Godefroot-Interview "Ullrich ist unser einziger Spitzenfahrer"

Der Name Walter Godefroot ist mit den großen deutschen Radsport-Erfolgen der jüngsten Vergangenheit eng verknüpft. Vor 14 Jahren gründete er das Team Telekom, das heute T-Mobile heißt. Vor der letzten Saison als Chef spricht der Belgier über seinen Nachfolger, die Tour-Ambitionen Armstrongs und den Top-Mann bei T-Mobile.

Frage:

Herr Godefroot, zum letzten Mal gehen Sie mit T-Mobile in die Vorbereitung auf das Radsport-Jahr. Ende der Saison wollen Sie als Teamchef aus dem Amt scheiden. Überkommt Sie bereits Wehmut?

Godefroot: Überhaupt nicht. Ich habe ein Jahr über diesen Schritt nachgedacht. Für mich ist das ein logischer Weg, wenn das 60. Lebensjahr vorbeigeht. Da macht man sich Gedanken. Mein Vater, der 90 Jahre alt ist, erkrankte im Frühjahr an Alzheimer, meine Mutter ist gestorben. Es sind viele Sachen, die zu meinem Entschluss geführt haben, private und sportliche. Auf die Entscheidung hatte auch meine Frau Einfluss, die gesagt hat: 40 Jahre im Radsport sind nun genug.

Frage: Können Sie denn überhaupt ohne den Radsport leben?

Godefroot: Ich habe nie gesagt, dass ich die Nase voll habe. Der Radsport wird immer ein Teil meines Lebens bleiben. Die Verantwortung für ein ganzes Team wollte ich aber nicht mehr tragen. In diesem Winter habe ich mir zum ersten Mal richtig Zeit genommen, bin auch mal mit der Enkelin spazieren gegangen. Das macht auch Spaß.

Frage: Als Ihren Nachfolger haben Sie Olaf Ludwig auserkoren. Was hat den Ausschlag gegeben?

Godefroot: Ich habe mich gefragt: Wer kommt überhaupt in Betracht? Wer kennt das Unternehmen? Und wer schafft diesen Job? So war Olaf Ludwig der logische Name.

Frage: 14 Jahre stehen Sie bereits an der Spitze des Teams. Was war rückblickend Ihr schönster Moment?

Godefroot: Schöne Erinnerungen gibt es viele - der erste Tour-Etappensieg durch Olaf Ludwig, der Gesamtsieg von Bjarne Riis, die vielen Erfolge von Erik Zabel und natürlich auch der Toursieg von Jan.

Frage: War Jan Ullrichs Krisenjahr 2002 mit der Alkoholfahrt und der Sperre wegen Drogenkonsums Ihr schwierigster Moment?

Godefroot: Nein. Wer begeht denn in seiner Jugend keine Sünden? Damit konnte ich leben. Nein, schwieriger war die Nicht-Nominierung des Teams für die Tour de France 1995. Wir waren damals so gut unterwegs. Das kam sehr überraschend. Da stand unsere Existenz auf dem Spiel. Es war fraglich, ob es weitergeht oder nicht.

Frage: Vor dieser Saison hat es einige personelle Veränderungen gegeben. Paolo Savoldelli, Santiago Botero und Cadel Evans haben sich beispielsweise verabschiedet, dafür kam Bergspezialist Oscar Sevilla. Wie stark ist Ihr Team im Vergleich zum Vorjahr?

Godefroot: Ich denke, wir sind in etwa gleich stark besetzt. Die drei namhaften Fahrer, die gegangen sind, haben nicht ihre Leistung gebracht, unter anderem auch wegen Verletzungspech. Deshalb ist ihr Abgang kein Verlust. Sevilla haben wir als engagierten Helfer dazu geholt. Er wird seine Sache gut machen.

Frage: Jan Ullrich, Andreas Klöden und Alexander Winokurow sind alles Fahrer mit Chancen auf den Toursieg. Wie schwierig ist es, drei Top-Fahrer unter einen Hut zu bringen?

Godefroot: Das hat in der Vergangenheit auch geklappt, man denke an Riis/Ullrich. Aber im Grunde haben wir vom Talent her nur einen Spitzenfahrer, und das ist Jan. Winokurow und Klöden sind Freunde von Jan. Die wissen, dass Jan körperlich mehr Kapazitäten hat. Wenn Jan optimal in Form ist, haben sie kein Problem damit, wenn sie zurückstehen müssen. Es kann passieren, dass Klöden als Tour-Zweiter wieder in die Helferrolle rückt. Aber ich glaube nicht, dass das Probleme gibt.

Frage: Im letzten Jahr war Jan nicht in Form. Was muss er anders machen?

Godefroot: Er war letztes Jahr krank, was soll man da anders machen? Wichtig ist, dass er hart trainiert und gesund bleibt. Er muss sehen, dass er in optimaler Form an den Start geht. Mehr kann ich nicht erwarten.

Frage: Es wird viel darüber diskutiert, ob Lance Armstrong an der Tour teilnimmt. Was glauben Sie?

Godefroot: Armstrong ist super-professionell. Er kennt genau seine Kapazitäten, seine Möglichkeiten. Er hat die Saison anders eingeteilt, will nun die Frühjahrsklassiker. Wegen des neuen Sponsors muss Lance die Tour nicht noch einmal gewinnen. Aber ich denke, er will sie noch einmal gewinnen. Wir wissen, wie intelligent er ist. Er wird genau abwägen: Wie stark ist die Konkurrenz? Wie ist meine eigene Form? Will ich die Tour noch einmal fahren mit dem ganzen Stress in den drei Wochen? Und Ende Mai wird er sich dann wohl entscheiden.

Frage: Ist ein Tour-Sieg in Abwesenheit von Lance Armstrong weniger wert?

Godefroot: Nein überhaupt nicht. Ein Toursieger ist ein Toursieger.

Frage: Muss Erik Zabel um seine Tour-Teilnahme fürchten?

Godefroot: Es ist zu früh, bereits über die Nominierungen zu reden. Erik wird weiter seinen Weg gehen. Wir wissen, was wir an ihm haben.

Frage: Ende Januar startet die Saison. Mit welchen Wünschen gehen Sie in Ihr letztes Jahr als Teamchef?

Godefroot: Ein Klassiker-Sieg und natürlich der Tour-Sieg.

Das Interview führte Stefan Tabeling, sid

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