Sommermärchen-Affäre Neue Hinweise auf Stimmenkauf

Der Verdacht, dass bei der Vergabe der WM 2006 an Deutschland Stimmen gekauft wurden, erhärtet sich. Das legt nach SPIEGEL-Informationen ein jetzt aufgetauchter Beratervertrag nahe.

Joseph Blatter
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Ein bislang unbekannter Beratervertrag aus dem Jahr 2000 stützt den Verdacht, dass Stimmen für die Vergabe der Fußballweltmeisterschaft 2006 nach Deutschland gekauft wurden. Das berichtet der SPIEGEL in seiner aktuellen Ausgabe (Lesen Sie hier die ganze Geschichte im neuen SPIEGEL). Das Dokument stammt aus dem versunkenen Reich des 2011 verstorbenen Medientycoons Leo Kirch. Es zeigt, was von den Aufklärungsbemühungen der neuen DFB-Spitze zu halten ist - nicht viel.

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Heft 13/2017
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Eigentlich sollten die Anwälte der Kanzlei Freshfields, die der DFB im Herbst 2015 mit der Aufklärung der Sommermärchen-Affäre beauftragte, "alle Anhaltspunkte für einen möglicherweise erfolgten Stimmenkauf" sammeln und benennen, wie es in dem im März vorigen Jahres präsentierten Abschlussbericht der Kanzlei heißt.

Doch schon damals keimte der Verdacht, dass es Fakten gab, die den Freshfields-Ermittlern und ihren Auftraggebern im DFB so unangenehm waren, dass sie es vorzogen, diese zu ignorieren beziehungsweise totzuschweigen. Etwa einen Vertrag aus dem Kirch-Imperium, der bereits 2003 publik geworden war. Schon dieser Kontrakt hatte streng nach Schmiergeld gerochen. Geld für korrupte Fifa-Delegierte, Wahlmänner im Exekutivkomitee des Weltfußballverbands; jenem Gremium, in dem über die WM-Vergabe entschieden wurde. Im Freshfields-Report wurde das Papier dennoch mit keinem Wort erwähnt.

Honorar: zwei Millionen Dollar

Das jetzt aufgetauchte Papier unterstreicht, wie explosiv der ganze Vorgang tatsächlich war - und dass damals offenbar noch weit mehr Geld in dunkle Kanäle floss als bisher bekannt. Am 23. Juni 2000, nur 13 Tage vor der WM-Entscheidung des Fifa-Exekutivkomitees für Deutschland, setzte der Münchner Konzern KirchMedia einen Vertrag mit dem Libanesen Elias Zaccour über Beratungsleistungen im Geschäftsbereich Filmrechte auf. Honorar: zwei Millionen Dollar. Die erste Million sei, wie es im Entwurf der Vereinbarung heißt, bereits gezahlt worden - auf ein Zaccour-Konto in Luxemburg. Die zweite Million sollte auf Anforderung von Zaccour fließen; frühestens am 7. Juli 2000, dem Tag nach der WM-Entscheidung.

Deutschlandfans bei der WM 2006
DPA

Deutschlandfans bei der WM 2006

Mit Filmen und Filmrechten hatte Zaccour bis dahin - soweit ersichtlich - jedoch nie etwas zu tun gehabt. Vielmehr galt er als enger Vertrauter der Fifa-Wahlmänner Jack Warner und Mohamed Bin Hammam. Auch der Mann, der den Deal zwischen Kirch und Zaccour eingefädelt hatte, war im Filmgeschäft ein Unbekannter: Fedor Radmann, rechte Hand von Franz Beckenbauer, dem Chef der deutschen WM-Bewerbung. Der Beckenbauer-Intimus konnte - diesen Verdacht legen die Vertragsunterlagen nahe - Kirch-Mitarbeitern offenbar Weisungen erteilen und nahm auch auf Details der Vertragsgestaltung Einfluss.

Schon gut zwei Wochen zuvor hatte KirchMedia einen ersten Vertrag mit Zaccour geschlossen. Dieser Kontrakt, der bereits 2003 bekannt geworden war, hatte aber nur ein Honorar von einer Million Dollar vorgesehen, zahlbar in vier Raten bis 2003. Mit dem zweiten, jüngst aufgetauchten Vertrag verdoppelte sich Zaccours Honorar. Der ehemalige Kirch-Geschäftsführer Dieter Hahn antwortete auf eine SPIEGEL-Anfrage, ihm sei "ein 17 Jahre zurückliegender Vorgang nicht mehr erinnerlich". Radmann wollte sich auf Anfrage nicht äußern.

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Ronaldo 24.03.2017
1. Stimmenkauf Sommermärchen
Jetzt ist genug! 2006 war eine WM,bei der Deutschland ein sehr guter Gastgeber war.Die Vorbehalte erwiesen sich als Luftnummern.Was ist eigentlich mit der WM in Russland? Mit der WM in Katar? Wie sieht es da mit Stimmenkauf aus?Will man FIFA) nur ablenken?
chadhugo 24.03.2017
2. Deutschland
Weltmeister der verdeckten Korruption.
Pinin 24.03.2017
3. Na und?
Hat denn jemand gedacht so eine FIFA-Wahl würde so "demokratisch" verlaufen wie unsere Bundespräsidenten-Wahl?
RalfHenrichs 24.03.2017
4. Aber wir Deutschen sind doch die Saubermänner
Korrupt sind immer die anderen
sltr 24.03.2017
5. Is' nich' wahr, echt jetzt?
Wow, wer hätte das erwartet? Welche Überraschung. Ich bin ja sowas von enttäuscht. Nee, bin ich nicht. Es war eine geilen WM. Und es war richtig, dass sie hier stattfand. Und wenn man dazu hätte nackt zur Fifa-Zentrale wandern müssen und jemand hätte dies getan ... Na und?
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