Golfer Kaymer Letzte Chance auf den Ryder Cup

Der Traum vom prestigeträchtigsten Golfturnier der Welt: Profigolfer Martin Kaymer kann sich als zweiter Deutscher nach Bernhard Langer für den Ryder Cup qualifizieren. Dafür muss er sich an diesem Wochenende in Schottland gegen drei Engländer bewähren.


Golf wird im Kopf entschieden: störende Gedanken verdrängen, Schwierigkeiten ausblenden und äußeren Widrigkeiten trotzen. Golfprofis haben die meiste Zeit mit sich und ihrem Spiel zu tun, den Ergebnissen der Konkurrenz versucht man erst im Clubheim Beachtung zu schenken.

Golfprofi Kaymer: "Es wird eng, aber ich genieße es"
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Golfprofi Kaymer: "Es wird eng, aber ich genieße es"

Martin Kaymer gilt trotz seiner 23 Jahre schon als mental sehr starker Profi, doch erstmals in seiner noch jungen Karriere bekommt es das deutsche Talent an diesem Wochenende mit einer für ihn neuen Art der Herausforderung zu tun. Die Verlockung wird so groß wie nie zuvor sein, sich vom eigenen Spiel ablenken zu lassen und zumindest einen Konkurrenten bei den Johnnie Walker Championship im schottischen Gleneagles gleich vom ersten Abschlag ein wenig genauer zu beobachten.

Das Turnier der European Tour könnte für Kaymer das Tor zum prestigeträchtigsten Golfturnier der Welt sein. Bereits in seinem zweiten Jahr auf Europas Elite-Tour könnte sich der Jungprofi für den Ryder Cup qualifizieren und damit nach Bernhard Langer als erst zweiter Deutscher die Europa-Auswahl im Wettstreit mit den USA vertreten. Der einstige Ryder-Cup-Sieger und Kapitän des europäischen Teams 2004 verglich das Duell im "Stern" unlängst mit dem Endspiel einer Fußball-WM. In diesem Zusammenhang bestreitet Kaymer ab Donnerstagmorgen ein Halbfinale. Sein Gegner: Oliver Wilson aus England.

Kaymer ist Außenseiter, er geht mit Rückstand in die Partie. Wilson ist derzeit Zehnter der europäischen Ryder-Cup-Rangliste, Kaymer liegt knapp dahinter auf Platz elf. Auch am Donnerstag wird er ihn verfolgen. Der Deutsche startet direkt hinter Wilson auf dem Kurs in Gleneagles.

Zehn Golfer qualifizieren sich direkt für das Duell der Kontinente, das Mitte September in Kentucky/USA ausgetragen wird. Die fünf besten der Weltrangliste ergänzt mit den fünf weiteren Besten der europäischen Geldrangliste. Sollte Wilson den Cut verpassen, müsste Kaymer mindestens 26. werden. Darüber hinaus haben in Ross Fisher (13.) und Nick Dougherty (14.) weitere Engländer die - wenn auch weit geringere - Chance auf Platz zehn. Ian Poulter, ja, Engländer, auf Platz zwölf hat auf eine Teilnahme in Gleneagles verzichtet, er hofft auf eine Wildcard für den Ryder Cup.

Er fühle den Druck nicht, sagt Kaymer. "Ich sehe es als Herausforderung und es macht mir Spaß, in einer Position zu sein, in der ich die anderen ärgern kann. Es wird sicher sehr eng, aber ich genieße es", so Europas Newcomer des Jahres 2007.

Sieben europäische Golfer haben ihren Platz im Team bereits sicher: Padraig Harrington, Lee Westwood, Sergio Garcia, Henrik Stenson, Robert Karlsson, Miguel Angel Jimenez und Graeme McDowell sind auf jeden Fall dabei. Sollte der bislang achtplazierte Justin Rose den Cut verpassen, könnte Kaymer mit einem Top-5-Ergebnis noch vorbeiziehen, beim Scheitern des neuntplazierten Dänen Sören Hansen müsste es mindestens Rang sechs sein. Bei Rang sieben würden Kaymer 28 Euro Preisgeld fehlen.

Doch die Rechenspiele sind aufgrund der Stärke von Hansen und Rose wohl überflüssig. Wilson bleibt der Mann, den es zu schlagen gilt. Gut 17.000 Euro Preisgeld liegt der 27-Jährige vor Kaymer. In Gleneagles gibt es für den Sieger knapp 300.000 Euro, ein zehnter Platz bringt immerhin noch gut 35.000 Euro. Die Chancen sind also da. Und vielleicht reicht sogar der elfte Rang für die Qualifikation. Der Schwede Robert Karlsson, bislang Fünfter der Rangliste, hat Probleme mit der Halsmuskulatur. Seinen Auftritt bei der Deutsche Bank Championship in Boston an diesem Wochenende musste er bereits verletzungsbedingt absagen.

Und noch ein winziger Hoffnungsschimmer bleibt: Am Abend des Finaltages des Turniers in Schottland wird der europäische Teamchef Nick Faldo in jedem Fall den zehn Besten zwei weitere Spieler per Wildcard zur Seite stellen.

Auf diesen Umweg wird Kaymer nicht hoffen können. Bewährte Kräfte wie Darren Clarke (Nordirland), der am Wochenende in den Niederlanden siegte, Paul Casey (England) oder Ian Poulter (England) werden einem Ryder-Cup-Rookie normalerweise vorgezogen. Außerdem wird die aktuelle Form ein entscheidendes Kriterium sein, wie Faldo bereits angekündigt hat. Auch dort hat Kaymer derzeit nicht die besten Argumente.

Bis zur Mitte des Jahres hatte der Senkrechtstarter bereits zwei European-Tour-Siege gefeiert und sich in der Weltrangliste zeitweise bis auf Platz 21 vorgearbeitet. Eine Teilnahme im Ryder Cup, die für Kaymer immer "schön, aber noch kein Thema" war, schien plötzlich sicher.

Dann starb Kaymers Mutter, worauf er verständlicherweise ein wenig die Form verlor. Bereits kurz danach spielte er die British Open, wo er er am letzten Tag nach gutem Start noch auf Platz 80 abrutschte. Bei der PGA Championship, einem weiteren Major Anfang August, reichte es für ihn als 120. nicht zum Cut.

In den vergangenen Wochen hat sich Kaymer wieder stabilisiert und mit einem 14. Platz in Schweden die Chance auf das große Ziel Ryder Cup gewahrt. Und sollte er sich doch gegen einen der Engländer durchsetzen, so hätte er in Gleneagles bereits ein bisschen für den Prestige-Wettkampf geübt. Auch im Duell mit den USA geht es nicht nur um das eigene Spiel. Auch dort geht es Mann gegen Mann.

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