Programmhefte, Sammelbilder, Anstecker Auf dem Flohmarkt der Fußball-Nostalgiker

Der eine hat 731 Schals, der andere ist stolz auf ein Netzer-Trikot aus Gladbachs Meisterjahr 1971: Auf Fußballbörsen feilschen Sammler um Schätze, die für andere nur Kram sind.

Philipp Awounou

Eine Fotoreportage von Philipp Awounou


"Entschuldigen Sie. Haben Sie zufällig das Programmheft vom DFB-Pokalfinale 1981?"

Fragen wie diese hört man auf der laut eigenen Angaben größten Fußballbörse Europas, in Erftstadt bei Köln. Ironiefrei und ohne Pointe. Hier nämlich treffen Sammler auf Sammler, gemeinsam frönen sie ihrer Leidenschaft, einmal pro Jahr. Zuletzt Anfang November.

Die Veranstaltung hat die seltsame Vertrautheit eines Ereignisses, das genauso ist, wie man es sich vorstellt: ein miefiger Schulbau im Siebzigerjahrestil, Dutzende Holztische, um die Dutzende Menschen wuseln, größtenteils ältere Männer.

Sie begutachten Schals und Wimpel, Anstecker und Bilder, sie fachsimpeln über die großen Tage von Hans-Peter Briegel, sie stehen Schlange für Autogramme der Stargäste Horst Köppel und Jürgen Grabowski. 1000 Quadratmeter Handelsfläche, mehr als 100 Aussteller aus ganz Deutschland, ein übergroßer Flohmarkt für Nostalgiker.

Sieben Sammler haben mit dem SPIEGEL über ihre Lieblingsstücke gesprochen, über ihre Szene - und ihre ganz eigenen Probleme.

Fritz Maruhn, 54, Recklinghausen

Fritz Maruhn hat dem früheren Schalke-Profi Mike Büskens mal zwei Sammelalben besorgt
Philipp Awounou

Fritz Maruhn hat dem früheren Schalke-Profi Mike Büskens mal zwei Sammelalben besorgt

"Ich habe mich auf unterschriebene Sammelbilder spezialisiert. Insgesamt besitze ich ungefähr eine Million Bilder in 980 Alben.

Für die Autogramme stand ich in den letzten 25 Jahren bei fast jedem Schalker Heimspiel vor dem Gästebus und habe die Spieler abgepasst. Mit der Zeit kennt einen dann natürlich auch der eine oder andere Akteur. Für Mike Büskens habe ich zum Beispiel mal zwei Alben besorgt.

Ein anderes Mal hat mich Willi Koslowski zu Hause angerufen. Er wollte mir seine eigene Sammlung verkaufen. Ich sagte ihm: 'Du, ich habe schon so viel, ich brauche die nicht.'"

Hans-Werner Barkmann, 63, Bargteheide

Hans-Werner Barkmann kann sich nur schwer von seinen Sachen trennen
Philipp Awounou

Hans-Werner Barkmann kann sich nur schwer von seinen Sachen trennen

"Ich sammle seit 1971 Sportartikel, vor allem von der deutschen Nationalmannschaft. Besonders stolz bin ich auf meine Programm- und Sammelhefte. Zum Beispiel von der WM 1954. Oder das Original "Kicker"-Bilderwerk, für das ich einmal 400 Mark bezahlt habe.

Früher ist man ausgerastet, wenn man sowas gesehen hat! Heute sind die meisten Hefte kaum noch wertvoll. Für manche Stücke habe ich 60 Mark ausgegeben und muss heute froh sein, sie für fünf Euro loszuwerden.

Es tut mir in der Seele weh, meine Sachen wegzugeben. Aber ich habe keinen Nachfolger, der sich für die Sammlung interessiert. Meine Frau hat gesagt, wenn ich unter der Erde liege, kommt der Container."

Kathi Hazenoot, 66, Engelskirchen

Kathi Hazenoot verkauft seit dem Tod ihres Ehemannes Fußball-Memorabilia
Philipp Awounou

Kathi Hazenoot verkauft seit dem Tod ihres Ehemannes Fußball-Memorabilia

"Mein Mann war riesiger Schalke-Fan und begeisterter Sammler. Als er jung war, fand er die Kremers-Zwillinge toll, Helmut und Erwin. Später dann Marc Wilmots, Olaf Thon, Klaas-Jan Huntelaar. Von allen sammelte er Fotos mit Autogramm.

Vor zwei Jahren ist er verstorben. Jetzt sitze ich zu Hause mit all seinen Stücken, es gibt nichts, was er nicht hatte. Schalke-Teller, Schalke-Pokale, die Tausenden Bilder. An jedem Stück, das ich verkaufe, hängt auch ein bisschen Herzblut."

Markus Ahrens, 36, Lübeck

Für manche Anstecker verlangt Markus Ahrens mindestens 300 Euro
Philipp Awounou

Für manche Anstecker verlangt Markus Ahrens mindestens 300 Euro

"Ich bin Groundhopper. In den vergangenen 20 Jahren war ich auf über 500 Fußballplätzen in der gesamten Republik.

Mit den Reisen begann auch meine Sammelleidenschaft. Ich habe mich auf Anstecker von Vereinen und Verbänden spezialisiert. Aktuell habe ich etwa 5000 bis 8000 Stück im Wert von mehreren Zehntausend Euro.

Die wertvollsten Anstecker, die ich dabei habe, sind vom DFB. Aus den Fünfzigerjahren. Wer die kaufen möchte, müsste mindestens 300 € bezahlen. Für mich persönlich sind die wertvollsten Anstecker allerdings die von meinem Lieblingsverein, dem VfB Lübeck."

Wolfgang Fuhr, 62, Kassel

Für Wolfgang Fuhr ist das Sammeln von Fußball-Gegenständen seit Jahrzehnten ein Beruf
Philipp Awounou

Für Wolfgang Fuhr ist das Sammeln von Fußball-Gegenständen seit Jahrzehnten ein Beruf

"Ich verkaufe seit 30 Jahren professionell Devotionalien. Ich würde schätzen, dass es in Deutschland etwa 5000 ernsthafte Sammler gibt. Davon agieren vielleicht 500 hochkarätig, im vierstelligen Bereich und darüber.

Für diese Sammler wäre zum Beispiel unser Trikot von Mats Hummels interessant, getragen bei der WM 2014 gegen Frankreich. Der Preis liegt bei 3800 Euro.

An solche Stücke kommen wir durch persönliche Kontakte innerhalb des DFB. Andere Trikots bekommen wir von Familienangehörigen der Spieler angeboten oder - ebenfalls oft - von Ex-Profis.

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Flohmarkt für Fußball-Nostalgiker: Stöbern und Feilschen

Es sind natürlich auch viele Fälschungen auf dem Markt. Aber Sammler auf diesem Preisniveau können ein Original erkennen. Das Hummels-Trikot zum Beispiel daran, dass es im Juli 2013 hergestellt wurde und daran, dass die Shirtgröße mit einer Zahl angegeben ist und nicht, wie bei Fan-Trikots, mit einem Buchstaben.

Solches Detailwissen bekommt man, indem man eben auch mal mit dem Platzwart plaudert."

Stefan Sandlos, 39, Fulda

Stefan Sandlos' wertvollster Besitz ist ein von Günter Netzer getragenes Trikot aus der Saison 1970/71
Philipp Awounou

Stefan Sandlos' wertvollster Besitz ist ein von Günter Netzer getragenes Trikot aus der Saison 1970/71

"Gemeinsam mit zwei Freunden habe ich eine Trikotsammlung mit über 1000 Stücken. Wir haben eine Website eingerichtet, auf der Interessierte sie anschauen können.

Meine Freunde und ich sind alle unter 40, damit senken wir den Altersschnitt schon deutlich. Eigentlich schade: Das Sammeln ist natürlich sehr nerdig, aber an diesen Stücken hängen einfach viele tolle Erinnerungen.

Sehr stolz bin ich auf das getragene Trikot von Günter Netzer aus der Meistersaison 1971. Ein Exemplar haben wir dabei, unser zweites hängt in der "Fohlenwelt". Ein Netzer-Trikot aus einem Meisterjahr - mehr geht als Gladbach-Fan nicht!"

Maik Köhler, 48, Euskirchen

Maik Köhler hat zu Hause ein 30 Quadratmeter großes BVB-Zimmer
Philipp Awounou

Maik Köhler hat zu Hause ein 30 Quadratmeter großes BVB-Zimmer

"Ich besitze 731 unterschiedliche Schals von Borussia Dortmund. Ich kenne niemanden, der mehr hat. Sie liegen zu Hause in meinem BVB-Zimmer, 30 Quadratmeter groß.

Hier verkaufe ich, wie die meisten, nur das, was ich doppelt habe. Zum Beispiel den Schal vom Europapokalspiel 1994 gegen Deportivo La Coruña. Da hat Lars Ricken kurz vor Ende der Verlängerung das entscheidende Tor geschossen. Ich war im Stadion, nach dem Siegtreffer hat es da förmlich gebrannt!"



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perello 09.11.2019
1. Wahnsinn!
Hut ab, da steckt viel Herzblut drin, und unfassbar viel Mühe. Es wirkt aber auch so, als ob einige wenige mit guten Kontakten den Reibach machen, der Rest schaut zu. Der Artikel zeigt mir aber auch, wie sehr mir - nach Jahrzehnten des engen Verfolgens - der Fußball mittlerweile am Poppes vorbei geht. Klar kann ich mich noch an das Spiel gegen Frankreich erinnern, Hummels köpfte ja sogar das Siegtor, aber vielleicht war das das letzte Turnier, das für mich noch kaschieren konnte, wie kaputt der Fußball eigentlich ist. Wenn der Autor irgendwann mal ein Thema sucht, es würde mich interessieren, ob das ein größerer Trend ist. Aus Gesprächen mit ehemals Fußball-verrückten Freunden weiß ich zumindest, dass ich mit meiner fast schon Aversion zu diesem Sport (Millionen-Ablösen, Milliarden-Verträge, Pay-TV, Football Leaks, Blatter/Platini/Katar usw.) längst nicht der einzige bin.
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