Gelähmter Skifahrer Unfallopfer Beltrametti als Nationalheld

Er hatte das Zeug zum Weltstar ­ bis es ihn bei Tempo 120 aushob und er die Fangnetze durchschlug. Silvano Beltrametti, vom siebten Brustwirbel abwärts gelähmt, soll den Schweizern dennoch als Held dienen. Sie wollen ihn künftig als Behindertensportler siegen sehen.


"Er sieht gut aus und ist prominent": Silvano Beltrametti
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"Er sieht gut aus und ist prominent": Silvano Beltrametti

Mit Glücksgefühlen kannte sich Silvano Beltrametti aus. Bei Junioren-Weltmeisterschaften gewann er drei Medaillen, bei der Weltcup-Abfahrt in Lake Louise gelang ihm im November 2000 erstmals der Sprung aufs Podest. Doch jede Annäherung an die internationale Elite wertete der Schweizer als logischen, beinahe überfälligen Schritt. Er freute sich gemessen.

Nachdem es ihm aber in diesem Jahr zum ersten Mal gelungen war, sich ohne fremde Hilfe die Hose anzuziehen, lag Beltrametti auf dem Bett und genoss einen "großen Sieg". Ihm war, als hätte er gerade das legendäre Lauberhorn-Rennen gewonnen. "Ein unglaublicher Moment."

Inzwischen ist die morgendliche Ankleideprozedur zur Routine geworden. Beltrametti, der seit dreieinhalb Monaten querschnittsgelähmt ist, erledigt sie in weniger als zehn Minuten. Anschließend rutscht der ehemalige Skiprofi vom Bett in den Rollstuhl und bewegt ihn mit kräftigen Armschüben aus Raum E 304. Das große, helle Zimmer liegt im dritten Stock des Paraplegiker-Zentrums in Nottwil bei Luzern.

"Jahrhunderttalent"


Beltrametti, 23, der auf der Piste als Draufgänger galt, wirkt erstaunlich unbefangen. Über seine Behinderung zu reden fällt ihm leicht. Er sei halt "ein Kämpfertyp", sagt er und bekommt leuchtende Augen.

Auf dem Stationsflur begegnet er dem Leiter der Ergotherapie. "Hast du ein paar Autogrammkarten für mich?", fragt ihn der Arzt verzweifelt. Beltrametti schüttelt den Kopf. Die alten sind vergriffen und die neuen, auf denen er im Rollstuhl abgebildet ist, noch nicht gedruckt.

Die neuen Autogrammkarten sind eine Idee seines Managers. Und ein Reflex auf die Anteilnahme seiner Landsleute.

Vor seinem Unfall galt Beltrametti ihnen als größte Hoffnung im alpinen Skisport. Die Eminenz Bernhard Russi, Olympiasieger 1972, nannte ihn ein "Jahrhunderttalent", und voriges Jahr wurde der Graubündner prompt Vierter bei der WM-Abfahrt in St. Anton. Der neue Pirmin Zurbriggen schien gefunden.

So einen möchte eine Nation nicht verlieren. Und deshalb wollen ihn jetzt andauernd Menschen für etwas gewinnen, auch wenn es seinen Neigungen nicht entspricht.

"Er sieht gut aus und ist prominent"


Nun, da Beltrametti der Fähigkeit beraubt ist zu gehen, zu stehen und brustabwärts zu fühlen, soll er als Behindertensportler Siege feiern. Er hatte die Intensivstation kaum verlassen, da forderte der Boulevard, er möge spätestens 2006 bei den Winter-Paralympics in Turin antreten.

Guisep Fry, ein hagerer Mann mit orange getönter Brille, lässt die öffentliche Meinung laufen. Er ist seit drei Jahren Beltramettis Manager. Durch den Unfall, sagt er, habe sich seine Arbeit in einer Weise intensiviert, "als hätte Silvano olympisches Gold" gewonnen.

Skirennfahrer Beltrametti: "Ein Jahrhundertalent"
DPA

Skirennfahrer Beltrametti: "Ein Jahrhundertalent"

Mancher Experte glaubt sogar, dass die Mechanismen der Sportvermarktung auch bei einem Querschnittsgelähmten greifen. Heinz Frei, einer der weltweit erfolgreichsten Rollstuhl-Athleten, prophezeit, dass Beltrametti wieder Profi werden könne: "Er weiß, wie es ist, seinen Körper auszureizen. Er sieht gut aus und ist prominent."

Doch Beltrametti will gar nicht bei den Behinderten starten. "Ich war in Kitzbühel dabei, wo 40 000 Leute im Ziel stehen und dir zujubeln", sagt er. "Da schmerzt es zu sehr, ein Rennen zu fahren, bei dem nur die Tante zuguckt."

Sein Antrieb war es immer, eine Medaille bei den Olympischen Spielen zu gewinnen. In Salt Lake City wollte er "das Rennen meines Lebens" fahren. "Perfekt auf jedes Detail wäre ich vorbereitet gewesen", sagt er, "keine Unsicherheit hätte ich verspüren lassen. Auf jede Frage hätte ich innerlich eine Antwort gewusst."

Mit Tempo 120 auf den Fangzaun zu


So stark hatte er sich auch am 8. Dezember 2001 gefühlt, dem Tag der Abfahrt in Val d'Isère. Er trug die Startnummer 14. Er strotzte vor Selbstbewusstsein, weil er am Vortag Dritter im Super-G geworden war.

Um 11.04 Uhr stieß sich Beltrametti aus dem Starthäuschen. Nach der ersten Zwischenzeit führte er knapp, bei der zweiten lag er deutlich vor dem Italiener Kurt Sulzenbacher, der am Ende auf Platz zwei kam.

Zwölf Sekunden später stemmte sich Beltrametti in eine lang gezogene Rechtskurve, geriet in Rücklage, verlor die Gewalt über seine Ski, die sich in die Piste frästen ­ und hob ab. Im 90-Grad-Winkel zur vorgesehenen Fahrtrichtung und mit Tempo 120 schoss er nach links auf den vier Meter entfernten Fangzaun zu.

Der besaß zwar eine Reißfestigkeit von 800 Kilogramm je zehn Quadratzentimeter, doch die messerscharfen Skikanten zerschnitten zuerst eine Werbeplane aus Kevlar und dann das dahinter gespannte Sicherheitsnetz.

  • 1. Teil: Unfallopfer Beltrametti als Nationalheld
  • 2. Teil


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