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07. April 2019, 11:59 Uhr

Erstes Frauenturnier in legendärem Golfklub

Ganz kleine Schritte

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Vor 16 Jahre protestierte Frauenrechtlerin Martha Burk mit schusssicherer Weste vorm Augusta National Golf Club. Gestern endete dort das erste Frauenturnier. Für Burk nicht mehr als ein PR-Manöver des "Boys club".

Die Schlagzeilen waren so, wie es sich die Verantwortlichen vom Augusta National Golf Club vorgestellt hatten: "Frauen schreiben Geschichte", "historische Runde auf legendärem Golfkurs", "Träume werden wahr" stand etwa geschrieben, wenn über das Augusta National Women's Amateur berichtet wurde.

Am Samstag ging das Turnier zu Ende, den Sieg sicherte sich die US-Amerikanerin Jennifer Kupcho, die Nummer eins der Amateur-Weltrangliste. Eine "einzigartige Erfahrung" sei der Sieg in Augusta gewesen, sagte Kupcho anschließend.

Der Augusta National Golf Club (ANGC) ist ein Mythos, das jährliche Masters der Männer, das kommenden Donnerstag beginnt, ist das wohl prestigeträchtigste Turnier im Golfsport, das grüne Gewinner-Jackett das begehrteste Kleidungsstück.

Doch so legendär das Sportereignis, so zweifelhaft die Geschichte des elitären Privatklubs im US-Bundesstaat Georgia. 1933 auf einer ehemaligen Obstplantage gegründet, entwickelte sich der ANGC zu einem Zufluchtsort für die Geld-Elite Amerikas, von einem schmiedeeisernen Tor vor äußeren Kräften, Strömungen und Ereignissen geschützt.

So blieb das Masters auch lange nach der Bürgerrechtsbewegung für schwarze Golfer tabu. Erst 1975 wurde Gründer Clifford Roberts davon überzeugt, den Afroamerikaner Lee Elder starten zu lassen. Jener Roberts, der einst schriftlich fixiert hatte: "Solange ich lebe, sind die Mitglieder weiß und die Caddies schwarz." 1990 nahm der Klub das erste schwarze Mitglied auf. Die einzigen Frauen auf dem Kurs blieben indes die Gattinnen der Mitglieder.

Es begann mit einem Brief

Im Sommer 2002 wandte sich Martha Burk, Vorsitzende der US-amerikanischen Frauenverbände, in einem Brief an William Woodward Johnson. Die promovierte Psychologin bat den Chef des Männerbundes, künftig doch auch Frauen die Mitgliedschaft zu ermöglichen.

Der damals 71-Jährige, der den Klub seit 1998 führte und den alle nur "Hootie" riefen, antwortete Burk mit drei kurzen Sätzen. Er finde ihren Brief "beleidigend und nötigend". Man lasse sich nicht "schikanieren, bedrohen oder einschüchtern". Augusta National sei ein "absoluter Privatklub", folglich sei er auch nicht weiter bereit, mit den Frauen-Organisationen zu kommunizieren: "Das wäre sicherlich nicht konstruktiv."

Burk aber ließ sich nicht abwimmeln. Sie startete eine massive Kampagne, appellierte an übertragende Sender und an Sponsoren - mit erstaunlichem Erfolg. Im Oktober 2002 erklärte "Hootie" Johnson, Verträge mit Coca-Cola, Citigroup und IBM zu kündigen, um die Unternehmen vor der Kontroverse zu schützen. Zehn Millionen Dollar sollen ANGC dadurch entgangen sein. Burk sagte: "Ich bin überrascht, wie viel Geld sie ausgeben, damit sie weiterhin Frauen herabwürdigen dürfen."

Schnell weitete sich der Geschlechterkampf aus, auf Talkshows, auf Leitartikel, die "LA Times" schrieb: "Die soziale Hinterwäldler-Einstellung wird nur noch vom Nettovermögen der Mitglieder übertroffen." Die meisten der rund 300 ANGC-Mitglieder hingegen ermuntern Johnson zu einer härteren Gangart. Und Burk? Sie brachte den Geschlechterkampf im kommenden Jahr zum ANGC, während des Masters 2003.

Doch der Protest erzielte nicht die gewünschte Aufmerksamkeit. Am Toreingang wurden für fünf Dollar das Stück "I support Hootie"-Anstecker verkauften, während Burk und rund 50 Unterstützer per richterlichem Beschluss auf ein einen Kilometer entferntes Feld verbannt wurden. Es sollten zehn weitere Jahre vergehen, bis mit der ehemaligen US-Außenministerin Condoleezza Rice und der Unternehmerin Darla Moo erstmals Frauen als Mitglieder des elitären Klubs aufgenommen wurden.

Für Burk war es eine gefährlicher Kampf. "Ich habe wegen Augusta so viele Morddrohungen bekommen", sagte sie der Nachrichtenagentur Reuters. "An dem Tag habe ich eine schusssichere Weste getragen und Bodyguards engagiert." Burks Organisation hatte anschließend zwei Diskriminierungsklagen gegen Unternehmen ermöglicht, deren Chefs ANGC-Mitglieder sind. Mit Erfolg: 79 Millionen Dollar Abfindung erhielten die Mitarbeiterinnen von Smith Barney und Morgan Stanley.

Diese Klagen gegen Mitglieder des Klubs - die geheime Liste wurde Burk zugespielt - hätten schlussendlich ein erstes Umdenken eingeleitet, glaubt Burk. Auch deshalb ist die 77-Jährige sicher: Ohne den konstanten öffentlichen Druck "würden sie immer noch so weitermachen wie bisher und damit durchkommen. Es tut mir leid, aber ich kaufe ihnen das einfach nicht ab".

Kein grünes Jackett, aber eine große Inszenierung

Tatsächlich ist das Augusta National Women's Amateur auch gar nicht das erste Frauenturnier auf dem heiligen Rasen von Augusta. Einzig der Finaltag fand auf den ANGC-Gelände statt. Mittwoch und Donnerstag spielten die 72 Teilnehmerinnen im 30 Minuten entfernten Champions Retreat Golf Club um die Chance, am Finaltag den prestigeträchtigen Kurs über die legendäre Magnolia Lane betreten zu dürfen.

Nachdem Siegerin Kupcho den Pokal von ANGC-Vorstand Fred Ridley entgegengenommen hatte, sagte sie: "Ich glaube wirklich daran, dass wir etwas Großartiges im Frauengolf in Bewegung gebracht haben."

Martha Burk sieht das etwas anders. Sie hält das Turnier für reine Imagepflege: "Es ist ein Minischritt in die richtige Richtung. Ich würde nicht mal so weit gehen zu sagen, es sei ein kleiner Schritt. Es ist einfach ein großer PR-Deal."

mit Material von rtr

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