Sprint-Silber für Lückenkemper Gina Darling

100-Meter-Läuferin Gina Lückenkemper sorgt bei der Leichtathletik-EM für den ersten Höhepunkt aus deutscher Sicht. Ihr Silber ist dabei mehr als eine Medaille. Die Sprinterin ist auf einer Mission.
Berlino und Gina Lückenkemper

Berlino und Gina Lückenkemper

Foto: Matthias Hangst/ Getty Images

Gina Lückenkemper mag noch so schnell laufen, Berlino kann sie nicht entkommen. Das Maskottchen im Olympiastadion ist zwar seit der WM 2009 etwas in die Jahre gekommen, aber Lückenkemper schließt er nach ihrem famosen 100-Meter-Lauf dann doch umgehend in die Arme. Eigentlich hätte Berlino sich um die Europameisterin Dina Asher-Smith aus Großbritannien kümmern sollen, aber er kuschelte dann doch lieber mit der Silbermedaillengewinnerin Lückenkemper.

Seit seinem Rendezvous mit Usain Bolt auf der Laufbahn bei der WM vor fast zehn Jahren hat das Maskottchen einen untrüglichen Instinkt für die Siegertypen der Leichtathletik entwickelt - und Lückenkemper ist so ein Siegertyp.

Silbermedaille über 100 Meter, zweimal an einem Tag unter elf Sekunden gelaufen, 10,98 Sekunden sowohl im Halbfinale als auch im Endlauf - so konstant, so schnell war als deutsche Sprinterin zuletzt Katrin Krabbe, Anfang der Neunzigerjahre. Und darüber, wie Krabbes Zeiten zustande gekommen sind, redet man beim Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) heute nicht mehr so gerne. Stichwort: Clenbuterol.

"Das neue Gesicht der Leichtathletik"

Tatsächlich ist Lückenkemper eine Art Anti-Krabbe. Krabbe war vor allem cool, Lückenkemper ist eine Strahlefrau. Wenn der Begriff Everybody's Darling nicht längst bekannt wäre, wäre er für sie erfunden worden. Die 21-Jährige wird ein "Geschenk für die Leichtathletik" genannt, die Anderen nennen sie "das neue Gesicht der Leichtathletik". Sie hat jetzt schon viel mehr zu tun, als nur die 100 Meter zu laufen. Man hat manchmal das Gefühl, sie muss eine ganze Sportart retten.

Am Dienstagabend im Olympiastadion machte sie das schon mal ganz gut. "Ich habe jede Sekunde genossen", sagte sie anschließend, halb in Tränen aufgelöst, halb alles in Grund und Boden lächelnd: "Die Tränen kommen wegen dieser ganzen herrlichen Atmosphäre." Schon nach dem Halbfinale hatte sie angekündigt: "Heute Abend wird Berlin gerockt." Das setzte sie im Endlauf um.

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Möglicherweise wäre sogar noch mehr drin gewesen, aber auch im Finale kam Lückenkemper wieder spät aus den Blöcken. Ihre Reaktionszeit nach dem Startschuss, das ist noch ihr Defizit. Sie hat mit allen Mitteln daran gearbeitet. Aber auch in Berlin war die Konkurrenz bereits auf den ersten Metern enteilt, Lückenkemper muss stets die Lücke zulaufen, gegen die großrahmigere und elegantere Titelverteidigerin Dafne Schippers aus den Niederlanden gelang ihr das noch, Asher-Smith jedoch war schon zu weit weg, für die Britin standen am Ende imposante 10,85 Sekunden auf der Uhr.

Sie betreibt Werbung für ihre Sportart

Lückenkemper hier, Lückenkemper da, die Sprinterin war schon seit der EM-Vorbereitung allgegenwärtig, sie "hat einen medialen Marathon absolviert", kommentierte das ZDF. Tatsächlich ist sich die Sprinterin bewusst, dass sie in der Öffentlichkeit mit ihrer Art extrem gut ankommt. Reden kann sie einfach. Und sie nutzt das, um bei jeder Gelegenheit Werbung für die Leichtathletik zu machen. Es ist eine Mission, auf der sie sich befindet.

Als DLV-Präsident Jürgen Kessing in der Vorwoche gefragt wurde, wer denn Nachfolger des Leichtathletik-Botschafters Robert Harting, der am Mittwoch seinen EM-Abschied feiert, werden könnte, deutete er wortlos auf die neben ihm sitzende Lückenkemper. Als das Resultat nach dem Rennen am Dienstag auf der Anzeigetafel aufleuchtete, gab es für die Tränen kein Halten mehr. Der gesamte Druck aus den Vorwochen, er entlud sich in diesem Moment.

Gina Lückenkemper kommt aus dem Kreis Soest, das ist normalerweise schwere westfälische Bauern-Scholle, eigentlich kein Nährboden für Kodderschnauzen. Das ist wohl auch der Grund, warum sie in den Medien allzu gerne und allzu falsch zum Ruhrgebietskind ernannt wird. Vermutlich auch, weil sie noch öfter und ausdauernder "geil" sagt, variiert als "megageil" oder "saugeil", als der Ruhrpott-Kommissar Schimanski einst "Scheiße".

Lückenkempers Silberlauf war auch deshalb so wichtig, weil er die ansonsten eher nüchterne Bilanz des DLV vom ersten Wettkampftag erhellte. Auf der 10.000-Meter-Strecke war Mitfavorit Richard Ringer entnervt nach der Hälfte der Distanz ausgestiegen, die Diskus-Riesen Christoph Harting und Daniel Jasinski waren in der Qualifikation zu Liliputanern geschrumpft, und auch das avisierte Ziel von Kugelstoßer David Storl, zum vierten mal nacheinander Europameister zu werden, war verfehlt worden. Storl rettete Bronze, immerhin. Lückenkempers Lauf überstrahlte all das. Überstrahlen, das ist eine ihrer Kernkompetenzen.

Zwei EM-Medaillen, das war im Vorfeld das klar ausgesprochene selbstbewusst formulierte Ziel der Sprinterin. Zum Abschluss der EM soll in der Staffel am Sonntag die zweite Medaille folgen. "Dann werden wieder Tränen fließen, aber das ist mir ganz egal", sagt Lückenkemper. Noch eine Medaille, noch eine Party, noch ein Tänzchen mit Berlino. Das wäre aus ihrer Sicht natürlich saugeil.

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