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30. August 2003, 18:49 Uhr

Gedoptes Gold-Girl

"Ich bin unschuldig"

Die Doppelweltmeisterin von Paris, Kelli White, muss nach einer positiven Dopingprobe mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zumindest ihre Goldmedaille über 100 Meter wieder abgeben. Die US-Leichtathletin verteidigt die Einnahme eines Stimulanzmittels gegen Tagesschläfrigkeit.

 Mindestens eine ihrer zwei Goldmedaillen muss Kelli White wohl abgeben
AP

Mindestens eine ihrer zwei Goldmedaillen muss Kelli White wohl abgeben

Paris - Der Weltverband IAAF bestätigte am Samstagnachmittag den Nachweis von Abbauprodukten des Stimulanzmittels Modafinil in dem am vergangenen Sonntag nach dem 100-Meter-Finale vorgenommenen Dopingtest bei White. "Bis zur endgültigen Klärung aller Details des Falls können wir noch nicht über Sanktionen entscheiden", erklärte Arne Ljungqvist, Vorsitzender der Medizinischen Kommission der IAAF.

White hatte das Medikament mit dem verbotenen Wirkstoff vor dem Wettkampf nicht angeben. "Dies belastet sie", sagte Ljungqvist. Die Analyse der Dopingkontrolle vom 200-Meter-Lauf liegt bislang noch nicht vor. "Wenn sie die Substanz vor den 100 Metern genommen hat, könnte sie auch beim Test nach den 200 Metern entdeckt werden", so der schwedische IAAF-Funktionär. Aus Furcht vor einer möglichen nachträglichen Disqualifikation verzichtete das US-Team am Samstagabend auf den Einsatz Whites in der 400-Meter-Staffel, die ohne die Doppelweltmeisterin nur Silber hinter Frankreich gewann.

 Kelli White beteuert ihre Unschuld
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Kelli White beteuert ihre Unschuld

Das zur Gruppe der Psychopharmaka zählende Medikament Modafinil steht noch nicht ausdrücklich auf der Dopingliste und soll erst 2004 darauf erscheinen. Dennoch ließ Ljungqvist keinen Zweifel daran, dass Modafinil auch nach den aktuellen Regeln zu den verbotenen Substanzen zählt. "Auch in der existierenden Liste muss es als eine verwandte Substanz angesehen werden", erklärte der Schwed. "Die entscheidende Frage ist nur, ob es in die gleiche Klasse wie Amphetamine oder wie Ephedrin gehört."

Von dieser Einschätzung hängt nicht zuletzt die zu erwartende Strafe ab: Im ersten Fall könnte dies eine Sperre von zwei Jahren bedeuten, in letzterem würde White zwar auch der WM-Titel aberkannt, sie käme jedoch mit einer öffentlichen Verwarnung davon. Erst im Wiederholungsfall droht für die Kategorie der leichteren Stimulanzien eine Sperre.

In der Medizin wird der "Wachmacher" Modafinil gegen die so genannte Narkolepsie (Tagesschläfrigkeit) eingesetzt. Am Tage überkommt die Patienten der unwiderstehliche Zwang zu schlafen. Nachts dagegen wird der Schlaf von häufigen, teils langen Wachphasen unterbrochen. In Deutschland wurde das Medikament 1998 eingeführt und dem Betäubungsmittelgesetz unterstellt. Es darf nur auf Rezept verordnet werden. In den USA dagegen ist es frei erhältlich.

 Bis Samstag war Kelli White in Paris guter Dinge
DPA

Bis Samstag war Kelli White in Paris guter Dinge

Gold-Girl White wies alle Anschuldigungen zurück. "Ich bin unschuldig, ich habe keinen Fehler gemacht",erklärte sie am späten Samstagabend im Stade de France. Ein Medikament mit dem Wirkstoff Modafinil habe von ihrem Arzt Brian Goldmann gegen krankhafte Ermüdung verschrieben bekommen. Diese Krankheit sei in ihrer Familie verbreitet. "Das Medikament steht nicht auf der Liste der verbotenen Substanzen der IAAF", sagte White, die fest davon überzeugt ist, ihre WM-Medaillen behalten zu können.

IAAF-Generalsekretär Istvan Gyulai allerdings hat kaum Zweifel, dass Kelli White kaum noch entlastet werden kann: "Wenn es am Ende ein Dopingfall wird - und dafür sprechen viele Indizien -, verliert sie ihre Medaillen."

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