Golf-Turnier Masters Schwarz arbeitet, Weiß schaut Golf

Das Masters ist das schillerndstes Golf-Turnier der Welt. Doch so unangefochten seine sportliche Stellung ist, so zweifelhaft präsentiert sich seine Geschichte.

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Am Anfang war das Hirngespinst. Als das Masters Tournament 1934 erstmals ausgetragen wurde, war die British Open 74 Jahre alt, die erste US Open lag knapp 40 Jahre zurück. Die offenen Meisterschaften auf beiden Seiten des Atlantiks waren Ursprung legendärer Golf-Erzählungen, sie bildeten das Zentrum des Golfsports. Genau da wollte das Masters auch hin. Ein ambitioniertes Ziel für diesen jungen Spross, ersonnen von einem erfolgreichen Golfer und einem Investmentbanker aus New York, ausgetragen in einem exklusiven Privatklub in Augusta, Georgia, neu erbaut für die urlaubende Oberschicht von der Ostküste.

Der Plan war eigentlich, die jährlich an anderen Orten stattfindende US Open nach Georgia zu holen, der wurde jedoch abgelehnt. So machte sich der Banker Clifford Roberts daran, das Turnier ohne Geschichte selbst zum großen Major zu formen. Das Masters war ein Reißbrettprojekt. Das Ziel: Bedeutung und Tradition.

An diesem Donnerstag startet das Masters Tournament in seine 81. Auflage, es ist damit nicht viel älter als es die British Open 1934 war. Doch das Turnier hat schon längst erreicht, was Initiator Roberts vor Augen hatte. Das Masters ist seit rund 60 Jahren das erste Major im Jahr, Bernhard Langer, Sieger 1985 und 1993, nennt es das "schönste und sensationellste Golfturnier der Welt".

Bernhard Langer (r.) 1985 im Grünen Jackett
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Bernhard Langer (r.) 1985 im Grünen Jackett

Das einzige Major, das Jahr für Jahr auf demselben Platz ausgetragen wird, steht für Begriffe, die die Golfwelt prägen. Das grüne Jackett für den Sieger ist das bedeutendste Kleidungsstück im Golf, die drei Löcher der so genannten Amen Corner sind die wohl bekanntesten der Welt. Die Liste der golfhistorischen Reizbegriffe ist länger als irgendwo sonst. Und dann der Platz: Kein anderer Kurs, so heißt es, sei eine derart komplette Herausforderung wie der im Augusta National Club. Martin Kaymer, der zweite deutsche Starter in dieser Woche, nennt ihn "die härteste Prüfung des Jahres".

Das Masters hat sich so seinen eigenen Mythos geschaffen, mehr noch als die anderen Majors. Es ist eine Erfolgsgeschichte, wurzelnd in der Besessenheit eines Einzelnen - dessen zwiespältiger Charakter einen nicht immer schönen Weg zeichnete.

Maßgeblich für den Aufstieg war im Angesicht der eigenen Geschichtslosigkeit die Etablierung einer eigenen Tradition. Das Masters hat seine eigenen Regeln und Gepflogenheiten. Das machte im ersten Schritt nicht beliebt - aber interessant.

Im Kern der Masters-Tradition stand der Entzug, ganz im Sinne der kleinen Schilder vor der Anlage: Members Only. TV-Kameras hatten über Jahre nur beschränkten Zugang, so waren die ersten neun Löcher lange nur denen bekannt, die live vor Ort waren. Noch heute sind die Fernsehzeiten begrenzt und auch sonst sind die Regeln für die Berichterstattung strikter als überall sonst.

Bill Gates wollte Mitglied werden - und wurde abgelehnt

Wer den Platz als Amateur spielen will, hat so gut wie keine Chance, was den Reiz natürlich nur steigert. Wer ein Klubmitglied kennt, hat Vorteile. Öffentlich sind die Mitgliederlisten nicht, Warren Buffett soll darunter sein, Bill Gates soll beim ersten Anlauf ein "Nein" kassiert haben. Insgesamt soll es rund 300 Mitglieder geben, viel mehr dürfen es nicht werden, weshalb die meisten älter als 70 sind - weiß und männlich.

Auch das hat mit Masters-Erfinder Roberts zu tun, der schon mal als Autokrat bezeichnet wird und von dem der Satz stammen soll: "So lange ich lebe, sind Spieler weiß und Caddies schwarz." Lange nach dem Höhepunkt der Bürgerrechtsbewegung Mitte der Sechziger Jahre blieb das Masters für schwarze Golfer tabu, erst 1975 wurde Roberts davon überzeugt, den Afroamerikaner Lee Elder starten zu lassen. 1990 nahm der Klub schließlich das erste schwarze Mitglied auf. Und es dauerte weitere 22 Jahre, bis 2012 Condoleeza Rice als erste Frau das grüne Jackett des Klubs überstreifen durfte.

Verkäuferinnen an einem Verpflegungsstand
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Verkäuferinnen an einem Verpflegungsstand

Manche Formalität hat sich geändert, doch bis heute wird der Geist des Elitären eher gepflegt statt vertrieben. Die "New York Times" nannte das Masters einst ein "unglaublich schön anzuschauendes Gefangenenlager für Republikaner". Zwischen blühenden Azaleen erfreut sich die konservative obere Mittelschicht, die auf dem Schwarzmarkt mehrere Tausend US-Dollar für einen Tag Golf zahlt, an einer der eindrucksvollsten Erfolgsgeschichten der jüngeren US-Geschichte.

Der Vater dieses amerikanischen Traums fand selbst kein glückliches Ende. Der krebskranke Roberts wurde 1977 eines Morgens auf der Anlage gefunden, nahe des Ike's Pond, einem kleine Teich, benannt nach dem großen Augusta-Förderer Dwight "Ike" Eisenhower, dem 34. US-Präsidenten. Roberts war tot, er hatte sich erschossen.

20 Jahre später sollte ein gewisser Tiger Woods in Augusta sein erstes Major gewinnen. Es war der Beginn einer anderen Erfolgsgeschichte, die den Sport für neue Bevölkerungsschichten und Altersgruppen öffnete.

Heute, wiederum 20 Jahre später, hat sich der globale Golfsport entfernt vom "Members-only"-Image. Doch in Augusta, hinter Azaleen-Büschen und hohen Kiefern, ist der Geist von Clifford Roberts auch 2017 noch zu spüren: Schwarz arbeitet, Weiß schaut Golf.



insgesamt 2 Beiträge
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der mit den Flügeln 06.04.2017
1. Wider den Zeitgeist
das nicht jedermann Zugängliche macht doch das Faszinosum aus - bei Landschaften wie bei Menschen. Ein Golfclub ist eine privatrechtliche Institution Gleichgesinnter. Warum sollte er sich an der öffentlichen Meinung, alias Zeitgeist, orientieren? Klingt nicht sogar bei dem Autor eine latente Begeisterung für das Unangepasste durch? Ich, weiß, männlich, Gutverdiener. freue mich auf den Wettstreit der (Achtung, positiv gemeint) Elite in den nächsten 4 Tagen.
postmaterialist2011 06.04.2017
2. Arme Wurst !
Weiss männlich, gutverdienend und hat Angst, dass Schwarze, Latinos oder Asien die Privilegien der eigenen Körperblässe kaputt machen. Wenn ein Privileg nur aufgrund der Hautfarbe besteht, für die man selbst so gar nichts beigetragen hat, dann verzichte ich verdammt gerne auf solche Privilegien. Echter Wahnsinn, wie viele mittelalte weisse Männer genau wissen, dass sie ihre Position nicht aufgrund von Leistung, sondern Erbschaft und Hautfarbe erreicht haben und daher mit Hauen und Stechen daran festhalten. Mir tun Sie leid !
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