Frischer Fisch Von Lieblingsfischen und Traumfrauen

Angler sind wie Fußballfans: Wo die einen ihrem Verein ewig treu bleiben, lassen die anderen nichts auf ihren Flossenträger des Begehrens kommen. Nur ab und zu schweifen die Gedanken zu anderen Fischen oder gar Frauen ab - die sie sowieso nie an den Haken kriegen.

Von Horst Köder


Jeder Angler hat einen Lieblingsfisch. Ob er will oder nicht. Das entwickelt sich so wie in einer guten Freundschaft. Man trifft sich irgendwann, kann sich vielleicht nicht mal leiden, aber sieht sich irgendwo wieder, einmal, zweimal, und verabredet sich plötzlich sogar absichtlich an einem bestimmten Ort und sieht ein: Das wird immer so weitergehen. Man hat Höhen und Tiefen, kennt die Stärken und Schwächen des anderen, kann bestimmte Dinge an ihm vielleicht überhaupt nicht leiden und weiß doch: Auf den kann ich mich immer verlassen.

Traumfrau Dunst: Die elegante Blässe adliger britischer Mädchen
REUTERS

Traumfrau Dunst: Die elegante Blässe adliger britischer Mädchen

Mein Lieblingsfisch ist der Barsch, oder genauer gesagt: der Flussbarsch, Perca fluviatilis. Ich weiß, nicht so außergewöhnlich wie vielleicht die Äsche, nicht so spektakulär wie der Wels, sondern gesegnet mit schlichter Schönheit und einem Schuss Bodenständigkeit. Ich weiß nicht, wann ich den ersten fing, schon gar nicht wo, bei der Zahl der überlisteten Barsche verlor ich vor langer Zeit den Überblick und an den größten erinnere ich mich auch nicht. Aber ich weiß: Auf meinen Lieblingsfisch kann ich mich immer verlassen.

Denn der Barsch vereint zwei Vorteile: Er kommt zumindest im Süßwasser fast überall vor und er frisst nahezu alles, solange es nicht größer ist als er selbst. Maden, alle Arten von Würmern, Fischfetzen, tote Köderfische, auch gerne Exemplare der eigenen Art: Unter den Naturködern dürfte es kaum Varianten geben, die unserem Stachelritter nicht munden. Übrigens, das ist sein Spitzname: Stachelritter. Wegen der zweigeteilten Rückenflosse, die mit Stachelstrahlen bestückt ist.

Aber zurück zu seinen charakterlichen Eigenschaften (wozu die Essensvorlieben ja auch gehören): Neugier steht bei ihm an oberster Stelle. Das macht ihn auch zum idealen Fisch für die Angler, die vorwiegend mit Kunstködern angeln und dabei versuchen, den Raubfischen (ja, auch dazu gehört der Barsch!) vorzugaukeln, ihr Köder wäre ein besonders leicht zu fressender, weil kranker, verletzter und übermütiger Beutefisch. Ich glaube, die Barsche lassen sich nicht so leicht veräppeln, ihnen ist das ziemlich egal, was wir Angler da anstellen, aber ihre Neugier sagt ihnen: Könnte ja was zu fressen sein, was da durchs Wasser taumelt. Also einfach mal zubeißen. Und zack - schon hängen sie am Haken.

Wobei Barsche nun nicht grundsätzlich leicht zu fangen sind, gerade die älteren Exemplare, auch "Dickbarsche" genannt, gelten in Fachkreisen als ausgefuchst, mit allen Wassern gewaschen, von aller Neugier befreit und damit als fast unfangbar. Manche sind sicherlich nur Legende, sozusagen die Nessie vom Baggersee nebenan. Aber doch gibt es sie, man muss nur dran glauben wie an das Monster in Schottland: Der Rekord in der Fisch-Hitparade der Zeitschrift "Blinker", dem monatlichen Zentralorgan der Anglerschaft, liegt bei sieben Pfund und 100 Gramm, aufgestellt im Jahr 1989. Was muss das für ein Kaventsmann gewesen sein!

Aber bei Lieblingsfischen ist es wie bei anderen Lieblingsdingen: So viel Verbundenheit auch vorhanden ist, irgendwann stellen sich Abnutzungserscheinungen ein. Dann erwische ich mich in diesen stillen Momenten, und die überschwemmen einen beim Angeln, wie ich die Augen schließe, alles um mich herum vergesse und träume - natürlich von Fischen. Allerdings keinesfalls von einem Barsch von sieben Pfund und 150 Gramm, wie man vielleicht denken könnte, sondern - und da sind Traumfische ganz wie Traumfrauen - natürlich von einer Dame, die man eh nie an den Haken kriegt.

Mein Traumfisch ist so ein bisschen die Kirsten Dunst ihrer Gattung: Mag nicht jeder, weil sie kaum dem gängigen Schönheitsideal entspricht und deshalb nur selten die Aufmacherfotos irgendwelcher Klatschblätter ziert. Kennt wahrscheinlich nicht mal jeder, weil sie weder so penetrant-allgegenwärtig ist wie Paris Hilton, noch mal eben zur Schermaschine greift und sich eine Glatze frisiert wie Britney Spears.

Mich erinnert sie mit ihrer eleganten Blässe immer an adlige britische Mädchen, die Mitte des vorigen Jahrhunderts durch die Grafschaften radelten und heimlich vor mondänen Landhäusern kicherten. Und - das muss mal gesagt werden - ihre leicht nach innen geneigten Schneidezähne sind einfach eine Wucht. Wenn sie damit Peter Parker in einem der "Spider-Man"-Teile anschmachtet und er ihr - aus unerfindlichen Gründen - seine Liebe verleugnet, möchte ich am liebsten selbst das Spinnen-Kostüm überstreifen und sie retten. Das Kleidungsstück dürfte bei mir allerdings ein wenig spannen, zudem sehen die Gummifstiefel dazu sicherlich doof aus.

Kommen wir also zu meinem Traumfisch. Es ist, nun, man kann es sich schon denken - ich werde es nicht verraten. Irgendwie beschleicht mich das Gefühl, dass mir die Barsche untreu werden, wenn ich das jetzt öffentlich mache. Soll ja weiter eine heimliche Schwärmerei bleiben. Für die stillen Momente. So wie Kirsten. Und der Barsch weiter mein bester Freund für alle Tage. Alles nur Aberglaube? Sicherlich. Aber der Aberglaube spielt unter Anglern eine noch viel wichtigere Rolle als der Lieblingsfisch.

Aber dazu mehr in einer der nächsten Kolumnen.



insgesamt 174 Beiträge
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Seite 1
forumgehts? 14.03.2007
1. Die reine Wahrheit
---Zitat von sysop--- Berichten Sie uns von Ihrer Angler-Leidenschaft. Teilen Sie uns Ihre schönsten Anekdoten und lustigsten Macken mit. ---Zitatende--- Szene im Fischgeschäft: Werfen Sie mir die Forelle zu, dann kann ich sagen, ich hätte sie selbst gefangen!
ADG, 14.03.2007
2. Ota Pavel
---Zitat von sysop--- Berichten Sie uns von Ihrer Angler-Leidenschaft. Teilen Sie uns Ihre schönsten Anekdoten und lustigsten Macken mit. ---Zitatende--- Der bekannte tschechische Autor Ota Pavel hat einmal in seinem Buch "Wie ich den Fischen begegnete" - 2005 neu erschienen in Phileas Verlag - seine Angelleidenschaft mit sehr poetischen Worten begründet: »Als es mir besser ging, dachte ich an das, was in meinem Leben am schönsten gewesen war. Ich dachte nicht an die Liebe, auch nicht daran, wie ich mich auf der Welt herumgetrieben hatte. Ich dachte nicht an nächtliche Flüge übers Meer und Ozeane, auch nicht daran, wie ich Eishockey im Prager Spartaklub gespielt hatte. Ich ging wieder zu den Fischen an Bäche, Flüsse, Teiche und Talsperren und erkannte, daß gerade das, was ich dort erlebt hatte, das Schönste auf der Welt war.« Ota Pavel
Würmchesbader, 14.03.2007
3.
Mehr als 3 Millionen Menschen betreiben dieses Hobby in Deutschland. Es ist die vollkommene Freizeitbeschäftigung: Absolut unberechenbar, deshalb nie langweilig. Eine geheimnisvolle Verbindung in eine unsichtbare Welt, deshalb spannend und faszinierend. Nur hat es mit dem in der Kolumne dargestellten Bild des tollpatschigen Idioten nur am Rande etwas zu tun. Angeln ist auch Kunst - für den Fliegenfischer im Bergbach, Religion - für den passionierten Huchen-Jäger, Zen-Meditation - für den ausdauernden Ansitzangler... Die Beispiele sind unendlich! Viele große Persönlichkeiten waren/sind begeisterte Angler – von Haydn, Beethoven, Wagner, Faraday, Lord Nelson, Bismarck... über Prinz Charles, Queen Mum... bis Peter Alexander, Horst Hrubesch und Jens Weißflog. Alle lieben/liebten dieses Hobby, es bringt arm und reich, alt und jung am Wasser zusammen. Es fesselt selbst die größten Geister – denn die Seele der Fische ist unergründlich. Kurzum: Das perfekte Hobby! Lesestoff zum Thema: www.fischundfang.de
Mastercloser 14.03.2007
4.
Ich angele bereits seit meinem zehnten Lebensjahr, mehr oder weniger intensiv. Es geht nicht nur um die gefangenen Fische (oft genug gehe ich als "Schneider" nach Hause, vielmehr reizt mich das erleben der Natur, beispielsweise eines erwachenden Tages. Nichtangler können das oft nur schwer verstehen. Nunja, ich fürchte, bald werden hier im Forum die PETA-Jünger auftauchen und ihre lächerlichen Parolen herumposaunen.
Polar, 14.03.2007
5.
[QUOTE=Mastercloser]....Es geht nicht nur um die gefangenen Fische (oft genug gehe ich als "Schneider" nach Hause, vielmehr reizt mich das erleben der Natur, beispielsweise eines erwachenden Tages. Nichtangler können das oft nur schwer verstehen....QUOTE] Ja, so isses! Allein das Schmieden der Pläne, um den Fisch zu überlisten, der Thermoskannenkaffee im Morgengrauen, die Zigarre beim Nachtangeln und nicht zu vergessen: die wunderbaren Erzählungen der Angelkollegen!
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