Ryder Cup Team USA führt, Colsaerts glänzt

Die USA gehen mit einem 5:3-Vorsprung in den zweiten Tag des Ryder Cup. Zwar leistete sich Superstar Tiger Woods viele Fehler, doch der Rest des Teams überzeugte. Auf Seiten der Europäer feierte der Belgier Nicolas Colsaerts ein überragendes Debüt.

Nicolas Colsaerts: Überragend an seinem ersten Ryder-Cup-Tag
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Nicolas Colsaerts: Überragend an seinem ersten Ryder-Cup-Tag

Aus Medinah berichtet


Am Ende eines langen Auftakt-Tages beim 39. Ryder Cup stand dann plötzlich doch nochmal der Superstar im Mittelpunkt. Es war einer dieser typischen Momente, wie es sie schon oft in der Golf-Geschichte von Tiger Woods gegeben hat. Sein Ball auf der 18. Bahn des Medinah Country Club lag knapp sechs Meter vom Loch entfernt, alle Augen waren auf den US-Amerikaner gerichtet. "Wenn er diesen Putt macht, ist der Ryder Cup vorbei", sagt der ESPN-Kommentator und schickt schnell ein "zumindestens laut unserer Statistiken" hinterher.

5:2 lag Amerika gegen Europa nach sieben Matches zu diesem Zeitpunkt vorn. Und bislang haben die USA jedes Mal das Kräftemessen der Kontinente für sich entschieden, wenn sie nach dem ersten Tag mindestens mit drei Punkten geführt haben.

Woods' Teammitglieder hatten nach einem 2:2-Zwischenstand drei Partien nacheinander gewonnen, er selbst hingegen war mit Steve Stricker im Fourball gegen Nicolas Colsaerts/Lee Westwood einen Schlag zurück. Doch mit einem Birdie könnte der 34-Jährige ausgleichen, beide Mannschaften würden einen halben Punkt bekommen und Amerika mit 5,5:2,5 in den Samstag gehen. Als Woods' den Ball Richtung Loch streichelt, brüllen mehrere zehntausend Zuschauer laut los. Als der Putt um Millimeter links am Loch vorbeigeht, raunt das Fanvolk, während die Europäer tief durchatmen.

"Eine der großartigsten Putting-Runden, die ich jemals gesehen habe"

Dass die Titelverteidiger um Deutschlands Nummer eins, Martin Kaymer, nicht sogar einem 2:6-Rückstand hinterhereilen, haben sie einzig Nicolas Colsaerts zu verdanken, dem ersten Belgier der Ryder Cup-Geschichte. "Er hat eine der großartigsten Putting-Runden gespielt, die ich je gesehen habe", sagte ein sichtlich beeindruckter Woods. Nach einer schwachen Vormittagsrunde, steigerte sich der 14-malige Major-Champion in seinem zweiten Match des Tages beträchtlich. "Come on Tiger", hallt es immer wieder über die Anlage. Doch selbst sieben Birdies waren nicht genug, um den einzigen Neuling im europäischen Team zu besiegen. Colsaerts blieb bei seinem Ryder Cup-Debüt zehn unter Par, spielte acht Birdies und am zehnten Loch sogar einen Eagle. "Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll", sagte der 29-jährige aus Brüssel auf der Pressekonferenz. Er sprach dann doch und zwar von der wunderbaren Atmosphäre, einem besonderen Turnier und wie gut er sich doch an der Seite von Lee Westwood gefühlt habe.

All' dies hätte er beinahe gar nicht miterlebt. In der europäischen Rangliste war Colsaerts bei Nominierungsschluss Ende August nicht unter den Top Ten. Nur dank einer Wildcard von Jose Maria Olazabal rutschte er doch noch in die Mannschaft. Der spanische Team-Kapitän hat wohl geahnt, dass der mehr als 7000 Meter lange Kurs im Nordwesten Chicagos wie geschaffen für Colsaerts ist. Die Gastgeber haben zwar alles getan, damit ihr Heimvorteil so groß wie möglich ist. Die Roughs sind kurz gemäht, "die Leute", so US Team-Kapitän Davis Love III, "wollen schließlich Action sehen, Birdies, und nicht, wie Spieler die Bälle aus dem tiefen Gras chippen." Doch derartige Bedingungen kommen eben nicht nur seinen Longhittern wie Bubba Watson oder Keegan Bradley zu Gute, sondern auch Colsaerts, der mit einem Schnitt von 318 Yards den weitesten Abschlag aller 24 Ryder Cup-Profis hat.

Woods muss am Samstag zunächst zuschauen

In Medinah aber beeindruckte der Belgier vor allem auf den Grüns. Egal ob aus zwei, fünf oder sogar mehr als sieben Metern, er zeigt vor mehr als 40.000 frenetischen Fans keine Nerven - cool, kaltschnäuzig, Colsaerts. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand schon mal so ein Debüt hatte", sagte sein Spiel-Partner Westwood: "Unglaublich."

Auch drei amerikanische Ryder Cup-Rookies spielten stark. Keegan Bradley gewann an der Seite von Phil Mickelson sowohl gegen Luke Donald/Sergio Garcia als auch gegen Rory McIlroy/Graeme McDowell und sprach anschließend vom "besten Tag meines Lebens." Jason Dufner holte mit Zach Johnson einen Sieg und Webb Simpson deklassierte gar mit Bubba Watson die Kombination Peter Hanson/Paul Lawrie. Wie stark besetzt das Gastgeber-Team ist, wurde bereits deutlich, als Davis Love III bei den vier Vormittags-Matches zunächst auf Masters-Champion Watson und US Open-Gewinner Simpson verzichtete.

Am Samstag wird der amerikanische Team-Kapitän zunächst Tiger Woods draußen lassen. Zwischen Sieg und Niederlage liegen im Golf bekanntlich oft nur Marginalien. Und wer weiß, ob Love III auch auf den Weltranglisten-Zweiten verzichten würde, wenn dieser den Birdie-Put am letzten Loch gemacht hätte. So aber stehen zwei Nullrunden für den Superstar, der jetzt zuschauen muss. Eine Premiere in der Golf-Geschichte des Tiger Woods.

Die Foursome-Matches am Samstag (ab 14.20 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE)

J. Rose/I. Poulter (Europa) - B. Watson/W. Simpson (USA)
L. Westwood/L. Donald - K. Bradley/P. Mickelson
N. Colsaerts/S. Garcia - J. Dufner/Z. Johnson
R. McIlroy/G. McDowell - J. Furyk/B. Snedeker



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