Golfer Rory McIlroy Ganz cool, ganz oben

Es könnte der Beginn einer neuen Ära sein: Rory McIlroy ist die neue Nummer eins der Golf-Weltrangliste. Der Nordire wird von Jahr zu Jahr besser und gilt als größtes Talent des Sports seit Tiger Woods. Der US-Superstar selbst hätte die Krönung des 22-Jährigen fast noch verhindert.

AFP

Von


Hamburg - Rory McIlroy stapelt gern tief: "Manchmal schlage ich kleine weiße Bälle über den Platz", lautet die Signatur auf seiner Twitter-Seite. Man könnte ergänzen: Und meistens schlägt er sie besser als jeder andere Golfer auf der Welt. So wie am Sonntag.

Als er auf dem 18. Grün des Palm Beach im US-Staat Florida seinen letzten Putt versenkt hatte, stieß McIlroy einen Freudenschrei aus, und warf seinen Siegerball ins Publikum - mit seinem sechsten Turniersieg hat der 22-jährige Nordire den Engländer Luke Donald als offiziell bester Golfer der Welt abgelöst.

Schöner hätte McIlroy sich seine Krönung kaum wünschen können. "Das war immer mein Traum. Ich bin überglücklich, es geschafft zu haben. Es war eine großartige Woche", sagte McIlroy nach seinem Triumph. Der abgelöste Donald gratulierte via Twitter: "Glückwunsch. Genieße die Aussicht!"

"Ich hätte nicht gedacht, dass es so schnell geht"

Trotz seines jungen Alters: Es war nur eine Frage der Zeit, bis McIlroy auch offiziell der beste Golfer der Welt sein würde. Bereits mit 17 Jahren landete der Junge aus dem Örtchen Holywood beim Turnier in Dubai ein Preisgeld, das er als Amateur nicht annehmen durfte. In seinen viereinhalb Profijahren hat er bereits über zehn Millionen Dollar eingespielt. "Ich hätte nicht gedacht, dass es so schnell geht. So wie ich im Moment spiele, werde ich da vielleicht ein bisschen länger bleiben", sagte er zur neuen Spitzenposition.

Der Sieg in Florida war bereits die sechste Top-Fünf-Platzierung in den vergangenen sieben Turnieren und der dritte Turniersieg auf der PGA-Tour. Im vergangenen Jahr gelang ihm bei den U.S. Open als jüngstem Europäer in der 111-jährigen Turniergeschichte der erste Major-Triumph, den er mit dem Rekordergebnis von 16 unter Par krönte. Spätestens da war er als legitimer Nachfolger von Tiger Woods ausgemacht.

McIlroy ist die jüngste Nummer eins seit dem US-Amerikaner, der die Weltrangliste insgesamt 623 Wochen anführte - und der ihn am Sonntag unerbittlich gejagt hatte. Es wirkte wie ein letztes Aufbäumen des 36-jährigen "Tigers" als bestimmender Spieler der vorhergehenden Generation.

Als McIlroy am 13. Loch stand, erklang ein Aufschrei Hunderter Woods-Fans aus der Entfernung. Sie bejubelten den Eagle des Superstars. "Es war ganz am anderen Ende des Platzes. Aber ich habe sofort gewusst: Das war kein Birdie-Schrei, das war ein Eagle-Schrei", sagte McIlroy. Woods zeigte sein bestes Golf seit Jahren und spielte eine sagenhafte 62, seine beste Schlussrunde in 16 Jahren als Profi.

Tipps vom Putting-Experten sorgten für den nächsten Schritt

Und wie reagierte Rory McIlroy, der gerade auf dem Grün stand, vor einem ganz wichtigen Putt? Er horchte kurz auf, drehte den Kopf, schüttelte sich kurz - und traf zum Birdie. Es ist diese Nervenstärke, die McIlroy derzeit auch von seiner Konkurrenz abhebt. "Sein Schwung war schon immer sehr flüssig und natürlich. Einfach instinktiv", sagt McIlroys Landsmann und Freund Graeme McDowell - "aber seine Putts waren es nicht."

Im vergangenen Frühjahr beschloss McIlroy deshalb - auf Drängen seines Caddies J.P. Fitzgerald -, mit dem Putting-Spezialisten Dave Stockton zusammenzuarbeiten. Im Mai 2011, zwei Wochen nach einem katastrophalen Schlusstag beim Masters in Augusta, als McIlroy einen sicheren ersten Major-Sieg verspielte, trafen sich die drei zu einer ersten Einheit: 25 Minuten redeten sie miteinander, es folgten zehn Minuten auf dem Übungsgrün. "Viel Hilfe war nicht nötig", sagte Stockton dem Internetportal Golf.com. McIlroy solle sich beim Putten einfach etwas mehr Zeit lassen, ganz einfach.

So gut Rory McIlroy solche Ratschläge auf dem Platz beherzigt, nach der Siegerehrung hatte er es dann doch wieder eilig. "Ich werde sofort nach New York fliegen, um Caro zu sehen", sagte McIlroy im Clubhaus des National Golf Clubs in Palm Beach. "Caro", das ist Caroline Wozniacki, seine Lebensgefährtin. Die Dänin verlor erst vor kurzem die Führung in der Tennis-Weltrangliste, ist selbst ein Superstar. McIlroy würde wohl eher sagen: Sie schlägt manchmal gelbe Bälle über den Platz.



© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.