Gazzetta dello Sport Morgenstund' hat rosa Seiten

Fünf Seiten über ein Abstiegsduell in der Provinz, eine Spielerbenotung zum Haare raufen: Jeder italienische Mann liest zum Frühstück die rosa Sportseiten der Gazzetta dello Sport. Denn auch wenn dort Merkwürdiges drinsteht - ohne sie wäre der Tag schon vor dem Mittag versaut.
Von Stefan Maiwald

Morgens wird daheim kein Frühstück gemacht. Da ist sich ganz Italien einig. Noch vor der Arbeit geht es in die Bar. Bar heißt im Italienischen, was im Deutschen das Café ist, eine weitgehend zum Frühstücken benutzte Lokalität. Frühstück im streng italienischen Sinn, versteht sich. Und dort trifft man sich dann mit Familienmitgliedern und Arbeitskollegen, bevor die Fron losgeht.

Nun ist der Italiener ja auch nur ein Mensch und daher manchmal am Morgen etwas maulfaul. Es ist also keineswegs das gestenreiche Geschnatter, das die Geräuschkulisse dominiert, sondern vielmehr das Rascheln der Morgenzeitungen. Denn wenngleich ein Espresso (also ein caffè) mit oder ohne Milchschaum immer noch nur 80 Cent kostet, liegen drei bis vier Tageszeitungen zur freien Verfügung herum. In Deutschland zahlt man oft deutlich mehr als einen Euro für einen Espresso und bekommt mit Glück eine in ein Holzgestell eingepferchte Zeitung, die das Lesen mindestens der Spalte am Bund unmöglich macht.

Weil die "Gazzetta dello Sport" von meinen Schwägern Leo und Luca zwar nicht frei von, aber auch nicht ausschließlich aus Ironie als bibbia, Bibel, bezeichnet wird, ist das Gerangel um die rosa- oder lachsfarbenen Seiten am größten. Ohne den achtseitigen Spielbericht einer so atemberaubenden Partie wie Empoli - Reggina halten es weder Leo noch Luca aus. Als Sportfan und Journalist wage ich mal zu behaupten, dass in der "Gazzetta" wie in so vielen anderen Sportzeitungen, die täglich erscheinen müssen, eine ganze Menge Quatsch drinsteht.

Abgesehen von einer nicht zu leugnenden Wortfülle und Redundanz: Allein schon die Notengebung nervt. Denn während zum Beispiel "Bild" nach Schulnoten bewertet und auch vor Einsen und Sechsen nicht zurückschreckt, geht das Notensystem der "Gazzetta dello Sport" theoretisch von 1 bis 10, mit Halbschritten dazwischen. Doch die schlechteste Note, die ein Spieler je bekam (und ich rede hier von einem Torwart, der zwei Bälle durch die Beine gelassen, drei Ecken unterlaufen und einen Elfmeter verschuldet hat und in der Nachspielzeit wegen Meckerns vom Platz flog), ist eine 5. Ein Spieler hingegen, der drei Tore selbst gemacht hat, und zwar eines davon per Fallrückzieher, eines per Flugkopfball von der Strafraumgrenze und eines per 30-Meter-Freistoß, der bekommt allerhöchstens eine 8. Und das wiederum bedeutet, dass die Spieler-Zeugnisse einer Mannschaft sich etwa so lesen: 6; 5; 6,5; 6; 6; 5,5; 5,5; 6; 5,5; 6; 5,5. Ich finde das in höchstem Maße ungerecht, denn so nobel das Gleichheitsprinzip in vielen Lebensbereichen ist, so sollte doch gerade der Sport exzellente Leistungen entsprechend würdigen.

Ein Beispiel: Das Lokalderby Inter - AC Milan vom 11. Dezember 2005, in sechzig Länder übertragen, erweist sich als hochdramatisches Spiel und geht 3:2 aus. Adriano, der brasilianische Inter-Stürmer, schießt das erste Tor, bereitet das zweite Tor vor und schießt in der 92. Minute den Siegtreffer. Mehr kann man gegen die mutmaßlich beste Abwehr der Welt (Nesta, Maldini, Stam, Kaladze und im Tor Dida, der für einen Brasilianer auf dieser Position wirklich gut ist) nicht verlangen. Seine Note? 7,5.