Kasparow über Schach-WM Die Qualität war nicht so hoch

Viele Jahre war Garri Kasparow der weltbeste Schachspieler. Für SPIEGEL ONLINE bewertet er den Ausgang der WM. Sein Urteil: Titelverteidiger Carlsen musste nicht mal an sein Limit gehen. Ein Gastbeitrag.

Kasparow: "Carlsen siegte, obwohl er nicht sein bestes Schach zeigte"
ChessBase

Kasparow: "Carlsen siegte, obwohl er nicht sein bestes Schach zeigte"


Natürlich habe ich die Schach-WM intensiv verfolgt. Ich bin kein Profi mehr, aber ich werde immer ein Fan dieses Sports sein. Beim diesjährigen Duell zwischen Magnus Carlsen und Viswanathan Anand hat sich gezeigt, dass die Zeit nicht stehen bleibt. Es ist extrem schwer, 20 Jahre Altersunterschied auszugleichen. Carlsen ist ein besonderes Talent, er siegte, obwohl er nicht sein bestes Schach gezeigt hat und Anand besser spielte als im vergangenen Jahr.

Vor dem Turnier habe ich gesagt, dass Carlsen mit zwei Punkten Vorsprung gewinnen wird. Denn er hat einen Vorteil: Er ist der bessere Spieler. Und so kam es. Am Ende war es ein bisschen knapper als im vergangenen Jahr, was aber vor allem an Carlsens Nerven lag. Für ihn war es psychologisch nicht ganz leicht, nachdem er Anand 2013 so klar geschlagen hat. Es war untypisch für ihn, dass er seine Chancen nicht immer optimal genutzt hat, aber das schreibe ich seiner Anspannung zu.

Anand war sehr gut vorbereitet. Aus meiner persönlichen Sicht ist es eine Ironie, dass die Berliner Verteidigung auf dem höchsten Spielniveau zum Standard geworden ist. Ich wurde 2000 in London noch dafür kritisiert, dass ich Wladimir Kramniks Berliner Verteidigung nicht schlagen konnte und meinen Titel verlor.

Amateure mögen das Spiel ohne Damen langweilig finden, aber es ist kein Endspiel, sondern ein Mittelspiel, das eine große Dynamik entwickeln kann.

Insgesamt war die Qualität der Partien nicht so hoch, weil beide einige Fehler gemacht haben. Aber für viele Fans ist das natürlich unterhaltsam. Anand hat ein paar Chancen verpasst, wenn er sie genutzt hätte, hätte Carlsen an sein Limit gehen müssen. So brauchte er nicht sein bestes Schach zu spielen, um Weltmeister zu bleiben.

Den Schach-Weltverband Fide sehe ich sehr kritisch. Ich habe nicht gesehen, was sie eigentlich in Sotschi gemacht haben - außer das Duell zu organisieren. Niemand weiß, woher das Preisgeld kam. Obwohl es so ein attraktives Event ist, haben die Funktionäre kein einziges Angebot ausfindig gemacht und die WM an Putins Olympia-Geisterstadt verkauft.

Kein seriöser Sponsor wollte mit dieser dubiosen Truppe zusammenarbeiten. Die Firma Agon, die für die kommerzielle Seite der WM zuständig ist, wurde zuletzt für ein Pfund verkauft, der Ruf des Weltverbands ist noch weniger wert.

Spielen Sie die entscheidende elfte Partie zwischen Carlsen und Anand Zug für Zug noch einmal nach.

Für die Darstellung wird Javascript benötigt.

Übersetzt von Christian Teevs.



insgesamt 8 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
lollicruncher 24.11.2014
1. Unabhängig von der politischen Lage ...
... war der Event, was die technische Seite betrifft, sehr gut vorbereitet. Unter http://www.sochi2014.fide.com/ konnte man live in HD Qualität das gesamte Spiel verfolgen, die Kommentatoren waren sehr gut. Warum die Weltmeisterschaft allerdings in Sochi stattfinden musste, wird wohl für immer ein Geheimnis bleiben.
territrades 24.11.2014
2. Hd-Stream ?
Wirklich, einfach den livestream schauen? Sorry, aber der hat bei mir an keinen einzigen Spieltag funktioniert. Ein paar Sekunden, dann flog man wieder raus. Sowohl bei mir privat als auch an der Uni mit 500.000er Leitung. Auf Twitch gabs die Partien zwar ohne livecam, dafür aber fast störungsfrei und mit guten Kommentar. Zur wm: hat Spaß gemacht, auch wenn ich für anand war. Aber vielleicht sind ja aller guten Dinge 3?
an24 24.11.2014
3. die SchachWM
mal wieder als Politikum? Wer kam auf die grandiose Idee diese in Sochi ausführen zu lassen? Das ist an mir vorbeigegangen..
kugelsicher, 24.11.2014
4. Den nächsten und einzigen Gegner...
den ich im Moment für Carlsen noch sehe, dürfte in Zukunft Fabiano Caruana sein. Das könnten heiße Duelle zweier jungen Hirne werden.
Karbonator 24.11.2014
5.
Zitat von territradesWirklich, einfach den livestream schauen? Sorry, aber der hat bei mir an keinen einzigen Spieltag funktioniert. Ein paar Sekunden, dann flog man wieder raus. Sowohl bei mir privat als auch an der Uni mit 500.000er Leitung. Auf Twitch gabs die Partien zwar ohne livecam, dafür aber fast störungsfrei und mit guten Kommentar. Zur wm: hat Spaß gemacht, auch wenn ich für anand war. Aber vielleicht sind ja aller guten Dinge 3?
Bei mir ging der Livestream in guter Qualität ohne Probleme... an verschiedenen Orten mit verschiedenen Geräten. Dafür fand ich den Kommentar teilweise zu chaotisch und zu "gut"... für den Gelegenheitsspieler waren die ganzen Zugfolgen, die die Kommentatoren durchgedacht haben, nicht so einfach nachzuverfolgen, vor allem, wenn man mitte in der Partie einschaltete. Ganz zu schweigen davon, daß einer der Kommentatoren (Ian Nepomniachtchi, wenn ich mich nicht täusche) eine sehr nervige Art zu sprechen hat. ;) Aber sonst OK.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.