Gerolsteiner-Teamchef Holczer "Endlich trifft es die Hintermänner"

Das Risiko für Doper, entdeckt zu werden, ist so hoch wie nie - sagt Hans-Michael Holczer. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview berichtet der Gerolsteiner-Chef von Fahrern, die sich über neue Kontrollen freuen, zweifelhaften Angeboten und einem Vorteil, auf den er freiwillig verzichtet.


SPIEGEL ONLINE: Sie haben gesagt, dass Sie für Ihre Fahrer nicht die Hand ins Feuer legen würden. Ist das nicht eine traurige Erkenntnis?

Holczer: Nein, das ist realistisch und glaubwürdig. Wenn ich mir hier hinstellen würde und sage, ich kann für jeden meiner Fahrer garantieren, wäre das Unfug. Ich kann es nicht endgültig kontrollieren. Ich habe das übrigens schon immer so gehalten, das hat selbst den Sponsor früher irritiert.

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SPIEGEL ONLINE: Bjarne Riis vom Team CSC ist davon überzeugt, dass alle seine Fahrer sauber sind, weil das interne Kontrollprogramm so gut ist.

Holczer: Ein sportlicher Leiter sollte das nicht sagen. Ich will aber niemanden kritisieren. Bei uns gibt es kein internes Kontrollprogramm, weil jeder Cent in ein übergeordnetes System besser investiert ist. Wir haben überhaupt kein Kontrollgerät dabei, obwohl wir vom sportwissenschaftlichen Standpunkt her eines dabei haben sollten.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Holczer: Wir haben 2006 sogar eins gekauft, weil unser Teamarzt sagt, bei einer Rundfahrt über drei Wochen kann ich an gewissen Werten den Erschöpfungszustand der Fahrer absehen. Dann kann er besser entscheiden, ob er - legal - eingreifen muss oder ob die Entzündungswerte so sind, dass er einen Fahrer rausnehmen muss. Das Ding steht bei unserem Arzt in der Klinik und wurde am Ende nie für das Team benutzt, weil wir zu der Erkenntnis gekommen sind, dass es auch anders eingesetzt werden könnte. Man kann mit einem solchen System Limits abtesten, man weiß, wie viel Luft noch irgendwohin ist. Wir wollen nicht mal in den Verdacht geraten.

SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie von den viel gerühmten Kontrollen in diesem Jahr bei der Tour de France?

Holczer: Sie wird als die Tour in Erinnerung bleiben, bei der Ernst gemacht wurde mit dem Anti-Doping-Kampf. Als Epo im Jahr 2000 erstmals ein Thema war, hat man lange vorher angekündigt, dass man darauf kontrollieren würde. Auch danach wussten die Fahrer oft rechtzeitig Bescheid, was entdeckt werden könnte. Das ist vorbei. Hier wusste kein Mensch vorher, dass auf die Epo-Variante Cera getestet werden würde, es gab nicht mal die üblichen Gerüchte. Ich habe von deren Existenz am Morgen des Riccò-Falls erfahren. Das ist eine Dimension des Risikos für potentielle Doper, die wir gebraucht haben.

SPIEGEL ONLINE: Wie reagieren Ihre Fahrer auf die verschärften Kontrollen?

Holczer: Es gab wirklich Erleichterung, als das mit den Cera-Tests bekannt wurde. Einer hat mir erzählt, er hätte beim Giro d'Italia was läuten hören, dass es da was gäbe, was nicht nachweisbar wäre. Das frustriert natürlich, wenn man weiß, andere nehmen das und man selbst ist ohnmächtig, man kann sich schinden und quälen und nur verlieren. Da ballt man dann schon mal vor Freude die Faust, wenn man hört, das Zeug wird doch entdeckt.

SPIEGEL ONLINE: Weil keiner mehr sicher sein kann, nicht erwischt zu werden?

Holczer: Weil es jetzt endlich die trifft, die hinter diesem System stecken, diejenigen, die solche Mittel empfehlen. Es muss ja Labors geben, die das Zeug vorher testen und sagen, nein, man kann das nicht nachweisen. Die Fahrer kommen doch nicht alleine auf die Idee, sich gerade dieses Medikament zu besorgen. Der Ruf dieser Hintermänner ist jetzt beschädigt, auf die kann man sich nicht mehr verlassen.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem bieten dubiose Institute weiter an, die Werte von Fahrern zu überprüfen - um den Kontrolleuren einen Schritt voraus zu sein.

Holczer: Ja, da gab es zuletzt die inzwischen bekannte E-Mail aus Spanien. Ich habe das in seiner Bedeutung erst gar nicht erkannt und habe das unserem Teamarzt weitergeleitet mit der Anmerkung: "Ich glaube nicht, dass wir das brauchen." Der hat das gleich begriffen und an Hans Geyer vom Zentrum für präventive Dopingforschung in Köln weitergeleitet. So ist die erst an die Öffentlichkeit gelangt. Es ist nicht das erste Mal, da gab es schon mal ein ähnliches Angebot. Wir geben so was an Leute wie Geyer oder an die Wada weiter.

SPIEGEL ONLINE: Wenn es bei der Tour drei positive Dopingfälle gab, scheint das trotzdem etwas wenig. Die französische Anti-Doping-Agentur AFLD sprach zunächst von 20 Fahren mit verdächtigen Werten.

Holczer: Fragt sich nur, wie man zählt. Ich will niemanden beschuldigen, aber das Saunier-Duval-Team ist komplett abgereist, …

SPIEGEL ONLINE: … und bei Barloworld die halbe Mannschaft vorzeitig ausgestiegen.

Holczer: Klar ist doch auch: So, wie die AFLD zu Anfang losgeschossen hat - das hat sicher manchen davon abgehalten, das abzuziehen, was er eigentlich vorhatte.

SPIEGEL ONLINE: Kam Ihnen entgegen, dass im Feld möglicherweise nicht mehr so viel mit unerlaubten Mitteln nachgeholfen wurde wie früher?

Holczer: Ich habe vor der Tour gesagt, dass unsere Chancen umso besser sind, je gleicher die Chancen verteilt sind. Wenn der Sebastian Lang früher so am Berg abgehauen wäre, dann hätte ihn Euskaltel oder wer anders zugefahren, dass ihm Hören und Sehen vergangen wäre und er am Ende des Feldes im Gruppetto wieder aufgewacht wäre.

SPIEGEL ONLINE: Bald geht vielleicht gar nichts mehr. Trotz Ihrer spektakulären Erfolge hier haben Sie noch keinen neuen Sponsor, oder?

Holczer: Es gibt neue Interessenten. Fakt ist aber: Wenn wir bis zum 1. September keinen neuen Vertrag unterschrieben haben, fällt die Mannschaft auseinander.

Das Interview führte Jörg Schallenberg



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