Geschlechtstest bei Leichtathletik-WM XY ungelöst

Im Finale der Frauen über 800 Meter holte sie Gold - doch sie wirkt auf Beobachter wie ein Mann: Experten untersuchen, ob Caster Semenya in Wahrheit männlichen Geschlechts ist. Eine heikle Aufgabe, denn Diskriminierung und ein möglicher Gendefekt können nah beieinander liegen.

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Von Jan Reschke


Als die Südafrikanerin Caster Semenya nach ihrem Sieg über 800 Meter der Frauen mit ausgebreiteten Armen ihre Landesflagge durch das Stadion trägt, wird das ganze Ausmaß ihres muskulösen Körpers sichtbar. Der Bauch: ein perfekt durchtrainierter Sixpack. Die Arme: optimale Anschauungsobjekte für ein Anatomieseminar. Die Brust: flach. Die einzigen Wölbungen stammen von ihrer Brustmuskulatur. Ein Körper, der Blicke auf sich zieht. Weil er männlich wirkt.

Als die 18-jährige Semenya bei der Leichtathletik-WM in Berlin eintraf, gab es erste Spekulationen. Zunächst unter den anwesenden Athleten. In den Aufenthaltsbereichen, an der Warm-up-Strecke. Ungläubige Blicke, Getuschel, Neid. Eigentlich könnte Caster Semenya stolz auf ihren durchtrainierten Körper sein. Vielleicht ist sie das auch. Doch ihr Körper wirft Fragen auf.

Fragen, ob dies der Körper einer Frau sein kann. Oder ob Semenya vielleicht ein Mann im Körper einer Frau ist. Auch beim Leichtathletik-Weltverband IAAF gibt es schon länger Zweifel. Daher wurde die Geschlechtsüberprüfung schon vor ihrer Ankunft in Berlin in Südafrika begonnen. "Wir haben keine Beweise, um ihr einen Start nicht zu erlauben", sagte IAAF-Sprecher Nick Davies. "Wir warten auf das Ergebnis der Untersuchung. Es wäre falsch, sie nicht laufen zu lassen." Ein Gynäkologe, ein Internist, ein Endokrinologe, ein Geschlechterexperte und ein Psychiater sind beteiligt, um ihr Geschlecht zu klären. Es sei ein extrem schwieriger Komplex, sagte Davies.

Aus dem Nichts an die Weltspitze

Der südafrikanische Leichtathletik-Verband ließ mitteilen, dass es keinen Grund für den Verdacht gebe, Semenya sei ein Mann. Ihr Trainer sagt, dass er die Aufregung kenne. Er entsinnt sich, dass Semenya erst kürzlich an einer Tankstelle in Cape Town der Zugang zur Damentoilette verweigert worden sei. Und erklärt dann, Caster habe nur gelacht und gefragt, ob sie ihre Hose runterziehen solle, um zu zeigen, dass sie eine Frau sei.

Semenya wurde am 7. Januar 1991 in Ga-Masehlong, einem Dorf in der Nähe der Stadt Polokwane geboren. Momentan studiert sie in ihrem ersten Jahr Sportwissenschaften an der Pretoria University. Ende Juli war sie aus dem sportlichen Nichts an die Weltspitze vorgestoßen, lief im letzten Monat bei den African Junior Championships in Mauritius ihre persönliche Bestzeit - acht Sekunden besser, als noch im Jahr zuvor - und holte jetzt bei der Leichtathletik-WM die Goldmedaille. In der Jahres-Weltbestzeit von 1:55,45 Minuten vor Kenias Titelverteidigerin Janeth Jepkosgei (1:57,90) und der Britin Jennifer Meadows (1:57,93).

Nicht mit einem Dopingvergehen vergleichbar

Die Fünfte, Maria Savinowa, äußerte anschließend Zweifel am Geschlecht der Siegerin, und die Italienerin Elisa Piccione, die Sechste wurde, sagte: "Für mich ist sie keine Frau." Semenya unterbot bereits in diesem Jahr ihre persönliche Bestzeit um vier Sekunden und lieferte damit die schnellste Zeit sowohl für den Junioren- als auch den Seniorenbereich. Nun könnte es passieren, dass sie ihr Gold wieder abgegeben muss.

Er könne auch noch nicht sagen, was passieren würde, wenn sich im Nachhinein herausstellen sollte, dass Semenya unwissentlich ein Mann sei, sagte Davies. "Das ist nicht mit einem Dopingvergehen vergleichbar, es gibt da keine vorgeplanten Schritte. Wir gehen diskret und sensibel mit dem Fall um. Es handelt sich um ein medizinisches Thema."

"Sie ist eine Frau", erklärt Molatelo Malehopo, der Generaldirektor der südafrikanischen Athleten. "Wir sind absolut sicher und wir hätten sie nicht in einen Wettbewerb für Frauen geschickt, wenn wir irgendwelche Zweifel gehabt hätten." Tests wurden allerdings keine vorgenommen. "Wir planen auch keine", sagte Malehopo.

In Südafrika herrscht Unmut über den Geschlechtstest. Im Rundfunk wurde er kontrovers diskutiert. Sowohl die Familie als auch die Freunde der Athletin waren sich einig: Semenya habe zwar schon immer recht männlich ausgesehen - doch das mache sie noch lange nicht zum Mann.

In der Vergangenheit gab es im Spitzensport wiederholt Fälle, bei denen Tests zeigten, dass Männer unwissentlich als Frauen an den Start gegangen waren. Die als Polin geborene Amerikanerin Stella Walsh holte im Jahr 1932 in Los Angeles über 100 Meter Olympiagold und vier Jahre später in Berlin Silber. Als sie 1980 bei einem Überfall erschossen wurde, stellte sich heraus, dass Walsh männliche Geschlechtsorgane hatte.

Selbstmordversuch nach Geschlechtstest

Bei den Asienspielen 2006 in Doha musste die indische Leichtathletin Santhi Soundarajan ihre 800-Meter-Silbermedaille wieder abgeben, nachdem bei einem Geschlechtstest herausgekommen war, dass sie von der Chromosomen-Konstellation her männlich ist. Anschließend versuchte Soundarajan, sich das Leben zu nehmen.

Normalerweise weisen Frauen zwei X-Chromosomen in ihren Zellen auf, Männer ein X- und ein Y-Chromosom. Manche mit einem Y-Chromosom geborenen Menschen entwickeln alle körperlich charakteristischen Merkmale einer Frau - ausgenommen der inneren Sexual-Organe.

Sie leiden unter dem Androgen-Insuffizienz-Syndrom (AIS). Diese Frauen sind XY, allerdings kein Mann, weil ihr Körper nicht auf das produzierte Testosteron reagiert. Deshalb dürfen sie auch bei den Frauen starten. Sieben der acht Frauen, die 1996 bei Olympia in Atlanta positiv auf Y-Chromosomen getestet wurden, hatten AIS und durften teilnehmen.

Da es sich um eine genetische Frage handelt, geht die IAAF sehr vorsichtig mit dem Fall um. "Wir haben den Aspekt der Diskriminierung zu beachten", sagte IAAF-Councilmitglied Helmut Digel. "Es stehen aber bei Jugend- und Junioren-Weltmeisterschaften Vermutungen im Raum, dass Manipulation in dieser Richtung staatlicherseits begünstigt werden." Dies passiere besonders in Entwicklungsländern. Digel sagt aber: "Wir müssen uns an die Regeln halten und auch den Athleten schützen. Die Ergebnisse der genetischen Untersuchung sollen innerhalb einer Woche vorliegen."

Dann wird auch Semanya wissen, ob sie eine Frau oder ein Mann ist.

Mit Material von sid und dpa

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