Giro-Etappensieger Ackermann Im Sprint an die Spitze

Pascal Ackermann hat die ersten Tage des Giro d'Italia geprägt - obwohl er noch nie zuvor eine große Rundfahrt absolviert hat. Der Sprintspezialist soll das neue Gesicht des deutschen Radsports werden.

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In Frascati dreht sich alles um Wein. Der strohgelbe Frascati Bianco geht vom römischen Umland aus in die Welt hinaus, Wein wird hier auf den Hügeln des Latium seit mehr als 500 Jahren angebaut. Kein schwerer, kein anstrengender, sondern ein allseits beliebter Wein, einer, den man zu vielem trinken kann.

Pascal Ackermann hätte Anlass, sich dieser Tage ein Gläschen zu gönnen, ein kleines natürlich nur, schließlich ist er Vollprofi und derzeit mittendrin in seiner bisher größten Herausforderung. Der Deutsche trägt nach der vierten Etappe des Giro d'Italia in Frascati das lila-rote Trikot des Sprintbesten, er hat zuvor bei seiner ersten großen Rundfahrt gleich eine Etappe gewonnen, der 25-Jährige gilt zudem im Feld als angenehmer und unkomplizierter Kerl. Man könnte Pascal Ackermann mit einem Frascati vergleichen.

"Ich will mindestens eine Etappe gewinnen", hatte der 25-Jährige schon vor dem Start selbstbewusst formuliert. Das Ziel kann er jetzt schon abhaken, nachdem die Rundfahrt eigentlich gerade erst begonnen hat und erst ein paar Hundert der 3578 Kilometer durch Italien abgestrampelt sind. Am Mittwoch auf der Strecke von Frascati nach Terracina steht wieder ein langes Flachstück vor dem Ziel auf dem Programm. Wieder eine ideale Voraussetzung für Ackermann und sein Team anzugreifen.

"Shootingstar des Radsports"

Ackermann ist ein Sprinter, und das passt gut zu seinem Karriereverlauf. Vor einem Jahr kannte ihn außerhalb des inneren Kreises fast noch niemand, jetzt schaut die internationale Radöffentlichkeit auf ihn. Beim Giro Etappen zu gewinnen, bei der Tour de France oder bei der Vuelta in Spanien, davon träumt jeder, der Radprofi werden will.

Ackermann hat darüber hinaus schon seinen ersten Frühjahrsklassiker für sich entschieden, beim 1. Mai-Rennen Eschborn-Frankfurt, immer noch das bedeutendste Ein-Tages-Rennen in Deutschland, war er auf der Zielgeraden nicht zu schlagen. Aktueller Deutscher Meister ist er auch. Plötzlich ist Pascal Ackermann die deutsche Radsporthoffnung, die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" nennt ihn den "Shootingstar des Radsports", eine Karriere im Sprinttempo.

Ackermann kommt aus der Pfalz, auch dort kennen sie sich mit Wein gut aus, dort ist aber auch der Radsport verankert. Ackermanns Großeltern, Ackermanns Eltern, sie alle sind schon Rennen gefahren, aus der Region kommt mit Udo Bölts einer von denen, die die große Zeit des Radsport-Booms geprägt haben. Und die gleichzeitig als Mitglied des berühmt-berüchtigten Teams Telekom um Jan Ullrich auch für den Absturz des Sports stehen.

Im Heimatdorf ist ein Weg nach ihm benannt

Der Radsport erholt sich nur langsam, erst am Dienstag wurde eine Meldung bekannt, in der Italiens ehemaliger Sprint-Superstar Alessandro Petacchi in die Nähe des Erfurter Dopingnetzwerkes gerückt wurde. Petacchi hat jede Verwicklung zurückgewiesen, aber das Misstrauen gegen diese Art von Dementi ist über die Jahre gewachsen.

Ackermann soll eines der Gesichter des neuen Radsports sein, so wie seine Kollegen des 94er-Jahrganges Maximilian Schachmann oder Nils Politt, die dabei sind, sich in die erste Reihe des Radsports zu schieben. Früher hätten deutsche Etappensiege beim Giro oder bei der Tour einen Hype ausgelöst, das scheint nach all dem, was im Radsport vorgefallen ist, nicht mehr möglich. Was Ackermann und Co. eher gefällt, er sagt selbst, er stehe "lieber im Hintergrund", er brauche "diese ganze Aufmerksamkeit gar nicht", wie er dem "Kölner Stadtanzeiger" im Interview sagte. Dass in seinem pfälzischen Heimatdorf Minfeld ein Weg nach ihm benannt wurde, ist ihm schon Ruhm genug.

In den Vorjahren hatten Marcel Kittel und André Greipel mit ihren Sprinterfolgen den deutschen Radsport hochgehalten. Kittel hat sich nach einem vollständig misslungenen Rennjahr erst einmal zurückgezogen, Greipel ist in die Jahre gekommen, Ackermann ist mit seinen 25 dagegen noch nicht einmal im besten Radsportalter. Er sagt: "Ich sehe noch viel Potenzial bei mir." Da weiß einer, was er kann.

Sagan als Lehrmeister im eigenen Team

Mit den Ansprüchen Ackermanns sind die Ambitionen seines deutschen Teams Bora-hansgrohe mitgewachsen. Teamchef Ralph Denk hatte immer schon große Ziele, nicht umsonst hat er mit Peter Sagan eine Berühmtheit des Radsports eingekauft, drei Mal nacheinander ist er Weltmeister geworden. Der 29-jährige Slowake ist ein Weltstar, die Sponsoren stehen bei ihm Schlange, einer, der nicht nur sportlich ganz oben mitspielt, sondern auch ein perfekter Werbeträger ist. Und ein perfekter Lehrmeister für Ackermann.

Von Sagan kann er sich abgucken, wie man sich vom Topsprinter zu einem Allrounder entwickelt, der in der Lage ist, jeden Frühjahrsklassiker zu gewinnen. Im Moment ist Ackermanns Ziel noch, die Berge des Giro, die in der letzten Woche der Rundfahrt warten, zu überstehen und am 2. Juni im Ziel in Verona anzukommen. Sein Sieg in Frankfurt bei welligem Gelände hat allerdings auch schon gezeigt, dass er nicht nur der Mann fürs Flache ist. Ackermann sagt selbst: "Ich komme die Berge gut hoch." Ab der nächsten Woche kann er das beweisen.

Sein großes Ziel, so sagt er, sei es, irgendwann Weltmeister zu werden. So wie Peter Sagan es ihm vorgemacht hat. Ackermann hat noch Zeit zu reifen. Wie ein guter Wein.



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