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Golfprofi Kaymer: Einmal Weltspitze und zurück

Foto: Andrew Redington/ Getty Images

Golfstar Kaymer Knall auf Fall

Auf einmal war er die Nummer eins: Der deutsche Golfer Martin Kaymer schaffte einen steilen Aufstieg bis an die Spitze der Weltrangliste - doch dann kam der Fall. Dem 28-Jährigen wurde der Rummel um seine Person zu viel, er sehnt sich nach Ruhe. Doch zunächst musste er laut werden.

Es gibt Sportler, die lassen es knallen, reden in Schlagzeilen. Und es gibt Sportler, die liefern keine Schlagzeilen, keinen Knall. Für viele ist der Golfer Martin Kaymer seit langer Zeit Zweiteres; unspektakulär, ruhig. Sein Auftreten passt zu dem Verständnis, das viele in Deutschland von seinem Sport haben. Es scheint ganz einfach: Ein Mann wie seine Disziplin. Aus, fertig.

Doch es ist nie so einfach, wie man es sich gerne macht. Und einfach macht es sich Kaymer schon länger nicht mehr. Es ist eine Weile her, da fotografierte er im Internet die Weltrangliste und "konnte es nicht glauben, dass mein Name neben der Eins steht". Kaymer, der junge Mann aus dem Düsseldorfer Umland, der unerkannt über die Kö laufen kann, war plötzlich Weltranglistenerster. Er, der stille Deutsche. Nicht Tiger Woods, Bestverdiener des Weltsports, ein globales Phänomen, dem Kinder in China zujubeln.

Es ist gut möglich, dass Kaymer in diesem Moment das Erreichte nicht realisieren konnte. Sicher ist, dass er auf das, was darauf folgte, nicht vorbereit war. Dieser Tag veränderte einiges. In erster Linie Kaymer selbst. "Ich habe mich seither unheimlich entwickelt", sagt er nun. Das wurde spätestens vergangenes Wochenende klar. Zu den BMW International Open reiste ein anderer Kaymer nach München. Natürlich, er wollte den Titel holen. Er wollte aber auch einiges klarstellen. Er wollte plötzlich Schlagzeilen liefern - nicht nur mit dem Schläger.

Vor dem Turnier bündelte er die Presseanfragen und setzte sich eine Stunde vor ein paar Dutzend Journalisten. Der Golfer, der sich jahrelang nur sporadisch mit dem Medienapparat auseinandersetzen wollte, redete sich vor Kameras einiges von der Seele.

Mit der sportlichen Bilanz des Trips, der mit Rang vier im einzigen deutschen Golfturnier der ersten Liga endet, konnte er zufrieden sein. Es war seine beste Saisonplatzierung.

Als er ganz oben ist, stellt er sich Fragen

Der Glaube, Turniere gewinnen zu können, ist wieder da. Das ist nicht selbstverständlich. Der letzte offizielle Tour-Titel liegt mehr als 19 Monate zurück.

Kaymer gehört schon länger nicht mehr zu den besten 30 Golfern der Welt, derzeit ist er die Nummer 34. Seit 2011 ging es noch schneller bergab als zuvor bergauf - und das war schon äußerst zügig. Mit 25 Jahren war er bereits Major- und Ryder-Cup-Sieger, wenig später die Nummer eins. Ziemlich viel, zumal für Kaymer, der heute sagt, "es gibt Sportler, die sind schneller mit der Anpassung, andere brauchen länger". Es ist klar, zu welcher Kategorie er sich selber zählt. Aber er will keine Hilfe von außen, "das muss alles aus mir selber kommen".

Als er ganz oben ist, beginnt er, sich Fragen zu stellen: Warum bin ich die Nummer eins? Er zweifelt. "War es die Form? Wie lange hält sie an? Oder ist es wirklich mein Spiel?" Kaymer tut plötzlich das, was viele Leute bis heute nicht verstehen wollen. Er meint, sein Golf sei noch nicht so weit wie er selbst. An der Spitze. Also baut er seinen Schwung, sein Spiel um, als alles anscheinend so gut läuft. Der Prozess dauert "ein bisschen länger als erwartet". In gewisser Weise hält diese Renovierung bis heute an.

Der Auftritt in Deutschland zeigt jedoch, dass das Spiel in großen Teilen keine Baustelle mehr ist, "die Puzzleteile müssen sich nur noch zusammenfügen". In den kommenden Wochen mit wichtigen Turnieren in Europa, unter anderem dem Majorturnier British Open, soll sich das Bild komplettieren. Kaymer ist sich sicher, "ich komme zurück".

Die Antwort auf die Frage, warum er sich nach dem Turnier im Münchner Golfclub Eichenried entspannt und glücklich den Zuschauern widmet und von der "schönsten Turnierwoche in der Heimat" seit seinem Sieg 2008 spricht, liegt jedoch nicht nur in der Arbeit auf der Range.

Sehnsucht nach Wäschewaschen

2012 fanden die BMW International Open erstmals bei Köln statt, "in meiner Region", wie Kaymer es nennt. Für den, der für viele inzwischen Golf in Deutschland personifizierte, bedeutete das aber vor allem: Noch mehr Erwartungen, noch mehr Andrang, noch mehr Termine. Kaymer ist ein sehr genügsamer Mensch, nur auf eines verzichtet er ungern: seine Ruhe. Die hatte er in Köln nicht. Vor den Finalrunden war er raus und sagte sich: So nie mehr.

Anfang dieses Jahres macht er dann mit seinem Team (Bruder, Manager, PR-Berater) einen Plan. Sie streichen die PR-Termine für die Turnierwoche in Eichenried auf ein Mindestmaß, verzichten auf Geld und nehmen auch die Klagen aus den Reihen eines großen Sponsors hin. "Am Ende zählt nur der Pokal, nichts anderes." Kaymer spricht auf der vielbeachteten Pressekonferenz sogar von "hinderlichen" Verpflichtungen. Worte, die man von ihm nicht gewöhnt ist, gerade heraus, liefert Schlagzeilen.

Er sprach vom Heimweh, das ihn in seinem US-Trainingsstandort Arizona befalle, der Sehnsucht nach dem "normalen Leben", nach "der Möglichkeit, abends nach Hause zu kommen, Wäsche zu waschen". Der sonst so unnahbare Kaymer ist verschwunden. Das Echo war ihm egal, die Sache machte ihn frei für das, was für ihn über allem steht: sein Golfspiel.

"Ich will endlich mal wieder richtig Spaß auf dem Golfplatz haben", sagt er vor dem Turnier. Es muss viel passieren, dass ein Profisportler Derartiges verlauten lässt. Bei Kaymer ist es noch mehr. Am Ende steht er in Eichenried vor Fans und Kameras in der Nähe des 18. Grüns, grinst in die Sonne und erklärt: "Das hat Spaß gemacht."

Was das Schönste an seinem Sport sei, wurde er einmal gefragt: "Früh am Morgen, allein auf dem Platz, diese Ruhe, die liebe ich." Kaymer hat jetzt erfahren, was alles nötig ist, um einfach nur Golf spielen zu können. Um die Ruhe genießen zu können, muss er manchmal doch eben etwas lauter werden.

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