sieht es nur danach aus, als ob ein paar gelangweilte, aber sehr elegant gekleidete Kerle die Zeit totschlagen. Und hinten auf dem Zuschauerplatz des Bootes sitzen schnuckelige Ex-Models wie Tatjana Patitz - kein Wunder, dass ich mich am Montag so sehr auf den Auftakt des America's Cup gefreut habe.

Die erste Ernüchterung folgte aber schon eine Viertelstunde vor dem geplanten Start: Während die Teams auf die modernsten Boote setzen, schickte das ZDF seinen ältesten Schoner als Moderatorin ins Rennen: Christa Haas! Da hätten sie auch gleich Doris Papperitz ausgraben können. Dabei wollte ich doch Tatjana sehen! Das ist ungefähr so, als wenn man Champions League schaut, den FC Barcelona erwartet und plötzlich spielt Union Solingen.

Als Angler weiß ich: Geduld ist die oberste aller Tugenden. Die half aber am Montag auch nicht. Vor Valencia herrschte Flaute, die Boote dümpelten nutztlos herum, nicht mal der Ansatz einer Welle kräuselte das Wasser. Gestern das gleiche Bild. Das Fernsehen überbrückte die Zeit der Verzögerung mit ein paar Expertenmeinungen, Erklärungen zu den Booten und der Geschichte des Wettbewerbs.

Da waren sie wieder, die Bilder meiner Helden: Ted Turner, der in den siebziger Jahren den Cup gewann (eine große Leistung), später den Fernsehsender CNN gründete und Jane Fonda heiratete (eine noch größere Leistung). Oder der neuseeländische Nationalheld Sir Peter Blake, zweimaliger America's-Cup-Sieger, der rote Socken salonfähig machte und vor ein paar Jahren von Flusspiraten auf dem Amazonas ermordet wurde. Und auch der Deutsche Jochen Schümann, der vor vier Jahren die Schweizer Yacht "Alinghi" zum ersten europäischen Sieg führte.

Damals begann meine Leidenschaft für diesen Sport. Angeln kommt ja leider ein wenig zu kurz bei den öffentlich-rechtlichen Anstalten, aber Segeln war plötzlich en vogue. Das Tollste daran: Es passiert eigentlich Nichts. Ab sofort stehen die sogenannten "Match Races" auf dem Programm, jeweils ein Schiff gegen ein anderes. Wer das noch nie gesehen hat, der stelle sich einfach ein Formel-1-Rennen vor. Auf dem Wasser. Mit zwei Autos. In Super-Zeitlupe.

Gerade deshalb ist Segeln im Fernsehen so ungeheuer entspannend. Ich warte auf die erste Langzeit-Studie, die bestätigt: Segeln gucken beugt Herzinfarkten und zu hohem Blutdruck vor und senkt dazu noch den Cholesterinspiegel. Wenn Team Germany in See sticht, klettert mein Puls jedenfalls kaum über 50 und eine wohlige Ruhe fließt durch meinen Körper. Die Neuseeländer müssen die entspanntesten Menschen der Welt sein, die gucken ja jede Regatta. Schafe züchten und Segeln schauen- das Leben kann so beneidenswert schön sein.

Beim Finale vor ein paar Jahren bin ich allerdings einmal vor Schreck aus dem Sessel gefallen. Beide Yachten glitten stolz durch die dunkle See, ich döste vor mich hin wie bei einem langen Wellness-Wochenende und plötzlich - KNACK! - brach dem Titelverteidiger aus Neuseeland der Mast. Ich war empört: Wenn ich Aufregung gewollt hätte, hätte ich mir auch gleich diese Terroristenjäger-Serie "24" anschauen können. Zur Beruhigung musste ich mir noch am selben Abend eine Doppelfolge "Forsthaus Falkenau" gönnen.

Von Aufregung kann in Valencia keine Rede sein. Zwei Tage ohne Rennen, die Crews entspannen auf dem Deck und lassen sich von der Sonne braten. Ich frage mich: Warum habe ich noch keine einzige Angel gesehen? Der Fischreichtum muss - so vom Fernseher aus betrachtet - enorm sein: Rochen, Haie, Meerbrassen, Makrelen. Die meisten davon schmecken auch noch fantastisch.

Meine Theorie: Das Fernsehen hat das Angeln verboten. Zu langweilig. Könnte Zuschauer kosten. Christa Haas hat die Anordnung verlesen. Nach dem Motto: Erst zeigen wir Segeln, dann auch noch Angeln, das sieht nach kompletter Veräppelung des TV-Zuschauers aus. Wenn die wüssten, wie entspannend es ist, beim Angeln zuzuschauen. Senkt sicherlich den Blutdruck und beugt Herzinfarkten vor.

Heute soll es ja endlich losgehen mit den Rennen. Yachten statt Christa, Wind statt Experten. Und vielleicht Tatjana. Ein bisschen Aufregendes kann dem Segeln sicher nicht schaden.

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