Gold im Triathlon "Frodo, geile Sache!"

Aus dem Schatten auf das Siegerpodest: Mit dem Deutschen Jan Frodeno als Sieger im olympischen Triathlon hatte niemand gerechnet. Top-Favorit Whitfield aus Kanada war im Zielsprint chancenlos, Konkurrent Unger im eigenen Team gratulierte begeistert.
Von Susanne Rohlfing

Diese Siegerehrung ist keiner der akkuraten Aufmärsche, wie ihn die Chinesen so gern mögen. Allenfalls die chinesischen Begleiterinnen, die in ihren engen pinkfarbenen Kostümen zum Podest trippeln, passen in das gewohnte Bild - doch dann wanken drei ausgelaugte Männer im Zeitlupentempo heran, die gerade noch die Kraft zum Winken finden. Der Lange in der Mitte strahlt allerdings trotz totaler Erschöpfung übers ganze Gesicht. Ununterbrochen.

Das ist Jan Frodeno, Triathlet aus Saarbrücken und seit knapp einer halben Stunde Olympiasieger. Für einen kurzen Moment schafft es der 27-Jährige dann doch noch, sich mit der perfekten Olympia-Inszenierung zu synchronisieren: Zum Tusch für den Sieger springt er mit einem großen Satz auf das oberste Treppchen. Später wird er sagen: "In diesen 90 Sekunden der Hymne läuft dein ganzes Leben an dir vorbei."

Sein altes Dasein zumindest, wie Frodeno eine Stunde nach dem Rennen zugibt: "Ich habe bisher noch nicht weiter als bis vor einer Stunde gedacht, da hat meine Lebensplanung aufgehört." Und jetzt steckt er schon mitten drin in seinem zweiten Leben, das damit begann, dass er nach 1:48:53,28 Stunden als Erster des olympischen Triathlons von Peking die Ziellinie überquerte. Er, der große Unbekannte.

Nicht Daniel Unger, der Weltmeister von 2007, der Sechster wurde mit einer Zeit von 1:49:43,78 und Frodeno im Ziel herzte, als hätte er selbst gewonnen. Nicht Simon Whitfield aus Kanada, der Olympiasieger von Sydney, der in 1:48:58,47 auf Rang zwei landete. Nicht der Neuseeländer Bevan Docherty, Olympiazweiter von Athen, der in 1:49:05,59 Dritter wurde. Frodeno rannte am Tag nach seinem 27. Geburtstag den Großen der Triathlon-Welt einfach davon.

"Ich habe versucht, nicht daran zu denken, dass die Jungs neben oder knapp hinter mir die schnellsten der Welt sind", erzählt Frodeno, als er wieder bei Kräften ist. Das Schwimmen über die olympische Distanz von 1,5 Kilometer und Radfahren über 40 Kilometer im und am malerischen Ming-Tombs-Reservoir im Norden Pekings hatte er unauffällig im Kreis der Favoriten zurückgelegt. Dann ging es auf die zehn Kilometer lange Laufstrecke. Bei 84 Prozent Luftfeuchtigkeit und weit über 30 Grad in der Sonne.

In der zweiten Runde fielen sowohl Unger als auch Frodeno zurück. In den gut eindreiviertel Stunden, die so ein olympischer Triathlon dauert, habe man viel Zeit für Höhen und Tiefen, sagt Frodeno: "Das ist ein psychologisches Spiel." Pokern im Kopf, während die Beine rennen. Und Frodeno setzte diesmal auf die richtige Karte. "Wenn man einmal bei Hitze überzieht, erholt sich der Körper einfach nicht mehr", beschreibt er seine Strategie: "Deshalb wusste ich, dass ich mich zurückhalten musste und bin die Attacke in der zweiten Runde nicht mitgegangen."

Dafür aber die auf den letzten Metern. Er war wieder an die Spitzengruppe herangelaufen, vier Athleten stürmten nun dem Ziel entgegen. Dicht an dicht, eine Weile noch traute sich niemand, richtig Gas zu geben. Whitfield lag auf der Zielgeraden schließlich knapp vor Frodeno und blickte sich um. Immer wieder. Dann ließ der Deutsche die hochdekorierten Helden einfach stehen. Whitfield, Docherty und den spanischen Weltmeister Javier Gomez. "Frodo", wie ihn seine Kollegen nennen, rechnet vor: 1100 Kilometer im Wasser, 12.500 auf dem Rad und 4.400 beim Lauf hat er in diesem Jahr bereits zurückgelegt. Jetzt zahlten sich all die Mühen aus.

Als er zehn Jahre alt war, wanderte der gebürtige Kölner mit seinen Eltern nach Südafrika aus. Er ging dort zu Schule, begann mit Wellenreiten und Schwimmen. Radfahren und Laufen kamen hinzu. Als 19-Jähriger absolvierte er seinen ersten Triathlon. 2004 entschied er sich dann, nach Deutschland zurückzukehren und Profi zu werden. Er lebt drei Kilometer vom Olympiastützpunkt Saarbrücken entfernt in einer WG, gemeinsam mit Kollegin Anja Dittmer und dem neuseeländischen Spitzen-Triathleten Kris Gemmell. In den letzten zwei Monaten vor den Spielen sei er allerdings in ein Zimmer direkt am Stützpunkt gezogen, erzählt Frodeno. "Ich habe mir eine Matratze auf den Boden gelegt, die olympische Fahne an die Wand gehängt und mich zwei Monate von Reis und Wasser ernährt." Er spricht gern in Bildern.

Sein Teamkonkurrent Unger, der nach zuletzt zwei Weltcupsiegen und dem Triumph bei der WM vor einem Jahr zum engeren Favoritenkreis für den Olympiasieg gehörte, war direkt nach dem Zieleinlauf noch tapfer. "Frodo, geile Sache", gratulierte er. Später lehnte der 30-Jährige bekümmert in einer Ecke. Frodenos Trainer Roland Knoll kümmerte sich um Unger, sein eigener Athlet hatte in diesem Moment keinen Zuspruch nötig.

"Du hast dir nichts vorzuwerfen, du hast alles gegeben", sagte Knoll. Daniel Unger und er seien "absolut super Kumpels", berichtet später Frodeno. "Wir trainieren viel zusammen, ich habe ihm viel zu verdanken." Für Olympia seien sie aber getrennte Weg gegangen. Für Frodeno war es wohl zu dunkel geworden neben dem deutschen Triathleten Nummer eins. "Der Schatten von Daniel wurde immer größer, ich bin bald mit Grubenlampe rumgelaufen", scherzt er.

Die kann er jetzt ausknipsen. Im grellen Scheinwerferlicht, das ihn in den kommenden Tagen umgeben wird. Frodeno ist nun derjenige, der den Schatten wirft.

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