Golf im Fernsehen Ideale Einschlafhilfe

Golf ist eine tolle Sache. Sagen Golfer. Die meisten finden es nicht sehr spannend, kleine weiße Kugeln über den Rasen zu jagen. Noch schlimmer sind nur Golfübertragungen im Fernsehen. Welch Ignoranz! Denn diese Sendungen haben sogar therapeutischen Wert.
Von Stefan Maiwald

Ich habe eine Menge sehr eigenartiger Lieblingsbeschäftigungen. Mein zweitgrößter Spleen ist dieser: Ich mache Listen von Dingen, die ich schon längst erledigt habe, nur um sie schwungvoll abhaken zu können. Mein größter Spleen kommt hier: Ich schaue gern Golf im Fernsehen. Nichtgolfer halten schon Golf selbst für öde. Golf im Fernsehen, finden Laien, sei Langeweile in Potenz. Auch meine Frau glaubt, ich sei nicht mehr ganz normal.

Golfkönner: Sandige und anstrengende Angelegenheit

Golfkönner: Sandige und anstrengende Angelegenheit

Foto: REUTERS

Doch wenn in Deutschland Golf im Fernsehen übertragen wird, sind es immer bayerisch sprechende Menschen mit tiefen Stimmen, die da moderieren. Das hat etwas Hypnotisierendes, Entspannendes. Wenn einer sich zum Putt bereit macht, dann flüstern sie, weil sie den Spieler nicht stören wollen, obwohl sie 11.000 Kilometer entfernt in einem abgedunkelten Studio in München-Unterföhring sitzen.

Ich mag das, denn Höflichkeit ist eine unterbewertete Charaktereigenschaft. Dazu kommt dieser in Grasgrün und Himmelblau getauchte Bildschirm, der ähnlich entspannend wirkt wie ein abgefilmtes Aquarium, das ein Privatsender einmal als Testbild laufen ließ.

Wegen der Zeitverschiebung (fast alle großen Turniere finden in den USA statt) kommt Golf in Deutschland zumeist von 22 bis 24 Uhr, eine ideale Zeit, um sich wohlig auf dem Sofa auszubreiten, ein Bier oder etwas Schokolade in Griffweite zu haben und dann sanft dahinzuschlummern.

Ja, Golf ist eine ideale Einschlafhilfe. Zumal das deutsche Fernsehen in den US-Werbepausen (die etwa die Hälfte des Programms ausmachen) die Spots nicht mitüberträgt, sondern stattdessen friedliche Kameraschwenks über den spielerlosen Platz zeigt, oder herangezoomte Details wie einen Blütenkelch, der sich im Wind bewegt.

Das ist manchmal lustig, weil der Moderator sich verpflichtet fühlt, etwas über die Pflanze zu sagen, die da träge und minutenlang durchs Bild schaukelt, aber wer weiß denn heute noch, wie eine Eisentrompete aussieht, ein Roseneibisch oder eine Knollenbegonie? Ich nicht, und der Moderator auch nicht.

Hypnotisiert durch die Bilder und das rollende R des Moderators (seit Carolin Reiber steht das rollende R für eine bessere, reinere Welt), schlafe ich dann ein und, so versichert mir meine Frau, sehe dabei aus wie die Karikatur eines Schlafenden, weil mein Kopf weit hinten über der Sofalehne baumelt und mein Mund offen steht wie bei einer Zahnsteinentfernung.

Doch das Paradies hat nur 18 Löcher, ist also endlich. Entweder werde ich, wenn die Übertragung vorbei ist, von den aggressiven, Fanfaren untermalten Programmtrailern aus dem Schlaf gerissen, oder etwas Unangenehmes, schockierend Kühles reißt mich in die Realität zurück: die halbvolle Bierflasche, die ich samt Inhalt aus der Hand in den Schoß habe gleiten lassen.

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