Fünfte Partie der Schach-WM Anands Schritt Richtung Abgrund

Der Herausforderer geht in Führung: Nach zuvor vier Unentschieden hat Magnus Carlsen das fünfte Spiel der Schach-WM für sich entscheiden können. Der Norweger profitierte dabei von einem Fehler des Titelverteidigers. Der internationale Meister Jonathan Carlstedt analysiert die Partie.

Herausforderer Carlsen (r.): Sieg im fünften Spiel
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Herausforderer Carlsen (r.): Sieg im fünften Spiel


Die fünfte Partie bei der Schach-WM zwischen Titelverteidiger Viswanathan "Vishy" Anand aus Indien und dem Norweger Magnus Carlsen hat erstmals einen Sieger hervorgebracht. Nach zuvor vier Remis, gewann Carlsen das fünfte Duell im Turmendspiel. Carlsen machte Druck - und Anand einen Fehler, der ihn die Partie kostete.

1.c4
Dieser Zug leitet normalerweise die Englische Eröffnung ein, gibt Weiß aber auch die Möglichkeit in diverse "d4-Eröffnungen" überzugehen. Einige Kommentatoren hatten diesen Zug vor der Partie erwartet, da die Englische Eröffnung große Ähnlichkeiten mit 1.Sf3 aufweist, also mit dem Zug, den Carlsen die ersten beiden Partien gespielt hatte.

1...e6 2.d4 d5
Durch Zugumstellung sind die Kontrahenten im abgelehnten Damengambit gelandet. Eine Eröffnung, die auf diesem Niveau regelmäßig gespielt wird.

3.Sc3 c6
Eine kleine Überraschung. Normalerweise wird Sf6 gespielt, denn 3...c6 lässt den Partiezug zu.

4.e4
Carlsen versucht mit diesem Zug die Kontrolle im Zentrum zu übernehmen und die Entwicklung der weißen Leichtfiguren (Springer und Läufer) so einfach wie möglich zu machen.

4...dxe4 5.Sxe4 Lb4+ 6.Sc3
Hauptvariante, also der Zug, der am häufigsten gespielt wird, ist Ld2, anstelle von Sc3. Dies führt jedoch nach Dxd4 zu einem sehr komplizierten Spiel, zudem muss Carlsen befürchten, in eine starke Vorbereitung von Anand zu laufen.

Stellung beim sechsten Zug
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Stellung beim sechsten Zug

6...c5 7.a3 La5 8.Sf3 Sf6 9.Le3 Sc6
Beide Seiten bringen ihre Figuren ins Spiel, Anand versucht den Druck auf den Bauer d4 zu erhöhen.

10.Dd3
Ein etwas unerwarteter Zug von Carlsen, aber ein sehr guter! Denn nun kann der weiße Turm ins Spiel eingreifen und die sich öffnende d-Linie besetzen.

10...cxd4 11.Sxd4 Sg4 12.0-0-0 Sxe3 13.fxe3
Anand schnappt sich das Läuferpaar, was grundsätzlich als gut gilt. Dafür hat er jedoch einige Züge investiert, die Carlsen genutzt hat, um seine Figuren zu entwickeln.

13...Lc7 14.Sxc6 bxc6 15.Dxd8+ Lxd8
Carlsen steuert zielsicher das Endspiel an, also die letzte Partiephase mit wenigen Figuren auf dem Brett. Da fühlt sich Carlsen so wohl wie kein anderer Spieler auf der Welt.

Stellung beim 15. Zug
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Stellung beim 15. Zug

16.Le2 Ke7 17.Lf3 Ld7 18.Se4 Lb6 19.c5 f5 20.cxb6 fxe4 21.b7 Tab8 22.Lxe4 Txb7
Carlsen hat es geschafft, das schwarze Läuferpaar zu halbieren. Nun spielen beide Seiten mit zwei Türmen und einem Läufer.

23.Thf1
Jetzt steht der Turm auf einer offenen Linie, einer Linie, auf der keine Bauern mehr stehen. Hier stehen Türme am besten, da sie viele Felder kontrollieren.

23...Tb5 24.Tf4 g5 25.Tf3 h5
Anand sucht nach aktivem Gegenspiel und schiebt seine Bauern am Königsflügel nach vorne, um Raum zu gewinnen.

26.Tdf1
Besser als ein Turm auf einer offenen Linie sind zwei Türme auf einer offenen Linie. Weiß droht mittels Tf7+ in die schwarze Stellung einzudringen.

26...Le8
Anand deckt das Feld f7 und will seinen Läufer über e8 ins Spiel bringen.

27.Lc2 Tc5 28.Tf6
Schwarz wollte mit Lg6 die Fesselung des weißen Läufers auf c2 ausnutzen, das hat Weiß mit Tf6 verhindert.

28...h4 29.e4 a5 30.Kd2
Im Endspiel zählt der König zu den wichtigsten und besten Figuren, deshalb versucht Carlsen ihn ins Zentrum zu bringen.

30...Tb5 31.b3 Lh5 32.Kc3 Tc5+ 33.Kb2 Td8
Vermutlich hat Anand hier innerlich aufgeatmet. Endlich sind alle seine Figuren im Spiel.

Stellung beim 33. Zug
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Stellung beim 33. Zug

34.T1f2
Carlsen verteidigt die zweite Reihe gegen das Eindringen des schwarzen Turms.

34...Td4 35.Th6 Ld1
Langsam wird es ernst. Die schwarzen Figuren bewegen sich Richtung weißer König. Carlsen muss nun umsichtig agieren, um nicht in Nachteil zu geraten.

36.Lb1 Tb5 37.Kc3 c5 38.Tb2 e5
Schwarz hat es geschafft, alle Figuren auf die schwarzen Felder zu stellen. Das gilt als sehr nützlich, da nun der Läufer, der nur auf den weißen Feldern unterwegs ist, diese nicht angreifen kann.

39.Tg6 a4
39...g4 ist an dieser Stelle die Alternative, Anand entscheidet sich jedoch für die aktivere Variante.

40.Txg5 Txb3+ 41.Txb3 Lxb3 42.Txe5+
Carlsen holt sich den ersten Mehrbauer, trotzdem bleibt die Stellung schwer, denn der schwarze c-Freibauer könnte gefährlich werden.

42...Kd6 43.Th5 Td1 44.e5+ Kd5 45.Lh7 Tc1+
Im Nachhinein ist das vermutlich der erste und entscheidende Schritt Richtung Abgrund. Anand hat bisher sehr genau verteidigt, sehr ärgerlich für ihn, dass er jetzt einen Fehler macht.

Stellung beim 45. Zug
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Stellung beim 45. Zug

46.Kb2 Tg1 47.Lg8+ Kc6 48.Th6+ Kd7 49.Lxb3 axb3 50.Kxb3 Txg2 51.Txh4
Nach diesem "Generalabtausch" ist Anand verloren. Das wird ihm bewusst gewesen sein, er ließ sich aber noch ein paar Züge zeigen. Für ihn ärgerlich - ohne den schwarzen c-Bauer und den weißen e-Bauer wäre diese Stellung Unentschieden.

51...Ke6 52.a4 Kxe5 53.a5 Kd6 54.Th7 Kd5 55.a6 c4+ 56.Kc3 Ta2 57.a7 Kc5 58.h4
Nach diesem Sieg führt Carlsen 3-2. Anand wird morgen versuchen, den Spielstand wieder auszugleichen. Mit den weißen Steinen wird er seine schärfste Vorbereitungswaffe auspacken müssen, um Carlsen ernsthaft zu gefährden.

Stellung beim 58. Zug
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Stellung beim 58. Zug



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Seite 1
leiboldson 15.11.2013
1.
Zitat von sysopDPADer Herausforderer geht in Führung: Nach zuvor vier Unentschieden hat Magnus Carlsen das fünfte Spiel der Schach-WM für sich entscheiden können. Der Norweger profitierte dabei von einem Fehler des Titelverteidigers. Der internationale Meister Jonathan Carlstedt analysiert die Partie. http://www.spiegel.de/sport/sonst/fuenfte-partie-der-schach-wm-in-der-analyse-a-933901.html
Ich bin ja für jede Zeile über Schach bei SPON dankbar und will im Grunde auch nicht über die vielen Ungenauigkeiten mosern, aber wer an der Wahrheit etwas mehr interessiert ist, sollte folgenden Link nutzen, denn dort sind die Schlüsselmomente besser herausgestellt: Schach Nachrichten | Schach-WM: Carlsen geht in Führung (http://de.chessbase.com/post/schach-wm-carlsen-geht-in-fuehrung)
spon-facebook-10000027820 15.11.2013
2. eggs
Bin mal gespannt ob der Weltmeister angreift ?
Spiegelkritikus 15.11.2013
3. Anand hat schon früh die entscheidenden Fehler gemacht
Zitat von sysopDPADer Herausforderer geht in Führung: Nach zuvor vier Unentschieden hat Magnus Carlsen das fünfte Spiel der Schach-WM für sich entscheiden können. Der Norweger profitierte dabei von einem Fehler des Titelverteidigers. Der internationale Meister Jonathan Carlstedt analysiert die Partie. http://www.spiegel.de/sport/sonst/fuenfte-partie-der-schach-wm-in-der-analyse-a-933901.html
Dieses Spiel war teilweise hochklassig, aber manchmal dachte man, dass Amateure spielen. Anand hat nach dem Damenabtausch vorschnell auf die kleine Rochade verzichtet und diese Entscheidung wurde ihm letztlich zum Verhängnis. Seinen linken Turm konnte er deswegen lange Zeit gar nicht ins Spiel bringen, während Carlsen eine starke Doppelturmreihe aufbauen konnte, gegen die Anand nur den Läufer auf der Grundlinie entgegensetzen konnte, womit dieser ersetns gebunden war und zweitens besagter linker Turm eingesperrt war. Es spricht für Anand, dass er quasi mit einem Turm weniger so passabel gespielt hat. Als Carlsen die Turmdoppelreihe aufgibt, sind ihm Anands Bauern auf der Königsseite fast sicher und in der Tat kann er den auf Linie 8 parallel zu dem auf Linie eins im Endspiel avancieren. Damit war Anand geschlagen. Was lernen wir daraus: Die Weichen müssen schon am Anfang richtig gestellt werden, sonst stolpert man seinen Versäumnissen nur hinterher und verliert.
kölschejung72 15.11.2013
4.
Zitat von SpiegelkritikusDieses Spiel war teilweise hochklassig, aber manchmal dachte man, dass Amateure spielen. Anand hat nach dem Damenabtausch vorschnell auf die kleine Rochade verzichtet und diese Entscheidung wurde ihm letztlich zum Verhängnis. Seinen linken Turm konnte er deswegen lange Zeit gar nicht ins Spiel bringen, während Carlsen eine starke Doppelturmreihe aufbauen konnte, gegen die Anand nur den Läufer auf der Grundlinie entgegensetzen konnte, womit dieser ersetns gebunden war und zweitens besagter linker Turm eingesperrt war. Es spricht für Anand, dass er quasi mit einem Turm weniger so passabel gespielt hat. Als Carlsen die Turmdoppelreihe aufgibt, sind ihm Anands Bauern auf der Königsseite fast sicher und in der Tat kann er den auf Linie 8 parallel zu dem auf Linie eins im Endspiel avancieren. Damit war Anand geschlagen. Was lernen wir daraus: Die Weichen müssen schon am Anfang richtig gestellt werden, sonst stolpert man seinen Versäumnissen nur hinterher und verliert.
Der Entwicklungsvorteil von Carlsen war den Ungenauigkeiten in der Eröffung durch Anand geschuldet. Die Stellung am Ende des Mittelspiels war dann für Anand aber stabil und er hätte auf Remis gehen können. In den letzten Zügen vor der Zeitkontrolle hatte er dann Zeitprobleme und hat die entscheidenden Ungenauigkeiten gespielt. Es zeigt sich hier aber wieder sehr die psychologische Komponente des Schachspiels. Gelingt es den Gegner zu verunsichern, wie hier mit der Anand unbekannten Eröffnungsvariante, dann steigt auch die Wahrscheinlichkeit für spätere Fehler oder zumindest Ungenauigkeiten. Und bei so einem 12 Runden Match geht es auch darum, den Gegner mürbe zu mache. Carlsen hatte da einen schönen Satz für.
Spiegelkritikus 15.11.2013
5. Kleine Korrektur
Zitat von SpiegelkritikusDieses Spiel war teilweise hochklassig, aber manchmal dachte man, dass Amateure spielen. Anand hat nach dem Damenabtausch vorschnell auf die kleine Rochade verzichtet und diese Entscheidung wurde ihm letztlich zum Verhängnis. Seinen linken Turm konnte er deswegen lange Zeit gar nicht ins Spiel bringen, während Carlsen eine starke Doppelturmreihe aufbauen konnte, gegen die Anand nur den Läufer auf der Grundlinie entgegensetzen konnte, womit dieser ersetns gebunden war und zweitens besagter linker Turm eingesperrt war. Es spricht für Anand, dass er quasi mit einem Turm weniger so passabel gespielt hat. Als Carlsen die Turmdoppelreihe aufgibt, sind ihm Anands Bauern auf der Königsseite fast sicher und in der Tat kann er den auf Linie 8 parallel zu dem auf Linie eins im Endspiel avancieren. Damit war Anand geschlagen. Was lernen wir daraus: Die Weichen müssen schon am Anfang richtig gestellt werden, sonst stolpert man seinen Versäumnissen nur hinterher und verliert.
Es muss heissen: Als Carlsen die Turmdoppelreihe aufgibt, sind ihm Anands Bauern auf der Königsseite fast sicher und in der Tat kann am Schluss seinen Bauer auf Linie 8 parallel zu dem auf Linie 1 im Endspiel avancieren.
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