Gerdemann-Triumph "Doping war gestern! Jetzt ist Gelb!"

Der Sieg von Linus Gerdemann bei der ersten Bergetappe der Tour de France ist vielseitig verwendbar. Arbeitgeber T-Mobile interpretierte ihn flugs als Zeichen des erfolgreichen eigenen Antidoping-Programms, genervte Journalisten hoffen, dass sie endlich wieder über Sport berichten dürfen.
Von Jörg Schallenberg

Auf dieses Stichwort hat Christian Frommert nur gewartet. "Ist Linus Gerdemann schon der neue Jan Ullrich?", fragt ihn ein Reporter - da holt der T-Mobile-Sprecher kurz Luft, federt auf die Zehenspitzen, spannt den Körper an und schnarrt los wie ein Politiker nach der gewonnenen Landtagwahl: "Wir glauben, dass mit Linus Gerdemann eine junge Generation aus dem Schatten der alten Garde heraustritt. Gerdemann ist jemand, der unseren offensiven Antidopingkampf voll mitträgt, der seine eigenen Ideen einbringt und nach außen vertritt." Kurz gesagt: Gerdemann, gerade mal 24 Jahre alt, ist der perfekte Sieger. Nicht nur für das Team T-Mobile, übrigens.

Denn in seine heutige Triumphfahrt den Col de la Colombière hinauf und wieder runter ins Ziel nach Le Grand-Bornand lassen sich noch mehr wunderbare Dinge hineininterpretieren, als Frommert sich zurechtgelegt hatte. Denn mit Gerdemann hatte nicht nur ein mittlerweile offenbar unverdächtiger Fahrer aus einem mittlerweile offenbar unverdächtigen Team das offenbar immer noch in weiten Teilen dopingverseuchte Feld auf der ersten wichtigen Etappe der Tour abgehängt - nein, er hat auch gleich noch den deutschen Radsport gerettet und für den lang erhofften Stimmungsumschwung gesorgt.

So ließ sich zumindest die Reaktion nicht weniger deutscher Journalisten interpretieren, die neben dem Zielstrich der Ankunft des jungen deutschen Helden entgegenfieberten und auf den Bildschirmen im Presse-Unterstand jeden Meter gebannt verfolgten. "Doping war gestern! Jetzt ist Gelb!", rief einer aus, der die Tour de France seit vielen Jahren begleitet - und traf damit anscheinend genau den Gemütszustand der meisten Kollegen.

Nicht nur viele Zuschauer sind inzwischen von der medialen Konzentration auf das Überthema Doping genervt (wie die sinkenden Einschaltquoten bei ARD und ZDF sowie die rasant gestiegenen Zahlen beim komplett unkritischen Sender Eurosport belegen), sondern auch ein großer Teil der Journalisten.

Ein wenig erinnerte die Stimmung im Zielbereich von Le Grand-Bornand an das Spiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Polen bei der WM 2006. Damals löschte das Tor von Oliver Neuville alle Zweifel daran aus, was Klinsmanns Wundertütentruppe wirklich wert war, jetzt soll die zweifellos grandiose Fahrt von Gerdemann die Tour de France auch in Deutschland wieder zu dem machen, was sie mal war: zum Gegenstand rein sportlicher Berichterstattung und zu einem gigantischen Sportereignis, das ganz unschuldig die Begeisterung der Fans entfacht.

Es passte doch alles so schön für eine der klassischen Heldengeschichten: Fast auf den Tag genau zehn Jahre nach Jan Ullrichs historischem Sieg in Andorra fährt wieder ein junger deutscher Fahrer aus dem Team T-Mobile (ehemals: Team Telekom) ins Gelbe Trikot. Doch abgesehen davon, dass Gerdemann schnell klarstellte, dass er das "Maillot jaune" kaum wird verteidigen können, fangen an dieser Stelle der Saga schon die Probleme an. Ullrichs Erfolge sind längst zweifelhaft geworden, und auch Gerdemann, der das Weiße Trikot für den besten Nachwuchsfahrer durch seinen Sieg gleich mit ergatterte, ist kein Fahrer ohne Vergangenheit.

Er fuhr 2005 für das CSC-Team von Bjarne Riis, in dem nach den Aussagen von Jörg Jaksche gedopt wurde. Zudem arbeitete Gerdemann mit dem umstrittenen Arzt Luigi Cecchini zusammen und beendete diese Verbindung erst auf Druck von T-Mobile, als er 2006 zum Bonner Rennstall wechselte.

Nun verhält sich der 24-Jährige vorbildlich im Sinne seines neuen Arbeitgebers - auch in Interviews. "Es hat sich bereits sehr viel geändert. Nicht nur T-Mobile ist sauber, viele Teams vertrauen nicht mehr der alten Schule", erklärte Gerdemann beim obligatorischen Siegerinterview. Und: "Jetzt liegt es auch an den Medien, zu zeigen, dass der Radsport auf dem richtigen Weg ist." Doping war gestern?

Selbst T-Mobile-Teamchef Bob Stapleton, der vor der Tour heftig gegen vermeintlich ewiggestrige Konkurrenten austeilte, war restlos begeistert. "Das ist einfach gut für den Sport." Und dann holt er mit den Armen einmal weit aus, als wolle er das prächtige Alpenpanorama vor dem magentafarbenen Teambus umarmen und ruft: "See, how beautiful the Tour has become this year!" Sehen Sie doch, wie schön die Tour dieses Jahr geworden ist! Was das Gelbe Trikot angeht, war er auch viel optimistischer als Gerdemann selbst: "You got it. You keep it." Was ungefähr heißen sollte: jetzt haben wir's, und jetzt wollen wir es auch verteidigen.

Also gut: Gelb ist heute. Doping war gestern. Und wird natürlich morgen wieder sein.

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