Frischer Fisch Zwinkern wie Hannibal Lecter

Selbstjustiz am Flussufer: Ein Spaziergänger hat zwei junge Schwarzangler kurzerhand ins Wasser geschmissen. Nun fragen sich viele unbedarfte Zeitgenossen: Wie unterscheidet man Schwarzangler von den gesetzestreuen Kollegen? Ein kleiner Ratgeber.

Von Horst Köder


In Winden in Südbaden ist die Welt der Selbstjustiz noch in Ordnung. Wenn dort mal das Gesetz übertreten wird, spielen die Bürger eben selbst den Richter. So schmiss in der vorigen Woche ein 52-jähriger Mann zwei 19-jährige Schwarzangler ins Wasser. Er habe sich geärgert, weil diese ohne Berechtigung ihre Angelruten ausgeworfen hatten, teilte der Mann der Polizei mit. Nun muss er sich wegen Körperverletzung vor Gericht verantworten, gegen die beiden Jungspunde wird wegen Fischwilderei ermittelt.

Filmfigur Hannibal Lecter (Anthony Hopkins): Jetzt nicht blinzeln!
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Filmfigur Hannibal Lecter (Anthony Hopkins): Jetzt nicht blinzeln!

Wer nun denkt, er könne beim nächsten Spaziergang auch einfach mal ein paar Angler ins Wasser stoßen, weil die sicherlich keinen Schein haben, der sei gewarnt: So einfach sind die Schwarzangler nicht zu erkennen. Hier ein paar Hinweise, wie man die guten von den bösen Anglern unterscheidet:

Der Blick: Es gibt nur zwei Arten, wie ein Angler mit Schein guckt: stur geradeaus oder ständig abschweifend. Die erste Sorte gehört zu den Leuten, die mit Schwimmer oder Grundblei fischen. Wenn der Mini-Schwimmer 20 Meter draußen zwischen den Wellen dümpelt, nur die Spitze noch herausragt, es nieselt und altersbedingt die Sehkraft ein wenig nachlässt, dann ist höchste Konzentration vonnöten. Zur Not glotzt man halt drei Stunden auf dieselbe Stelle. Und zwinkert dabei nicht einmal, so wie Anthony Hopkins als Dr. Hannibal Lecter in dem Film "Das Schweigen der Lämmer". Diese Angler lassen sich auch niemals ablenken, weder von nervenden Spaziergängern noch von galligen Hunden, die auf dem mitgebrachten Proviant ihr Geschäft verrichten.

Sorte zwei der Scheinangler gehört zu den Spinn- oder Fliegenfischern. Kunstvolle und weite Würfe sind ihr Metier, deshalb schauen sie sich ständig nach rechts, links, hinten und vorne um, ob sich nicht doch irgendwo ein Spaziergänger oder ein Segler in den Sichtradius verirrt. Dann wird die Rute besonders schwungvoll ausgeholt. Und als Aufforderung zur Anerkennung zweimal gezwinkert. Zur Vorsicht mit beiden Augen.

Schwarzangler gucken wie eine Mischung aus beiden. Sie versuchen, den konzentrierten Angler zu mimen und starren scheinbar geradeaus, gucken sich jedoch immer heimlich um, und zwar ohne den Kopf zu bewegen, sondern nur durch Rollen der Augen. So wie die Bösewichte in den Filmen der Schwarzen Serie aus den vierziger Jahren mit Humphrey Bogart. Viele Schwarzangler leiden deshalb nach längerem Ansitz auch an bösen Kopfschmerzen. Könnte ja jeden Moment jemand um die Ecke kommen, der den Gesetzesbruch bemerkt und einen ins Wasser schmeißt.

Die Ausrüstung: Angler mit Schein leiden unter dem Hausfrauen-fahren-in-Urlaub-Syndrom: Sie fürchten sich ständig davor, irgendwas vergessen zu haben und können deshalb auch am Wasser selten entspannen. Zwar haben sie sicherlich nicht das Bügeleisen angelassen, aber vielleicht liegt die Lösezange noch im Keller, mit der man den Fisch vom Haken befreit? Oder der Wunderköder, ohne den heute eigentlich gar nix geht? Deshalb schleppen sie vorsorglich so viel Ausrüstung wie möglich mit ans Wasser, auch wenn sie 90 Prozent davon am Ende gar nicht brauchen. Aber besser, als irgendwas Wichtiges zu vergessen, oder?

Schwarzangler richten ihre Ausrüstung nur auf den Moment der Flucht aus. Also so wenig Material wie nötig. Es soll sogar Schwarzangler geben, die gehen ganz ohne Angelzeug ans Wasser, fangen dann aber meistens auch entsprechend wenig. Wenn Sie also jemanden am Wasser hocken sehen nur mit Rute, Rolle und Schnur, dann handelt es sich hundertprozentig um einen Gesetzesbrecher. Oder doch um einen Angelpuristen mit Schein. Also lieber nicht direkt ins Wasser werfen.

Der Standort: Angler sind ständig im Zwiespalt: Sie mögen Ruhe, sind aber auch furchtbar bequem. Sie suchen zwar gerne abgelegene Orte am Wasser auf, der nächste Parkplatz sollte aber doch noch direkt nebenan sein. Sonst hätte man ja gleich Extrem-Wanderer werden können.

Schwarzanglern können die Plätze nicht versteckt genug sein. Sie angeln meistens dort, wo ihrer Ansicht nach garantiert kein anderer Mensch hinkommt, schon gar kein Fischereiaufseher: im Schilfdickicht neben dem Rohrdommelnest, an steilen Spundwänden mitten im Hafen oder am Ende einer fast überschwemmten Buhne im großen Fluss. Wenn sie an solchen Stellen einen Angler entdecken und zufällig ihren kleinen, bissigen Hund dabeihaben, pfeifen sie mal auf den Leinenzwang und lassen Hasso auf den Kerl los. Wenn er flüchtet, war es ein Schwarzangler, wenn er stur bleibt, einer mit Schein. Dann sollten sie ihren Pfiffi vielleicht doch wieder zurückpfeifen.

Der Rededrang: Experten wie Fischereiaufseher mit 80 Jahren Berufserfahrung, die Schwarzangler auf Grund der vorher genannten Verhaltensweisen viel zu leicht erkennen würden, machen sich oft einen Spaß daraus, die Gesetzesbrecher nur durch den Rededrang von den gesetzestreuen Kollegen zu unterscheiden. Das ist verdammt schwierig, denn beide Spezies plaudern ungern. Die Schwarzangler aus Furcht, die anderen, weil sie einfach genervt sind. Die Standardfragen wie "Hat schon was gebissen?" führen deshalb nur selten zur Unterscheidung. Stattdessen könnten solche fiesen Sätze wie "Braucht man hier eigentlich einen Angelschein?" die Spreu vom Weizen trennen. Wer dann locker "Nein" behauptet, der lügt garantiert.

Die Angeberei: Haben Sie schon mal einen Angler erlebt, der tagsüber seinem Hobby nachgegangen ist und abends nicht groß und breit darüber schwadroniert hat? Eben. Wer angeln geht und nichts erzählt, der wird seine Gründe haben. Ab ins Wasser mit ihm!



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